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Schlemmen am Vorabend des Weltkriegs

Sie war üppiger, fetter, süßer und alkoholhaltiger als je zuvor in der deutschen Geschichte – die Ernährung kurz vor dem Ersten Weltkrieg.
Von Matthias Armborst, dpa

  • Ein Teller mit zwei Stücken Schweinebraten und einem Knödel. Im Deutschland kurz vor dem Ersten Weltkrieg schmauste das Bürgertum reichlich und gern. Foto: dpa
  • Gunther Hirschfelder ist Professor an der Universität Regensburg. Foto: dpa

Regensburg.Es war die große Zeit der gutbürgerlichen Küche. Im Deutschland kurz vor dem Ersten Weltkrieg schmauste das Bürgertum reichlich und gern. So waren Essen und Trinken im Kaiserreich, ehe der Erste Weltkrieg alles veränderte:

Kaum noch Hunger:

Sie ist noch wach, die Erinnerung an die kargen Zeiten. 1914 genießen viele Deutschen die Folgen davon, dass das Kaiserreich in zwei Generationen zum Hochindustrieland geworden ist. „Bis ins 19. Jahrhundert war nie genug Essen für alle da. Aber vor dem Ersten Weltkrieg ist die Ernährungslage sehr gut“, sagt Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler an der Uni Regensburg. Die Fleischproduktion boomt, sie liegt schon bei etwa 50 Kilo pro Kopf und Jahr. „Damals ist das viele Fleisch auf den Tellern eine Errungenschaft, heute wird ja oft kritisiert, dass Deutsche 60 Kilo pro Kopf essen.“ Der bürgerliche Spitzbauch gilt um 1914 als etwas Positives: „Da ist man gern etwas dicker, dünn sind die Bauern und Hungerleider“. Allerdings müssen die Menschen weit mehr fürs Sattwerden ausgeben: Heute sind es 15 Prozent des Einkommens, im Kaiserreich war es teils noch mehr als die Hälfte, wie der Wirtschaftshistoriker Hendrik K. Fischer errechnet hat.

Die große Zeit der gutbürgerlichen Küche:

Schweinebraten, Rouladen, Sülze, Hühnerfrikassee sind noch jung – diese typisch deutschen Gerichte entstanden erst Ende des 19. Jahrhunderts. „Am Vorabend des Ersten Weltkriegs hat die gutbürgerliche Küche ihren Höhepunkt“, sagt Hirschfelder. Henriette Davidis „Praktisches Kochbuch“ bekommt eine ganze Generation von Frauen zur Hochzeit – „damit verbreitet sich die gutbürgerliche Esskultur auch in ärmeren Schichten“. Das erreicht sogar die Kleinsten: Auch das beliebte „Puppenköchin Anna. Praktisches Kochbuch für kleine liebe Mädchen“ bringt Davidis heraus.

Fleisch, Weißmehl und Zucker:

Eine gemüse- und obstbasierte Ernährung entspricht 1914 nicht gerade den Vorlieben im Bürgertum. „Grünzeug ist was für die Armen, die sich kein Fleisch leisten können. Fleisch, Zucker, Alkohol und vor allem Weißmehl haben einen hohen Stellenwert – im Gegensatz zu grobem Roggenbrot und Buchweizen“, sagt Hirschfelder. Deshalb gibt es selbst in der bürgerlichen Gesellschaft Mangelernährung. Alles, was Fleisch, was hochkalorisch und energiereich ist, steht hoch im Kurs. Schon wird vor zu viel Fleisch gewarnt, weil „durch zu reichlichen Fleischgenuß sowohl die Nervosität, als auch Gicht und die Disposition zu Leber- und Nierenleiden, Blinddarmentzündung und dergl. ganz bedeutend zunehmen“, schreibt Kochbuch-Star Davidis und mahnt: Nur einmal am Tag Fleisch essen!

Alkohol:

Das Vereinswesen boomt, beim geselligen Leben in Gemeinschaft wird gemeinsam gefuttert – und getrunken. „Essen und Trinken ist das Vergnügen des kleinen Mannes, die Hauptfreizeitbeschäftigung“, sagt Hirschfelder. Die Gaststätte, gerade die Arbeiterkneipe, ist ungemein beliebt. „Der öffentlich konsumierte Alkohol symbolisiert Lebensstil, sozialen Rang und Wohlstand.“ Der Körperschädigung sei man sich damals kaum bewusst. „Der deutsche Mann trinkt, und der Weichling trinkt nicht.“

Lebensreformbewegung:

Der Gegentrend ist die Lebensreformbewegung, der es etwa um eine ganzheitliche Lebensweise und makrobiotische Ernährung geht. „Sie ist recht stark zu Beginn des Kriegs“, sagt Hirschfelder. Viele ihrer Anhänger lehnen Fleisch und Alkohol ab, propagieren Milchprodukte und Rohkost. Einer der Protagonisten ist Maximilian Bircher-Benner, der Erfinder des Müslis. Indes wird im bäuerlichen Haushalt oft noch immer Suppe oder Eintopf aus einer gemeinsamen Schüssel gelöffelt. „Die soziale Rangfolge definiert recht genau, wie viel und in welcher Reihenfolge gegessen wird. Die Oma auf dem Altenteil und das Kind langen auf jeden Fall nicht als erste in die Schüssel. Zuerst greifen der Bauer und der erste Knecht zu.“ Den Armen hilft, dass viele echte Experten fürs Improvisieren sind: Mit einem begrenzten Budget können Landmenschen etwas anfangen. „Viele können einen Hasen schlachten oder wissen, wie man aus Zwiebeln und Möhren eine Soße macht.“

Lebensmittelskandale:

Oft werden Lebensmittel gebleicht oder mit Kupfervitriol versetzt und so optisch aufgefrischt. Seit Milch per Eisenbahn über weite Strecken transportiert wird und sich gefrorenes Fleisch aus Übersee importieren lässt, haben Produzenten und Händler Anreize zur Manipulation, wie Historiker Christoph Nonn beschreibt: „Deshalb werden auch die Rufe nach dem Schutz der Konsumenten vor gesundheitsgefährdenden Nahrungsmittelprodukten lauter.“

Hunger im Krieg und Danach:

Vor dem Krieg schafft Deutschland etwa ein Drittel seiner Lebensmittel aus dem Ausland herbei. Dies ändert sich schlagartig, ein furchtbarer Mangel beginnt. Der Winter 1916/17 bleibt als „Steckrübenwinter“ in traumatischer Erinnerung. Und der Hunger überdauert auch das Kriegsende 1918. So berichtet die Tageszeitung „Der Abend“ 1919 aus Deutschböhmen: „In den Schulen sitzen Kinder, die sich vor Schwäche kaum mehr erheben können. Fast in jeder Bank ist ein Fall von Hungerödem vorhanden, daneben Skrophulose, Rhachitis- und Tuberkulosefälle.“ Überall bekämen Lehrer Entschuldigungszettel wie diesen: „Mein Kind kann nicht zur Schule kommen, weil wir nichts zu essen haben.“

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