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Kriminalität

Sexuelle Gewalt als Mittel zum Zweck

Über die Übergriffe von Köln wird heftig diskutiert. Eine Kriminologin sieht darin ein neues kriminelles Phänomen.
Von Dagmar Unrecht, MZ

Fahrzeuge der Polizei stehen vor dem Hauptbahnhof in Köln. Die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht sogen für Zündstoff. Foto: Oliver Berg/dpa
Fahrzeuge der Polizei stehen vor dem Hauptbahnhof in Köln. Die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht sogen für Zündstoff. Foto: Oliver Berg/dpa

Regensburg.Was sich genau in der Silvesternacht in Köln abgespielt hat, ist noch nicht klar. Nach und nach kommen immer mehr Einzelheiten ans Licht. Die Kriminologin Rita Steffes-enn, ehemals Polizeibeamtin des Landes Rheinland-Pfalz, ist spezialisiert auf den Umgang mit Gewalt- und Sexualtätern. Unter anderem hat sie in der Justizvollzugsanstalt in Amberg gearbeitet. Sie leitet das Zentrum für Kriminologie und Polizeiforschung in Kaisersesch in Rheinland-Pfalz und sieht in den Geschehnissen von Köln ein kriminelles Phänomen, das ihr als Masche seit etwa zwei Jahren bekannt ist: das Antanzen. Gemeint ist damit eine körperliche Annäherung bei öffentlichen Veranstaltungen an einen Menschen mit dem Zweck, ihn zu bestehlen oder auszurauben. „In Köln kamen noch sexuelle Übergriffe hinzu, sexuelle Gewalt war hier auch Mittel zum Zweck“, sagt die Kriminologen.

Aus Sicht von Rita Steffes-enn müssen die Kölner Vorkommnisse differenziert betrachtet werden „Wir haben eine Mischung aus verschiedenen sexuellen Übergriffsformen.“ Bei einer öffentlichen Party, wo viele Menschen ausgelassen feiern, trinken, vielleicht auch Drogen im Spiel sind, gebe es immer verstärkt sexuelle Übergriffe. „Das kennt man zum Beispiel auch vom Oktoberfest.“ Ein Teil der Kölner Taten sei diesem Phänomen zuzuschreiben. Ein zweiter Teil der Sexualdelikte gehe ihrer Erfahrung nach auf frustrierte, aggressive Einzeltäter oder Gruppen zurück. „Sie sind leider Teil unserer Realität.“

Täter gingen strategisch vor

Die dritte Gruppe in Köln sei diejenige, über die nun heftig diskutiert werde. „Auf ihr Konto geht eine große Zahl sexueller Übergriffe innerhalb kurzer Zeit, gekoppelt mit Bereicherungsdelikten“, so die Expertin. Frauen seien zusätzlich zu den sexuellen Belästigungen bestohlen und beraubt worden. „Diese dritte Tätergruppe ist sehr strategisch vorgegangen.“ Menschenansammlungen in ausgelassener Stimmung, Lärm und Dunkelheit seien dafür der „optimale Tatort“. „Wenn man angegrapscht wird, sind alle Sinne darauf fokussiert, mit der Angst und der Abwehr umzugehen.“ Das Bestehlen oder Berauben gehe dann ganz schnell, in „zehn bis 15 Sekunden ist das passiert“. Für die betroffenen Frauen seien diese Erlebnisse sehr bedrohlich. „Die Opfer haben viel zu verdauen.“ Die Kombination aus sexuellen Übergriffen und der Verlust von Handys und Geldbörsen mit privaten Informationen sei sehr belastend. „Dass so große Tätergruppen in einem kleinen Zeitfenster so viele Delikte begehen, gab es bisher meines Wissens noch nicht“, so die Kriminologin.

Polizei auf Hinweise angewiesen

Die Kriminologin Rita Steffes-enn warnt vor Blitz-Überfällen in Kombination mit sexuellen Übergriffen. Foto: Steffes-enn
Die Kriminologin Rita Steffes-enn warnt vor Blitz-Überfällen in Kombination mit sexuellen Übergriffen. Foto: Steffes-enn

Aus ihrer Sicht ist es nicht überraschend, dass die Polizei davon zunächst nichts bemerkt hat. „Die Fälle kommen erst über andere bei der Polizei an.“ Über Menschen, die diese anzeigen oder etwas beobachtet haben. Auch wenn viele Polizisten bei der Silvesterfeier gewesen seien, hätten sie bei einer strategisch vorgehenden Tätergruppe keine Chance. „Einer wird immer aufpassen, und zum Beispiel einen Böller als Ablenkung zünden.“ Die Polizei sei in 99,9 Prozent der Fälle auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Die stark schwankenden Zahlen bezüglich der Täter sind für die Kriminologin Ausdruck der selektiven Wahrnehmung. Die Polizei greife auf Aussagen der Betroffenen zurück, die sehr unterschiedlich sein könnten. Die Aufklärung der Taten werde ihrer Meinung nach schwierig.

Ob die Täter organisiert waren, ist nach Einschätzung der Kriminologien noch nicht zu sagen. „Man kann sich innerhalb einer Gruppe sehr schnell verabreden.“ Es müssten auf jeden Fall eingespielte Teams gewesen sein. Vorstellbar sei auch, dass es eine Gruppe mit einem hartem Kern war, weil die Taten sehr schnell verübt wurden. So könnten 30 bis 40 Delikte an einem Abend auf das Konto einer Gruppe gehen.

Kein „Flüchtlingsphänomen“

Wichtig ist aus Sicht der Expertin für die Zukunft, über das kriminelle Phänomen solcher Blitz-Übergriffe zu reden und daraus kein „Flüchtlingsphänomen“ zu machen. Bei großen Events könne es immer wieder zu solchen Vorkommnissen kommen. Menschen müssten sich dessen bewusst sein – „so wie beim Enkeltrick“ – daher sei Aufklärung ganz wichtig. Darüber hinaus sei es sinnvoll, dass die Polizei bei Veranstaltungen Streife laufe. Aber auch mobile Meldestellen könnten aus Sicht der Kriminologin bei Großveranstaltungen nützlich sein, also feste Punkte, wo Polizisten stehen und Menschen hingehen könnten, um Verdächtiges zu melden. „Strategisch vorgehenden Tätern muss man die Plattform entziehen. Sie leben von der Gelegenheit.“

Lesen Sie mehr: Die sexuellen Übergriffe gegen Frauen in Köln lösen eine Welle der Bestürzung aus. Polizeipräsident Albers schließt einen Rücktritt aus – und Oberbürgermeisterin Henriette Reker zieht einen Shitstorm unter dem Hashtag #einearmlaenge auf sich.

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