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Interview

Patienten werden verunsichert

Die Ärztin und ehemalige Homöopathin Dr. Natalie Grams sieht die Alternativmedizin kritisch. Im Interview erzählt sie, warum.
Von Heike Sigel

Natalie Grams ist seit 2016 im Wissenschaftsrat und seit Januar 2017 Kommunikationsmanagerin der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Foto: Gudrun-Holde Ortner
Natalie Grams ist seit 2016 im Wissenschaftsrat und seit Januar 2017 Kommunikationsmanagerin der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Foto: Gudrun-Holde Ortner

Regensburg.Dr. Natalie Grams ist Ärztin und ehemalige Homöopathin. Heute sieht sie die Alternativmedizin kritisch. „Wer heilt, sollte belegen können, dass und wie diese Heilung zustande kommt und dass die Behandlung tatsächlich zur Gesundung beitrug“, sagt sie.

Frau Grams, was genau versteht man unter Alternativmedizin?

Eine allgemein gültige Definition von Alternativmedizin gibt es nicht. Ich verstehe darunter im Wesentlichen Verfahren der Medizin, die wissenschaftlich nicht belegt oder auch nicht belegbar sind. Das heißt, es gibt für sie keine Nachweise, dass sie wirken, beziehungsweise so wirken, wie sie es in ihrem Selbstverständnis angeben.

Also sind Gesundheitslehren wie Homöopathie oder auch die Traditionelle Chinesische Medizin in Ihren Augen gar keine Medizin?

Genau. Medizin könnte ganz einfach sein, wenn in ihr ein einfacher Grundsatz gelten würde: Was wirkt, ist Medizin, was nicht wirkt, ist auch keine Alternative dazu. Ich kritisiere, dass viele der sogenannten Alternativ-Verfahren Patienten konkrete Versprechen machen, die sie gar nicht einhalten können. Vertrauen Patienten auf diese Pseudoheilsverfahren statt auf die richtige Medizin, verlieren sie entweder Zeit oder gar eine wirkliche Option auf Heilung ihrer Beschwerden. Das halte ich als Ärztin für sehr gefährlich und auch für gemein.

Wer heilt, hat Recht, heißt es. Was ist gegen diese Haltung einzuwenden?

Gegen diese Haltung ist gar nichts einzuwenden, denn wer nachweisen kann, dass er heilt, muss ja irgendwas richtig gemacht haben. Das Problem bei TCM und Homöopathie ist jedoch, dass sie gar nicht nachweisen können, dass die Heilung ursächlich auf ihre Methode zurückzuführen ist. Was man jedoch sicher sagen kann, ist, dass sowohl die TCM als auch die Homöopathie besser darin sind, eine Art Heilsatmosphäre zu kreieren, die Patienten wohltut, was zur Verbesserungen von Symptomen und Befinden führen kann. Das bestreitet auch kein Kritiker.

Trotzdem haben Sie sich neben Ihrem Medizinstudium noch zusätzlich zur Homöopathin ausbilden lassen. Warum dann das Ganze?

Ich habe – wie sicherlich viele Menschen – eine positive Erfahrung mit der Homöopathie gemacht, und habe diese dann nicht weiter hinterfragt. Ich wollte einfach gerne an die Heilwirkung der Homöopathie glauben, da sie mir selbst gutgetan hatte. Erst sehr viel später habe ich verstanden, was genau mir wirklich so gutgetan hat, und darüber möchte ich heute auch andere Menschen aufklären. Mein Studium der Medizin hat mir übrigens nicht dabei geholfen, zu verstehen, was an der Homöopathie vor dem Hintergrund des heutigen Wissens nicht stimmt.

Und was stimmt nicht? Denn inzwischen haben Sie ja die klassische Rolle rückwärts vollzogen...

Ich habe versucht, ein Buch zu schreiben, das die Homöopathie verteidigt – als Reaktion auf ein homöopathiekritisches Buch, das 2012 herauskam und dessen Name „Die Homöopathie-Lüge“ mich sehr verärgert hatte. Während der Recherche zu meinem eigenen, als Verteidigungsschrift geplanten Buch habe ich jedoch bemerkt, dass die Homöopathie sehr viele Widersprüche hat, nicht ausreichend belegbar ist und keine Evidenz, also keine nachweislich und wissenschaftlich belegte Wirkung vorweisen kann. Das hat mich, da ich eine Verantwortung für meine Patienten hatte, von der Homöopathie weggebracht.

Medizin

Echte Alternative oder Pseudomedizin?

Die Gräben zwischen Befürwortern und Gegnern der Homöopathie sind tief. Warum eigentlich? Wir haben bei Experten nachgefragt.

Ist teure Schulmedizin für Sie gleichzeitig gute Schulmedizin?

Gute Medizin besteht häufig im „Nichts tun“ – das kostet gar nichts. Jedoch ist es schwer abzuwarten, bis die Beschwerden wieder von alleine vergehen. Da ist es hilfreich, einen Arzt an seiner Seite zu haben, der einem hilft und beisteht. Doch genau dieses Beistehen ist für Ärzte nicht abrechenbar und insofern wird oft aller möglicher Unsinn veranstaltet, der Patienten und Arzt bei Laune – und Kosten – hält. Dann werden auch zusätzliche oder unnötige Untersuchungen, die uns alle viel Geld kosten, gemacht. Das ist sicherlich keine gute Medizin. Allerdings kann gute Medizin, gerade wenn sie hochspezialisiert ist, auch viel Geld kosten. Vor einigen Jahren war eine Hepatitis C noch nicht heilbar, heute ist sie es – und das Medikament kostet rund 70000 Euro!

Ein Arzt und Ayurveda-Spezialist hat mir kürzlich versichert, dass die Wirkweise des Ayurveda inzwischen durch wissenschaftliche Studien längst bestätigt sei. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Man kann, ohne eine einzige Studie zu kennen, sagen, dass diese Aussage nicht stimmen kann. Denn Sie können ja auch nicht behaupten: ,Die Medizin ist wissenschaftlich bewiesen’. Sie können dies immer nur für einzelne Diagnosen, Medikamente, Therapieverfahren und kleine Teile der Medizin tun. Niemand in der sogenannten Schulmedizin wäre so vermessen, zu sagen: „Wir haben uns als Gesamtsystem nun wissenschaftlich bestätigt’. Insofern kann auch der Ayurveda nicht und niemals gänzlich in seiner Wirksamkeit bestätigt sein. Und selbst wenn einzelne Studien für bestimmte Diagnosen auf eine Wirksamkeit hinweisen, so sind die gerade in diesem Bereich oft sehr schlecht gemacht, zweifelhaft oder gar richtiggehend gefälscht.

Fast zwei Drittel der erwachsenen Deutschen greifen gelegentlich auf Alternativmedizin zurück. Die können sich doch nicht alle irren?

Sie sprechen hier zwei Probleme an, denn erstens nutzen viele Menschen Alternativmedizin als „Add-on“, als Zusatz, das heißt sie verlassen sich zwar sehr wohl auf die normale Medizin, wenn es hart auf hart kommt, aber bei leichten Befindlichkeitsstörungen oder kleineren Maläsen nehmen sie zusätzlich alternativmedizinische Hilfe in Anspruch. Dies kann im Fall der Pflanzenheilkunde oder bei begleitendem Yoga durchaus hilfreich sein.

„Was wirkt, ist Medizin, was nicht wirkt, ist auch keine Alternative dazu.“

Dr. Natalie Grams, Ärztin und Homöopathiegegnerin

Bei der Homöopathie könnte der Placeboeffekt wirken, so dass man das zusätzliche Einnehmen von Alternativmedizin nicht unbedingt kritisieren muss. Jedoch ist es wichtig, die Grenze zu kennen – und hier kommen wir zum zweiten Punkt. Denn gerade von Alternativmedizinern wird die Grenze leicht verwischt, dringend behandelbare Krankheiten werden auf die lange Bank geschoben, es wird von der richtigen Medizin abgeraten oder von dringend nötigen Schutzmaßnahmen wie der Impfung. Ich glaube nicht, dass die Patienten sich aktiv irren, sondern dass sie in die Irre geführt werden. Von Therapeuten, die daran glauben, und von anderen, die nur daran verdienen möchten.

Gibt es keine Möglichkeit einer „friedlichen Koexistenz“ zwischen Schul- und Alternativmedizin?

Ich möchte noch einmal auf meinen Satz von eben zurückkommen: Was wirkt, ist Medizin. Es braucht keine Koexistenz von wirksamen und nicht wirksamen Methoden innerhalb der Medizin. Bei der Akupunktur zum Beispiel haben wir in Studien gesehen, dass nicht etwa der Qi-Fluss oder die Meridiane zu einer Verbesserung beitragen, sondern dass es der ,Akt des Nadelns’ ist. Sie werden staunen, aber egal wohin man sticht, wirkt die Akupunktur bei manchen Schmerzformen eventuell sogar besser als herkömmliche Schmerzmittel. Das haben manche Krankenkassen zum Anlass genommen, bei diesen Diagnosen die Kosten für die Akupunktur zu erstatten.

Kann man unserem Medizinbetrieb Ihrer Meinung nach vertrauen?

Eine absolute Sicherheit gibt es auch bei uns in Deutschland nicht – jedoch ein weitaus besseres Gesundheitssystem als in den meisten Teilen der Welt. Wir jammern hier auf hohem Niveau.

Was tun Sie für Ihre Gesundheit?

Ich gebe zu, dass mir das Globulinehmen bei jeder kleinen Befindlichkeitsbeschwerde manchmal fehlt. Denn ich muss Vertrauen haben in mein Immunsystem, in meinen Körper, dass er es alleine hinbekommt. Mein Job ist stressig und ich habe drei Kinder, so dass ich nicht immer optimal für meine Gesundheit sorgen kann. Ich versuche jedoch, regelmäßig kleine Pausen einzubauen, achte auf meine Ernährung und bewege mich viel.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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