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Donnerstag, 19. Juli 2018 30° 1

Gesellschaft

Partnerwahl: Eine Frage der Intelligenz?

Wer ist der Richtige? Das Herz spricht ein wichtiges Wort. Man darf aber ruhig auch die Vernunft mitreden lassen.
Von Sebastian Sonntag

Wer ist der Richtige? Wer ist die Richtige? Die Partnerwahl erfolgt unbewusst; man darf aber ruhig die Vernunft mitsprechen lassen. Foto: olly – stock.adobe.com
Wer ist der Richtige? Wer ist die Richtige? Die Partnerwahl erfolgt unbewusst; man darf aber ruhig die Vernunft mitsprechen lassen. Foto: olly – stock.adobe.com

Regensburg.Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet, der Wahn ist kurz, die Reue lang!“ Eigentlich müsste die über 200-jährige Warnung von Friedrich Schiller in seinem Mammut-Gedicht „Die Glocke“ doch früh und unmissverständlich genug in die Welt hinausposaunt gewesen sein! Mit der Effektivität und Ernsthaftigkeit der Prüfung scheint es allerdings nicht allzu weit her zu sein, angesichts einer Scheidungsrate zwischen 30 bis 50 Prozent aller Ehepaare in Deutschland.

„Liebe dich selbst – und es ist egal, wen du heiratest“

Schiller selbst kann von sich mit Fug und Recht behaupten, dass er sich an seine eigene Aufforderung tunlichst gehalten hat. Hätte er vielleicht noch etwas ausführlicher seine Prüfungskriterien und seine Erfolgsgarantien für eine ewige Partnerschaft ausführen sollen? Im weiteren Laufe der Jahrzehnte kann man sich eigentlich nicht beklagen über genügend Versuche, solche Prüfungskriterien, zwar nicht von Herrn Schiller, aber zumindest von zahllosen mehr oder weniger selbsternannten Beziehungsspezialisten bekommen zu haben.

Man müsste nur mal in die einschlägigen Bücherregale von Buchhandlungen oder Bibliotheken schauen, um sofort die recht ordentliche Flut an Ratgebern und Hilfsangeboten zu erkennen. Vom Klassiker „Die Kunst, als Paar zu leben“ von Hans Jellouschek bis zum Bestseller von Eva-Maria Zurhorst „Liebe dich selbst – und es ist egal, wen du heiratest“ gibt es eine unendliche Fülle von scheinbar hilfreichen Büchern. Es ist wie mit den literarischen Wegweisern für Erziehung und Elternschaft. Wenn dies eine Garantie für einen problemlosen und absolut erfolgreichen elterlichen Umgang mit Kindern wäre, dann würden alle Beratungsstellen für Kinder und Jugendliche in Deutschland schon längst aus Mangel an Beschäftigung geschlossen haben. Mir ist bis jetzt davon jedenfalls noch nichts bekannt.

Im Gegenteil. All die vielen Informationen, Empfehlungen und Weisheiten scheinen, – wie einst ein sehr beliebter Radiobeitrag im Bayerischen Rundfunk betitelt war – „in den Wind gesprochen“ zu sein. Auch die meist etwas ironisch umformulierte Zitierung des Schiller-Wortes „Drum prüfe ewig, wer sich bindet…“ scheint keine wirkliche Hilfestellung zu sein.

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Bei solchen Zauderern und unentschlossenen Heiratskandidaten fällt mir immer wieder dieses amüsante und auch sehr wertvolle Bonmot aus einer Paarberatung eines bekannten Therapeuten ein. Der fragte eine Frau, warum sie sich so schwer entschließen konnte, ihren Partner zu heiraten, den sie nun schon so viele Jahre kannte. Sie antwortete: „Weil ich nicht weiß, ob er der Richtige ist!“ Darauf der Therapeut: „Du brauchst auch nicht den Richtigen, es genügt ein Guter!“ Ob dieser Tipp nun der guten Frau weiterhalf, weiß ich nicht. Denn wer schon einmal am Zweifeln und Zaudern ist, für den kann die nächste Hürde die Frage sein: „Was und wann ist denn einer ein Guter?“ So bleiben wir alle vor einer Ungewissheit stehen. Wie können wir eine Entscheidung treffen, für die wir so viele unbekannte Variablen haben und für die wir gerne viel mehr Fähigkeiten hätten, in die Zukunft schauen zu können.

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Aus so vielen Jahren Begleitung von Paaren, aber auch ganz schlicht aus meinen alltäglichen Erfahrungen mit Menschen kann ich immer nur wieder eines konstatieren: Unser Kopf, unsere Intellektualität scheint in Fragen Liebe und Partnerschaft zumindest am Anfang einer Beziehung nicht gerade die bedeutendste Rolle zu spielen. Was die meisten unter „Liebe“ verstehen, scheint oft einer genaueren Übersetzung und Deutung zu bedürfen. Von Leidenschaft, sexueller Anziehungskraft, Sinnsuche und Sehnsucht bis zur unerfüllten Bedürftigkeit aus Kindheitstagen scheint sich alles unter diesem „Dach der Liebe“ zu versammeln. Man möchte den Liebespaaren am liebsten dieses schlichte Wort aus dem Alten Testament sagen: „Alles hat seine Zeit!“ Schenkt euch Zeit, all die verschiedenen Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche für euer Leben kommen, sich verändern und gehen zu lassen. Genießt den Rausch, die unglaubliche Sehnsuchtserfüllung des Augenblickes, das Einssein und die Vertrautheit. Fallt aber nicht gleich aus allen Wolken, wenn manches nicht so dauerhaft ist, ein Stück Fremdheit und Unsicherheit einbricht durch die Erfahrung des Andersseins des Partners.

Leidenschaft, Teamfähigkeit und seelisch-geistige Verbundenheit

Die stärkste Anziehung zum anderen erfolgt auf tieferen Ebenen, in der unbewussten Ahnung von Möglichkeiten und Chancen, die durch einen bisher fremden Menschen in mein Leben einbrechen und es vervollständigen könnte. Man kann aber schon so manches aus der Vernunft beisteuern, um mehr Grundlagen für Entscheidungen zu einer Partnerschaft auf Dauer zu bekommen. Ein bekannter Paartherapeut benennt drei Säulen, auf denen eine stabile und zuverlässige Beziehung ruhen kann: Die Leidenschaft, die Teamfähigkeit und die seelisch-geistige Verbundenheit. Nicht immer sind alle drei Säulen gleich stark und wirkungsvoll.

Der Autor unserer Sonntags-Gedanken ist Sebastian Sonntag, Dipl.-Psychologe, Dipl.-Theologe, Paar- und Familientherapeut, Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis in Amberg und Supervisor für Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen in bayerischen Diözesen.
Der Autor unserer Sonntags-Gedanken ist Sebastian Sonntag, Dipl.-Psychologe, Dipl.-Theologe, Paar- und Familientherapeut, Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis in Amberg und Supervisor für Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen in bayerischen Diözesen.

Aber auch das ist Kennzeichen einer starken Beziehung. Man gesteht sich Wandel und Veränderungen zu, ohne Angst und Vorwürfe. Beziehung, wie ich sie verstehe, ist – um es in einem Bild zu sehen: nicht eine Quelle, die einmal entsprungen, durch die Schwerkraft nun ohne Zutun immer weiter bis zum Meer fließt, sondern eher wie ein Springbrunnen, der immer wieder neue Energie braucht, um lebendig zu sein. Aber, er ruht in den Zwischenpausen in seinem beständigen Becken. Und darauf darf man vertrauen.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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