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Tradition

Schiache Gestalten im finstersten Winter

In der Oberpfalz ist fast jeder Ort mit mythischen Wesen behaftet. Perchten und Krampusse haben eine besondere Tradition.
Von Kerstin Hafner

Die Labertaler Höllenteufel.
Die Labertaler Höllenteufel. Foto: Höllenteufel

Für unsere heidnischen Vorfahren, die viel stärker an den Rhythmus der Natur gebunden waren als wir, war die Wintersonnenwende ein wichtiges Ereignis im Kalender, und die Nächte danach galten als ebenso heilig wie gefährlich. Zur finstersten Jahreszeit trieben des Nachts Schreckgestalten ihr Unwesen, die sich aus den Ängsten der Menschen manifestierten. Die langen Winter im alten Europa waren damals nicht selten ein zäher Überlebenskampf. Viele kranke und schwache Menschen starben, wenn die Vorräte zur Neige gingen oder das Feuerholz nicht reichte. Raub- und Heerzüge wurden oft in den Wintermonaten durchgeführt, wenn die Bevölkerung mit dem eigenen Überleben beschäftigt war. So mischte sich die Furcht vor Überfällen und Brandschatzung mit den existenziellen Ängsten. Es entstand der Glaube an die „Wilde Jagd“, eine Horde elementarer Spukgestalten, die zwischen der Thomas- und der Dreikönigsnacht (21. Dezember bis 6. Januar) brausend und rasselnd durch die Lüfte zogen, die Vorräte verdarben, das Vieh mit Krankheit schlugen und den Menschen ans Leder wollten. Alptraumhafte Unholde und Hexen, die von Haus zu Haus schlichen, um Unheil zu stiften. Die Rauhnächte sind ein Spiegel der Seele, eine Projektion düsterer Vorahnungen.

Perchtenläufe im Alpenraum und Bayerwald

Gestalten wie Frau Percht (Perchta), die bluadige Luz, d’Habergoaß oder der Thammer mit’m Hammer konnten nur bekämpft werden, wenn man sich selbst in wildes Fell und grauenhafte Fratzen hüllte und sie mit Getöse,Goaßlschnalzen und Schellenlärm vertrieb. Bald wurden diese vermummten Umtriebe „Perchtenläufe“ genannt. Zwar überlagerte später die christliche Religion diese heidnischen Bräuche und machte sogar einige Spießgesellen der Wilden Jagd zu Heiligen (Thammer =› Hl. Thomas, bluadige Luz =› Hl. Luzia), doch die Rituale haben sich nicht nur im Alpenraum, sondern auch in Teilen Bayerns erhalten. Im Raum Regensburg führen Brauchtumsvereine wie das „Doana Gsindl“ oder die „Wuiden Dragn“ ihren Zuschauern die Mythen- und Sagenwelt ihrer Heimat vor Augen. Teilweise spielen dabei auch Perchten und Hexen eine Rolle. Echte Perchtenläufe von Haus zu Haus gibt es in der Oberpfalz aber nicht, nur in Teilen des Bayerischen Waldes ziehen „Rauhwuggerl“ und „Wolfsauslasser“ mit Kuhglocken und Goaßlschnalzern durch die Ortschaften. Bekommt man von ihnen Besuch, so ist das – im Gegensatz zum Krampusbesuch – ein glückbringendes Omen, auch wenn die Perchten ganz schön schaurig aussehen.

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In Österreich ist der Brauch noch weit verbreitet, allerdings gibt es auch dort inzwischen reine Krampusgruppen. Perchten und Kramperln werden oft in einen Topf geworfen, weil sie ähnlich aussehen, doch Krampusgruppen haben mit dem Rauhnachtsbrauch an sich, dem Geister vertreiben, nichts zu tun. Krampusse treten zwar auch im Rudel auf – mit Hörnermaske und Fellgewand – scharen sich jedoch um eine zentrale Figur, ihren freundlichen Nikolaus, der die Horde in Schach hält und nur auf böse Kinder loslässt. Deswegen legen Krampusgruppen wie die Oberpfälzer Schlossteufel, die Schwarzachtal Pass oder die Labertaler Höllenteufel größten Wert darauf, nicht als Perchtengruppen tituliert zu werden. Wohl vor allem auch deshalb, weil die hiesigen Krampusgruppen oft durch spektakulär feurige Bühnenshows glänzen, während die Rauhnachtsgeschichten der anderen Vereine deutlich reduzierter ablaufen.

Kernzeit der Perchten sind die Rauhnächte; Nikolaus und Krampusse sind der Überlieferung nach eigentlich nur Anfang Dezember unterwegs. Aufgrund hoher Nachfrage nach Auftritten auf Christkindlmärkten, Burgfesten und Weihnachtsfeiern sind mittlerweile alle Gruppen den ganzen Advent hindurch zu sehen, oft sogar bis zum 7. Januar. Die Grenzen verschwimmen.

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Schiachperchtenmasken, die böse Rauhnachtsgeister vertreiben sollen, erkennt man vor allem an den extrem verzerrten und übertrieben geschnitzten Gesichtszügen und vier bis sechs großen Hörnern, die allesamt von heimischen Tieren stammen müssen“, erklärt Timm Buckley, Maskenschnitzer aus Neunburg vorm Wald. „Krampusmasken sind moderner gestaltet, realistischer und tragen meist nur ein Paar Hörner, die auch künstlich sein können.“ Der gelernte Schreiner hat vor drei Jahren begonnen, Krampus-Loavn (=Masken) zu reparieren, umzugestalten oder selbst zu schnitzen. Obwohl die österreichischen Schnitzer hoch im Kurs stehen, konnte Timm sich etablieren. Sein Geschäft „Deiflswerk“ betreibt er aber nur hobbymäßig. Praktisch alle regionalen Krampus- oder Rauhnachtsgruppen zählen inzwischen zu seinen Kunden.

Rund 40 Stunden Arbeit für eine Maske

„95 Prozent der Loavn sind auch heute noch aus Zirbenholz, aber es sind neue Materialien wie Acryl-Augen oder Kunststoff-Hörner hinzugekommen“, sagt er. „Man hat viel künstlerische Freiheit, das ist das Beste an dieser Arbeit. Es sind alles Unikate.“ 35 bis 40 Stunden braucht Timm für eine neue Maske, kunstvoll bemalt mit Ölfarben. Auch die aufgebockten Stiefel stellt er selbst her, genau wie Zepter oder Pferdeschweifhaar-Peitschen.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop

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