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Urgestein

Sein Lauf ist noch lange nicht zu Ende

Günther Heldmann aus Amberg zählt zu den erfolgreichsten deutschen Langstreckenläufern der Senioren. Er nahm viele Titel mit.
Von Hubertus Stumpf

Günther Heldmann läuft immer weiter. Foto: Heldmann
Günther Heldmann läuft immer weiter. Foto: Heldmann

Amberg.In der Umgebung von Amberg kann man manchmal einen rüstigen, älteren Herrn beobachten, der laufend so flott unterwegs ist, dass er mühelos viele 20- und 30-jährige Sportler hinter sich lassen kann. Drahtig, braungebrannt, mit federndem Schritt und scheinbar mühelos huscht er über den Asphalt und kaum jemand würde glauben, dass er mittlerweile 82 Jahre alt ist. Günther Heldmann zählte zu den erfolgreichsten deutschen Langstreckenläufern in den Senioren-Altersklassen und reihte Titel an Titel. Er ist der lebende Beweis dafür, dass sich lebenslange körperliche Aktivität auszahlt.

Dabei wäre er schon seit mindestens 20 Jahren nicht mehr am Leben, hätte sich die düstere Prognose bewahrheitet, die ihm eine Ärztin einst in seinen jüngeren Jahren eröffnete. Es war bei der Gesundheitsprüfung für Heldmanns Übernahme in das Beamtenverhältnis am Finanzbauamt, wo der junge Diplom-Ingenieur früher arbeitete. „Sie hat mir gesagt: ,Ihr Blutdruck ist viel zu hoch, Sie können kein Beamter werden. Und ich glaube kaum, das Sie mit diesen Werten das Rentenalter erleben werden’“, erinnert sich Heldmann an die schockierende Botschaft. Eine Fehldiagnose: Es war wahrscheinlich nur die Nervosität, die die Werte verfälscht hatte.

Sein Jungbrunnen: 30 bis 40 Laufkilometer pro Woche

Dieses Erlebnis war nicht gerade dazu angetan, sein Vertrauen in die Zunft der Heilkundigen zu stärken, und mit Ärzten hatte Günther Heldmann seitdem nicht mehr viel zu tun. Von Achillessehnenbeschwerden einmal abgesehen, hat er sie nur selten gebraucht. Er benötigt keine Spritzen („nur die Zeckenschutzimpfung“) oder Pillen gegen diese oder jene Beschwerden, die bei den meisten in der zweiten Lebenshälfte auftreten. Seine Medizin und sein Rezept für Lebensqualität im Alter sind die Straßen und Wege rund um Amberg, auf denen er immer noch viermal in der Woche läuft: 30 bis 40 Kilometer in der Woche, jahrein, jahraus, bei Wind und Wetter.

Auch in seinem Alter ist er nicht aufzuhalten. Foto: Heldmann
Auch in seinem Alter ist er nicht aufzuhalten. Foto: Heldmann

Man sieht ihm seinen körperlich aktiven Lebensstil an, wie der da sitzt beim Interviewtermin in seinem Wohnzimmer: sportlich-schlank, fast schmächtig, kaum über 60 Kilo schwer („Seit meiner aktiven Zeit habe ich aber ein oder zwei Kilo zugelegt…“), wacher Blick, manchmal ein verschmitztes Lächeln im Gesicht. Nicht auszudenken, wenn alle Wohlstandsinvaliden beizeiten Heldmanns Beispiel folgen würden – die boomende Gesundheitsindustrie läge vermutlich längst im Sauerstoffzelt. „Sportlich war ich schon immer: Leichtathletik, Tischtennis, Skilaufen. Aber als Langstreckenläufer bin ich eigentlich ein Spätberufener“, erinnert sich Günther Heldmann an die Anfänge seiner „Lauf-Bahn“.

Es war zu Beginn der 1980er-Jahre, als der damals 45-Jährige seine Vorliebe – und sein Talent – für die langen Strecken entdeckte. Damals begleitete er öfter seinen Sohn, der regelmäßig lief, um nach einer Verletzung im Fußball wieder fit zu werden. Dann sah Heldmann eines Tages eine Ankündigung für den Sulzbacher Stadtlauf. „Und da habe ich mir gedacht: Das probierst du auch mal.“ In seinem ersten Straßenlauf wurde Heldmann, damals schon 50, auf Anhieb Dritter in seiner Altersklasse M50 (Männer von 50 bis 54 Jahren). Auch in dieser Kategorie gibt es nicht wenige Routiniers, die „Bombenzeiten“ erzielen, mit denen sie viele deutlich Jüngere hinter sich lassen. Wenn es hier also ein Neuling gleich aufs „Stockerl“ schafft, ist das schon eine starke Leistung.

„Und da habe ich mir gedacht: Das probierst du auch mal.“

Günther Heldmann über seinen verspäteten Karrierestart

Dies war sozusagen der Startschuss zu einer späten, aber umso erfolgreicheren leistungssportlichen Karriere. Mit zunehmender Wettkampferfahrung und guten Platzierungen auf regionaler Ebene wuchs das Selbstvertrauen, sich mit der Elite zu messen. Im reifen Alter von 69 Jahren erzielte Heldmann im 10-Kilometer-Straßenlauf seine persönliche Bestzeit von 40:07 Minuten; im Halbmarathon (21,1 km) erreichte er 1:28,30 Stunden. Heute kann er auf 16 Bayerische Meistertitel über 5000 Meter, 10000 Meter und Halbmarathon zurückblicken, dazu holte er zweimal Gold bei Deutschen Meisterschaften über 10000 Meter und beim Halbmarathon.

Sein Allerheiligstes: die Goldmedaille bei den Deutschen Straßenlaufmeisterschaften Foto: Stumpf
Sein Allerheiligstes: die Goldmedaille bei den Deutschen Straßenlaufmeisterschaften Foto: Stumpf

Auch international reichte es einmal für einen Platz auf dem Treppchen: Bei der Senioren-EM im Halbmarathon erlief sich der damals 71-jährige Heldmann die Bronzemedaille in der M 70 in fabelhaften 1:35,28 Stunden; das entspricht einem Kilometerschnitt von 4:31 Minuten. Im Marathonlauf war er ebenfalls erfolgreich, wurde 2006 in München Zweiter in der Altersklasse M 70 in einer Zeit von 3:20 Stunden.

Aber auch in der Spezialdisziplin Berglauf, die eine ganz andere Einteilung der Kräfte als der Straßen- und Bahnlauf erfordert, zeichnete er sich aus. Erst vor wenigen Jahren holte er hier den Bayerischen Meistertitel in der M 75. Beim bekannten Lauf auf die Stoißer-Alm im Berchtesgadener Land legte der leidenschaftliche Läufer die sieben Kilometer und 670 Höhenmeter in fabelhaften 45:40 Minuten zurück und ließ dabei den amtierenden Berglauf-Europameister Georg Groß hinter sich – „mein schönster Lauf“, so Heldmann. Kuriosität am Rande: Als der Sprecher bei der Siegerehrung Heldmanns Zeit ausrief, konnte er es zuerst nicht glauben und vermutete einen Fehler bei der Zeitmessung.

Pokale soweit das Auge reicht. Foto: Stumpf
Pokale soweit das Auge reicht. Foto: Stumpf

Schon früh im Leben musste der 1935 Geborene jene Zielstrebigkeit und Durchhaltefähigkeit beweisen, die ihn später zum erfolgreichen Läufer machen sollten: „Ich war ein Kriegskind“.

Die Angst vor den Fliegerangriffen bleibt für immer im Gedächtnis

Noch gut erinnert sich der gebürtige Schnaittenbacher an seine Angst, als er im April 1945 im Alter von neun Jahren Kemnath am Buchberg im Inferno eines Tieffliegerangriffs brennen sah und wenig später die ersten US-Panzer in seinen Heimatort einrollten. Zunächst begann der junge Günther nach dem Krieg eine Schreinerlehre, denn er sollte später die väterliche Schreinerei übernehmen. Doch als er gerade einmal 14 Jahre alt war, starb der Vater. Der junge Bursche machte in Regensburg die Mittlere Reife. Anschließend ging er auf die dortige Ingenieursschule und lebte im Kolpinghaus in einem Drei-Mann-Zimmer.

„Titel sind mir jetzt nicht mehr so wichtig.“

Günther Heldmann

Später fand der Diplom-Ingenieur seine berufliche Heimat beim Finanzbauamt, dem späteren Staatlichen Hochbauamt, wo er es bis zum Abteilungsleiter brachte.

Sein früheres Trainingspensum von 60 bis 70 Kilometern pro Woche hat er inzwischen etwas zurückgefahren, die eine oder andere Laufeinheit wird durch flottes Gehen ersetzt. „Titel sind mir jetzt nicht mehr so wichtig“, sagt Heldmann, denn der Fokus seiner sportlichen Aktivität hat sich nun mehr auf die gesundheitlich positiven Aspekte des Laufens verschoben. Die Bewegung bringt nicht nur Muskeln und Kreislauf auf Trab, sie hilft ihm auch, mit den seelischen Belastungen des Alterns klarzukommen: „Dass immer mehr Bekannte sterben, gibt einem natürlich schon zu denken“, sagt er. Der Blick auf die unbestechliche Stoppuhr am Handgelenk zeigt ihm, dass sich die Leistungskurve sogar bei ihm nach unten neigt: Keiner läuft der Zeit davon. Trotzdem schnürt Günther Heldmann unverdrossen immer wieder die Laufschuhe, „und wenn ich dann gelaufen bin und unter der Dusche stehe, bin ich wieder ein neuer Mensch.“ Das bestätigt auch seine Ehefrau Irene, die ihn oft und gerne auf Wettkämpfe in ganz Deutschland begleitet hat: „Ich habe immer gemerkt, dass ihm das Laufen guttut.“

Seine Beine haben locker zwei Erdumrundungen „auf dem Tacho“

Wie jeder echte Langstreckenläufer hat sich Günther Heldmann genaue Notizen zu Training und Wettkämpfen gemacht. Inzwischen dokumentieren diese Aufzeichnungen mehr als 80000 Laufkilometer – seine Beine haben also locker zwei Erdumrundungen „auf dem Tacho“. Doch es ist nicht Heldmanns Art, mit solch beeindruckenden Zahlen zu protzen. Das gilt auch für die vielen Trophäen: Erst auf Nachfrage und fast widerwillig führt er den Reporter in den Keller, wo sich in einer stillen Ecke in unübersehbarer Zahl Pokal an Pokal und Medaille an Medaille reiht – glänzende Wegmarken eines wahrlich bewegten Lebenslaufs.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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