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Technik

Schmerzfrei zurück ins Leben

Sichtbar oder unsichtbar – Millionen Menschen tragen eine Prothese. In vielen Fällen können sie ein normales Leben führen.
Von Bastian Schmidt

Auch bei Sportlern werden die Prothesen oft benutzt. Foto: Sven Hoppe/dpa
Auch bei Sportlern werden die Prothesen oft benutzt. Foto: Sven Hoppe/dpa

Regensburg.Vor rund 300 Jahren hat eine etwa 50-jährige Ägypterin einen Zeh verloren. „Na und?“, könnte man jetzt sagen. Das ist an sich gewiss nichts Besonderes. Als Archäologen aber in der Jetztzeit die Mumie entdeckten, steckte an der Stelle, wo die Frau den Zeh verloren hatte, eine hölzerne Nachbildung. Es ist bis jetzt der älteste Nachweis einer Prothese. Und auch die Römer nutzten bereits einfache Formen der Prothetik, indem sie mit Draht fixierte tierische oder menschliche Zähne in einem schadhaften Gebiss verankerten. Da ist es nicht verwunderlich, dass der Begriff Prothese aus dem Altgriechischen kommt und das „pro“ „vor, anstatt“ und „thesis“ „das Setzen, Stellen“ bedeutet.

Nicht nur Beinprothesen sind möglich. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa
Nicht nur Beinprothesen sind möglich. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

In der Medizin bezeichnen Prothesen den Ersatz von Gliedmaßen, Organen oder Organteilen durch künstlich geschaffene, funktionell ähnliche Produkte. Man unterscheidet dabei in zwei Gruppen. Man spricht von einer Exoprothese, wenn diese sich außerhalb des Körpers befindet und ganze Gliedmaßen wie Arme oder Beine – oder Teile davon – ersetzt und von einer Endoprothese, wenn sie sich, wie beispielsweise ein künstliches Hüftgelenk, innerhalb des Körpers befindet.

Wurde ein fehlendes Bein im Mittelalter noch durch äußerst rudimentäre Holzstümpfe ersetzt, die, mit einfachen Mitteln am Körper des Trägers befestigt, nicht viel mehr als das „Stehen auf zwei Beinen“ ermöglichten, sorgten die Kriege der Neuzeit für einen Entwicklungssprung. Die Notwendigkeit der Versorgung von Kriegsveteranen mit künstlichen Gliedmaßen, die gleichzeitige Erforschung neuer Materialien sowie neue medizinische Erkenntnisse führten zu einer rasanten Entwicklung. Eine Klinik aus dem Kreis Schwandorf ist führend bei neuen Prothesen.

Amputation bleibt ein Schock

Doch unabhängig davon, wie weit die technische Entwicklung mittlerweile auch fortgeschritten sein mag, die Diagnose „Amputation“ bleibt für die meisten Betroffenen ein Schock. So wie für den Ingenieur Harald Biedermann. Vor zwölf Jahren war er mit seinem Motorrad auf dem Weg zu einem Freund ins Schwimmbad, als ihn ein betrunkener Bauarbeiter mit der Schaufel seines Baggers traf. Als er nach zehn Tagen wieder aus dem künstlichen Koma zurückgeholt und ihm durch das Pflegepersonal mitgeteilt wurde, dass er seinen Fuß verloren hatte, realisierte er, dass sich sein Leben radikal geändert hatte.

„Es gibt langjährige Arbeitskollegen, die wissen bis heute nicht, dass ich eine Prothese habe.“

Ingenieur Harald Biedermann

Die Ärzte konnten seinen Fuß und Teile des Unterschenkels nicht retten und amputierten etwa auf halber Länge des Schienbeins. Heute, zwölf Jahre später, ist bei einem Spaziergang durch seine Heimatstadt äußerlich nichts mehr von dem Unglück zu erkennen. Die Bewegungen sind rund und flüssig und wer es nicht weiß, kommt gar nicht auf die Idee, dass der dynamische Mann nur auf einem Fuß aus Fleisch und Blut läuft. Biedermann ist nicht der Typ, der anderen seine Geschichte ungefragt auf die Nase bindet. „Es gibt langjährige Arbeitskollegen, die wissen bis heute nicht, dass ich eine Prothese habe“, so der 33-Jährige. Das liegt neben der ausgefeilten Technik auch daran, dass seine Prothese mit einer lebensechten Silikonkosmetik überzogen ist, in die sogar Leberflecken und Beinhärchen eingearbeitet sind. Die Spezialanfertigung aus England kostet alleine über 10000 Euro und wird nicht von der Krankenkasse übernommen. In Biedermanns Fall nur eine, wenn auch lästige, bürokratische Angelegenheit. Denn was nicht von seiner eigenen Kasse bezahlt wird, muss die Versicherung des Unfallverursachers übernehmen.

Jedem gesetzlich Versicherten steht eine Prothese zu

Was aber zahlt die Krankenkasse? „Erst einmal steht jedem gesetzlich Versicherten eine Prothese zu. Wer allerdings krankheitsbedingt mit weit über 70 Jahren einen Fuß verliert, bekommt in der Regel eine andere Prothese als beispielsweise ein deutlich jüngerer Mensch, der seinen Fuß bei einem Unfall verloren hat. Der aufgrund von Krankheit Amputierte wird eine, seiner geringeren Aktivität angepasste, Prothese bekommen, während der voll im Beruf stehende Mensch eine Prothese benötigt, welche seinen hohen Alltagsansprüchen gerecht wird“, erklärt Paul Fach, Orthopädietechniker-Meister und Geschäftsführer der Orthopädie-Technik Marx/Rieger GmbH aus Regensburg. Dabei richtet sich die Krankenkasse nach den sogenannten Mobilitätsgraden von Null bis Vier. „Mobilität 0 bedeutet, dass der Patient die Prothese rein als Kosmetik braucht. Ein Beispiel wäre eine ältere, bereits im Rollstuhl sitzende Person, die eine einfache Beinprothese bekommt, damit die Amputation nicht gleich auffällt. Mobilität 4 gilt für eine Person, die die Prothese vollumfänglich nutzen kann, sich mit ihr uneingeschränkt bewegt, Sport treibt und wo die Prothese auch extremen Belastungen standhalten muss“, so Fach. Zur besseren Einordnung: Eine Standard-Unterschenkelprothese kostet ungefähr 2500 Euro. Eine hochwertigste Prothese kostet ohne Kosmetik bereits zwischen 20000 und 25000 Euro.

Deutlich einschneidender als das Finanzielle sind für Amputierte aber oft andere Aspekte des Lebens. „Ich war vor dem Unfall begeisterter Fußballspieler. Das geht seither nicht mehr und mir fehlen bis heute am meisten das Miteinander im Team und das Vereinsleben. Das ist einfach komplett verlorengegangen“, erklärt Biedermann, um nach kurzem Nachdenken anzufügen: „Ansonsten ist mein Sozialleben aber echt o.k.. Ich gehe mit Freunden Snowboarden und fahre Mountainbike und wenn ich ehrlich bin, denke ich nicht die ganze Zeit daran, dass ich eine Prothese habe.“

Mit künstlichem Gelenk in eine schmerzfreie Zukunft

Während der Ersatz von Gliedmaßen bereits mehrere Jahrtausende zurückgeht und kaum bemerkbare Hightech-Prothesen ausgearbeitet wurden, ist der Ersatz von Gelenken, ganz oder teilweise, ein Phänomen, das sich erst im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte. Nicht mehr ständig daran denken müssen, dass etwas nicht stimmt und vor allem ein Ende der permanenten Schmerzen: Mit diesen ebenso einfachen wie nachvollziehbaren Wünschen unterziehen sich jährlich in Deutschland auch tausende Menschen einer Knie- oder Hüftoperation, mit dem Ziel, sich ein neues Gelenk einsetzen zu lassen.

Die Technik schreitet weiter voran. Foto: Stefan Puchner/dpa
Die Technik schreitet weiter voran. Foto: Stefan Puchner/dpa

Hauptgrund für den Einsatz dieser Endoprothesen ist laut Prof. Dr. Joachim Grifka, Lehrstuhlinhaber für Orthopädie der Universität Regensburg und Direktor der Orthopädischen Klinik und Poliklinik für die Universität Regensburg im Asklepios Zentrum Bad Abbach, die Arthrose (siehe auch Interview auf Seite 3). Rund 15 Millionen Menschen sind laut Schätzungen in der Bundesrepublik aufgrund einer Arthrose ärztlich behandlungsbedürftig. „Damit kann man Arthrose in Deutschland zu den Volkskrankheiten zählen“, so Prof. Grifka. Unfälle, natürliche Abnutzung und genetische Vorbedingungen sorgen dafür, dass sich gerade in den stark belasteten Gelenken von Hüfte und Knie die Knorpelflächen abnutzen, bis an diesen Stellen schlussendlich Knochen auf Knochen reibt, was starke Schmerzen zur Folge hat.

Ein Interview mit Prof. Dr. Joachim Grifka ist Lehrstuhlinhaber für Orthopädie der Universität Regensburg lesen Sie hier.

Schmerzen strahlten aus

So erging es auch der 71-jährigen Rentnerin Maria Dendorfer, die sich Anfang April bei Prof. Grifka in Bad Abbach ein neues Hüftgelenk einsetzen ließ. „Ich hatte schon sehr lange Schmerzen und etwa seit neun Jahren war mir klar, dass ich eine Operation brauche. Die Schmerzen haben in den Rücken und die Beine ausgestrahlt, aber ich habe die OP trotzdem immer vor mir hergeschoben und mit den Schmerzen gelebt, bis es nicht mehr ging“, erklärt die pensionierte Schulleiterin. Ein häufig beobachtetes, aber unnötiges Verhalten, wie Prof. Grifka erklärt. „Es gibt drei Merkmale, an denen man die Notwendigkeit eines Gelenkersatzes festmachen kann. Das ist erstens, wenn Patienten sagen, dass sie keinen Schritt mehr ohne Schmerzen gehen können, zweitens, wenn sie ihren Alltag nur noch mit Schmerzmedikamenten bewältigen können, und drittens, wenn Patienten nachts aufgrund der Schmerzen in den Gelenken aufwachen. Dann sollte nicht mehr lange gezögert werden“, so der Experte.

Die Klinik in Bad Abbach wird bei Operationen oft angesteuert. Foto: mf
Die Klinik in Bad Abbach wird bei Operationen oft angesteuert. Foto: mf

Vor allem, wenn man bedenkt, wie sehr sich die Medizin in diesem Bereich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt hat. Durch neue Operationsmethoden und den Einsatz des von Prof. Grifka mitentwickelten „Systems der bildfreien Navigation“, führen die OPs mittlerweile zu deutlich besseren Ergebnissen und die direkten Folgen eines solchen Eingriffs sind lange nicht mehr so dramatisch wie noch vor einigen Jahren. Bereits wenige Tage nach der OP können die Patienten das Bein wieder belasten und mit der Reha beginnen.

„Vor der OP konnte ich keine Treppen gehen oder mir ohne Schmerzen die Schuhe binden.“

Maria Dendorfer

Maria Dendorfer ist ihrem Wunsch nach einem schmerzfreien Leben mit der Operation jedenfalls ein entscheidendes Stück nähergekommen. Drei Wochen nach dem Eingriff steht sie strahlend im Untersuchungszimmer der Asklepios-Klinik und berichtet von ihrer Rückkehr zu einem Alltag ohne Schmerzen. „Vor der OP konnte ich keine Treppen gehen oder mir ohne Schmerzen die Schuhe binden. Jetzt bin ich bereits wieder fast schmerzfrei und habe das Gefühl, dass mein gesamter Gang wieder aufrechter geworden ist. Ich freue mich richtig auf diesen Sommer“, erzählt die in Salzburg lebende Oberpfälzerin, „denn heuer möchte ich mit meiner neuen Hüfte endlich wieder in den Alpen zum Wandern gehen.“

Ein Ziel, das bis vor Kurzem noch undenkbar erschien und für die lebenslustige Rentnerin wenige Tage nach dem Eingriff aufgrund modernster OP-Technik und des Einsatzes eines künstlichen Hüftgelenks bereits wieder zum Greifen nah ist.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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