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Samstag, 26. Mai 2018 28° 2

Verkehr

Qualmend hinterm Steuer

Verboten ist Rauchen im Auto nicht. Aber schon wenn die brennende Kippe aus dem Fenster fliegt, kann es teuer werden.
Von Claudius Lüder

Das Rauchen im Auto birgt neben den bekannten Gesundheits- noch weitere Gefahren. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Berlin.Freie Straße, stressfreies Cruisen bei 110 km/h und dazu eine Zigarette. Was für Raucher nach einer entspannten Autofahrt klingt, sehen Experten kritisch. „Das Rauchen hinterm Steuer bedeutet immer auch eine Ablenkung“, sagt Prof. Matthias Graw, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin. „Wohin mit der Zigarette, wenn beide Hände am Lenkrad benötigt werden? Und was ist, wenn glühende Asche oder die ganze Zigarette auf den Sitz oder in den Fußraum fallen?“ Das habe schon zu schweren Unfällen geführt.

Kommt es zum Crash, kann das für Raucher teuer werden. „Der Fahrzeugführer wird sich wegen grober Fahrlässigkeit verantworten müssen“, sagt Tobias Goldkamp, Fachanwalt für Verkehrsrecht. Das Ausmaß der Haftung hänge davon ab, ob es noch weitere Unfallursachen wie einen Vorfahrtsverstoß gab. Die Rechtsprechung stelle auf die Umstände ab. „In einem Fall verlor der Autofahrer die Zigarette, als er reflexartig einem anderen Autos ausweichen musste. Hier entschied das Gericht: keine grobe Fahrlässigkeit.“

„Wohin mit der Zigarette, wenn beide Hände am Lenkrad benötigt werden?“

Professor Matthias Graw

Sicherer und gesünder ist es in jedem Fall, die Zigarette gleich draußen zu lassen. „Wer auf einer Autofahrt gar nicht darauf verzichten kann, sollte besser eine Raucherpause einlegen und die Gelegenheit nutzen, sich dabei auch die Beine zu vertreten“, rät Anja Smetanin vom Auto Club Europa (ACE). Alternativ gebe es die Möglichkeit, bei einer langen Strecke auf ein Nikotinpflaster oder -kaugummi zurückzugreifen. Doch die Ablenkung ist nicht der einzige Aspekt, warum Experten vom Qualmen hinterm Steuer abraten. „Das Gesundheitsrisiko vor allem auch für Mitfahrer ist auf so einem engen Raum natürlich noch deutlich höher einzuschätzen“, sagt Graw. Die Gefahr eines Bronchialkarzinoms sei bei Passivrauchern erwiesenermaßen erhöht. Der Verkehrsmediziner plädiert daher für ein generelles Rauchverbot in Autos. Dem schließt sich der ACE an.

Vorreiter: Rauchen im Auto ist in einigen EU-Ländern schon verboten

„In einigen Ländern in der EU ist das Rauchen hinterm Steuer bereits verboten. Es wäre begrüßenswert, wenn Deutschland sich da anschließen würde“, fordert Smetanin. In Griechenland, Frankreich und Großbritannien etwa gilt ein Rauchverbot im Auto, wenn Kinder bis zwölf Jahre mitfahren. In Großbritannien sind sogar Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr im Auto vor Qualm geschützt. Ab 1. Mai gilt in Österreich ebenfalls ein Rauchverbot, wenn Minderjährige mitfahren.

Auch in Deutschland gibt es immer wieder Initiativen, das Rauchen im Auto zu verbieten, wenn Kinder mitfahren. Die Redakteure Louisa Knobloch und Heinz Gläser haben das Thema kontrovers diskutiert.

Wer eine brennende Zigarette aus dem Fenster schnippt, verstößt unter Umständen gleich gegen mehrere Paragrafen. „Das ist verboten und wird je nach Bundesland mit einem Bußgeld von bis zu 100 Euro nach den Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetzen geahndet“, sagt Goldkamp. Werden andere Verkehrsteilnehmer wie nachfolgende Motorräder durch die brennende Kippe gefährdet, hat dies auch einen Punkt in Flensburg zur Folge – neben dem entsprechenden Bußgeld von 60 Euro.

Auch kann ein rauchender Autofahrer nicht den fehlenden Aschenbecher als Grund dafür anführen, dass Asche und Kippe aus dem Fenster fliegen. „Der Raucher muss sich vorher vergewissern, dass das Rauchen im Auto gefahrlos möglich ist“, stellt Goldkamp klar. Der Aschenbecher gehöre auch nicht zu den vorgeschriebenen Ausstattungsmerkmalen eines Fahrzeugs. Tatsächlich verfügen längst nicht mehr alle Autos heute über einen Aschenbecher. Gehörte er früher zur Serienausstattung der meisten Modelle, muss er inzwischen oft als „Raucherpaket“ extra geordert werden. Viele Neuwagenkunden machen das auch, allerdings nicht unbedingt, weil sie Raucher sind.

„Der Raucher muss sich vorher vergewissern, dass das Rauchen im Auto gefahrlos möglich ist.“

Tobias Goldkamp, Fachanwalt für Verkehrsrecht

„Ein Argument ist oft die Buchse des Zigarettenanzünders, die als Stromzufuhr für Handykabel dient“, sagt Markus Herrmann vom Bundesverband Fahrzeugaufbereitung. Im Aschenbecher landet dann auch keine Asche, sondern eher Kleingeld für den Parkautomaten oder Münzen für die Autowaschanlage. Gleichwohl ist dieser 12-Volt-Anschluss in den meisten Autos heute serienmäßig an Bord.

Wer seine Kippe einfach aus dem Fenster schmeißt, kann andere Verkehrsteilnehmer gefährden. Foto: dpa

Wer zur E-Zigarette greift, kann zwar auf den Aschenbecher verzichten, die Gefahr der Ablenkung ist aber auch hier gegeben. „Gerade dann, wenn zum Beispiel der Tank leer ist“, sagt Smetanin. Zudem sei auch der Qualm einer E-Zigarette nicht unbedenklich. „Bei einer E-Zigarette werden durch den Dampf die Stoffe Acetaldehyd und Acrolein verbreitet, die die Haut sowie die Atemwege reizen. „Kinder sind dafür natürlich besonders anfällig – gerade dann, wenn während der Fahrt nicht einmal das Fenster geöffnet wird“, so Smetanin.

Vor dem Wiederverkauf sollte das Auto professionell gereinigt werden

Wer Qualm im Auto zulässt, muss beim Verkauf einen Wertverlust einkalkulieren. „Der liegt im Schnitt bei 1500 Euro“, sagt Herrmann. Er rät, ein Raucherfahrzeug vor dem Wiederverkauf professionell reinigen zu lassen. „Mit einem Duftbaum und dem oberflächlichen Reinigen der Glas- und Kunststoffteile ist es nicht getan, damit lässt sich der Rauchgeruch nicht beseitigen.“ Erfolgversprechender seien Verdampfer mit einem speziellen Reinigungsfluid, das die Kohlenstoffverbindungen zerstört. Fachwerkstätten böten das für rund 90 Euro an. Auch mit einer Ozonbehandlung des Innenraums lassen sich unangenehme Gerüche dauerhaft beseitigen. Je älter ein Fahrzeug, desto aufwendiger die Anti-Qualm-Behandlung. „Zigarrenqualm ist noch einmal hartnäckiger als Zigarettenqualm“, sagt Herrmann.

Unterm Strich koste die komplette Aufbereitung eines Raucherautos zwischen 300 und 400 Euro. Übrigens: In Leasingfahrzeugen ist das Rauchen in der Regel schon durch die Vertragsbedingungen unerwünscht. Wer sich nicht daran hält, zahlt drauf. „Bei der Leasingrückgabe führt das automatisch zur teuren Nachbereitung“, erklärt Herrmann.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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