mz_logo

Panorama
Dienstag, 25. September 2018 15° 1

Porträt

Sie tanzte im Palast des Schahs

Sie war Ballett-Tänzerin, Choreographin und Schauspielerin. Heute ist die Wahl-Riedenburgerin Susan Oswell Komponistin.
Von Helmut Hein

Für Susan Oswell ist das Theater eine Probebühne für das Leben, wie wir das aus Träumen kennen. Foto: altrofoto.de
Für Susan Oswell ist das Theater eine Probebühne für das Leben, wie wir das aus Träumen kennen. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Wie war das mit Reza Pahlavi, dem Schah von Persien? Susan Oswell lacht: „Ich habe nur einmal für ihn getanzt. In seinem Palast in Teheran.“ Und wie ist sie dorthin gekommen? Das ist eine längere Geschichte.

Susan Oswell kam 1955 im Nordosten Englands in der Nähe von Newcastle auf die Welt. Wie war es dort? „Wild und karg.“ Besonders beeindruckt hat sie der Dialekt der Menschen, die oft zur Arbeiterklasse gehören: „Er ist weich, voller Vokale.“ Als sie vier Jahre alt war, begann sie zu tanzen. Der Tanz wurde Oswells große Leidenschaft. Mit sieben zog sie von einem Ende Englands zum anderen, nach Southampton: „Mein Vater war Bauingenieur. Er wurde versetzt.“ Mit elf verließ sie gewissermaßen Vater und Mutter, kam nach Tring, in ein renommiertes Internat für Tanz, Bühne, Musik. War das schwer, ohne Eltern, allein in der Fremde? „Überhaupt nicht. Ich war so fasziniert vom Tanzen. Und von all dem anderen, was ich dort lernen konnte.“ Noch heute sagt Susan Oswell: „Das Theater ist für mich ein Experimentierfeld, in dem man seine Gedanken über Mensch und Welt schärfen kann.“ Man muss sich die kleine Susan Oswell als sehr neugieriges Wesen denken, eine Versucherin. Theater, sagt sie, ist „eine Probebühne für das Leben, wie wir das aus Träumen kennen“.

„Wir führten ein Doppelleben: vormittags die normale Schule, nachmittags dann die Kunst.“

Susan Oswell

Und wie fand sie das Internatsleben? Wie bei Harry Potter, nur dass nicht gezaubert, sondern getanzt wurde? „Es war ein reines Mädcheninternat. Und die Vorschriften waren sehr streng. Das meiste war verboten. Aber einsam war es nicht. Es gab viele Freundschaften. Und außerdem hatten wir ja viel zu tun. Wir führten ein Doppelleben: vormittags die normale Schule, nachmittags dann die Kunst.“ Und damit man sich das Ganze besser vorstellen kann, ergänzt sie: „Es war ein altes Haus. Es hatte früher den Rothschilds gehört.“ Dort blieb Oswell, bis sie 16 war. Schon früh sehr ambitioniert, entwarf sie zum Beispiel eine Choreographie für „Sacre du printemps.“ Mit Strawinskys wüstem, sehr rhythmischem Stück begann Anfang des 20. Jahrhunderts die Geschichte der modernen Musik und des modernen Tanzes. Susan Oswell studierte jetzt, „für den letzten Schliff“, in London. Drei Jahre sollte diese Ausbildungsstufe noch dauern. Aber spätestens im zweiten Jahr wurde sie ungeduldig. Als ein Vortanzen für das iranische Nationalballett angesetzt war, ging sie hin. So kam sie zu dem Schah von Persien.

In den Medien war damals, Anfang der 1970er Jahre, noch nichts von der kommenden Unruhe zu spüren. Nur die Anti-Schah-Demonstrationen, die am Beginn der Studentenbewegung standen, hatten Kratzer auf dem Bild des Märchenkönigs hinterlassen. Wie war das damals in Persien, für eine sehr junge Frau? „Man spürte schon, dass das nicht mehr lange so weitergehen kann. Es gab zu viel Reichtum und zu viel Armut.“ Hierzulande galt der Schah als pro-westlich, als Modernisierer. Susan Oswell: „Ja, aber schon damals trugen die Frauen auf den Straßen Kopftücher. Das begann nicht erst mit Khomeini.“

Regensburg wurde kurzzeitig zum Zentrum des Tanztheaters

Was das Tanzen betraf, stand der Iran, wie übrigens auch die junge Susan Oswell, im Bann der großen Russen. „Viele Tänzer und Choreographen aus der Sowjetunion waren da. Auch Rumänen.“ Das Repertoire war europäisch. Neben der russischen Tradition („Petruschka“) hat sie den „Boléro“ getanzt. Und Liszts „Les Préludes“. Im Jahr darauf war sie in Paris. „Das war eine schräge Ballett-Kompagnie, die ihre Probenräume auf der legendären Seine-Insel Saint Louis hatte.“ Susan Oswell, halb entschuldigend: „Ich wollte auf die Bühne. Ich hatte genug von der Schule.“ Mit diesen Leuten also tourte sie im Winter 1975 sechs Wochen durch Indien, tanzte in Delhi, Bombay, wie es damals noch hieß, und Poona, wo der berühmt-berüchtigte Bhagwan seine europäischen Eleven empfing. „Alles war sehr aufregend. Und alle standen noch im Bann von Djagilew.“

Dann aber endete fürs Erste Susan Oswells Nomadentum. Von 1975 bis 1982 war sie in einem festen Engagement in Bonn. Bonn: Da war Wuppertal nicht weit. Dort residierte Pina Bausch, die mit ihrem Tanztheater die Welt des Balletts revolutionierte. Pina Bausch war auch für Susan Oswell ein entscheidender Einfluss. Der andere war Franz Hummel, dessen Ehefrau sie seit einigen Jahren ist und mit dem sie seit 1979 zusammenarbeitet. Hummel lernte sie kennen, weil der gelegentlich als Komponist fürs Bonner Theater arbeitete. Als die Arbeitsverhältnisse in Bonn immer schwieriger und unbefriedigender wurden, gründete Susan Oswell zusammen mit der Choreographin Rosamund Gilmore, die heute eine bekannte Opern-Regisseurin ist, und dem Tänzer Ian Owen die freie „LAOKOON DANCE GROUP“, die rasch zu einem der international renommiertesten Tanztheater-Ensembles wurde. Ein Dutzend Stücke entstanden mit „Laokoon“. Wirklich frei? „Nein, halbfrei, denn uns hat anfangs das Frankfurter Theater am Turm produziert.“ Das war damals eine der bedeutendsten Bühnen. Claus Peymann begann dort seine lange Karriere mit einer noch heute legendären Uraufführung von Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“. Später war dort Rainer Werner Fassbinder für kurze Zeit „Chef“ und sorgte für Skandale.

Kunst in verschiedenen Ausformungen, vor allem die Musik, war immer mein zuverlässigster Begleiter durchs Leben.

Susan Oswell

Für Laokoons vielleicht bedeutendstes Stück „Blaubart“, Musik Franz Hummel, Choreographie Rosamund Gilmore, hat übrigens Susan Oswell das Libretto geschrieben. Damals war die Bühne überfüllt mit lauter abgetragenen Kleidern. „Ja, das stimmt.“ Es ging um alte Identitäten, „Häutungen“ und, natürlich, um das weite, schwarze Land des Unbewussten. Susan Oswell erinnert sich: „Das war ziemlich aufwendig. Bei unserer Russland-Tournee brauchten wir einen Lastwagen, der die Kleidersäcke transportierte.“ Susan Oswell lacht. „Als wir in Leningrad spielten – damals hieß es noch Leningrad – hat nach der Vorstellung die Rote Armee alles wieder eingepackt.“ Später wurde „Laokoon“ von der Bayerischen Staatsoper und von den Wiener Festwochen produziert, die Tänzer lebten in Riedenburg und Umgebung und Regensburg wurde für einen kurzen historischen Moment ein Zentrum des Tanztheaters.

Das Ende der Tanzkarriere war keinesfalls ein Schlussstrich

Tempi passati. Sie wollte doch immer tanzen. Wieso hat sie plötzlich aufgehört, nach all den Triumphen? 1984 wurde sie sogar von den Kritikern zur Schauspielerin des Jahres gewählt. Susan Oswell, privat eher ruhig, ja „cool“, konnte auf der Bühne extrem aus sich herausgehen. „Ich wollte nicht mit 50 noch Tag für Tag an der Stange stehen und meine Übungen machen.“ Aber das Tanzende war ja keineswegs ein wirklicher Schlussstrich. „Das Komponisten-Dasein ist mein zweites Leben, das ich weder erwartet noch vorausgesehen habe. Gegenüber der Theaterkunst bietet das Komponieren, schon durch seinen höheren Abstraktionsgrad, angenehm freiere geistige Ausflüge.“ In den vergangenen zwei Jahrzehnten entstanden zahlreiche Werke in den verschiedensten Genres, die an den unterschiedlichsten Orten uraufgeführt wurden. Die sinfonische Dichtung „Sonnenfinsternis“ etwa am 11. August 1999 (da herrschte wirklich Sonnenfinsternis) vom Moskauer Sinfonieorchester unter der Leitung von Alexei Kornienko. Das Streichquartett „Endenich“ nach Schumann-Themen nahm das Georgische Staatsquartett in sein Repertoire auf, das Orchesterwerk „Ulysses“ wurde in Halle uraufgeführt. Besonders beeindruckend: der abendfüllende Liederzyklus „100 Wasser“ und die Kammeroper „Zelda“ über die schwierige Liebe des Künstlerpaars Fitzgerald. Ihre jüngste Produktion: die siebensätzige „Symphonie choréographique – Der Fremde“ nach Motiven von Albert Camus.

„Kunst in verschiedenen Ausformungen, vor allem die Musik, war immer mein zuverlässigster Begleiter durchs Leben“, sagt Susan Oswell zum Schluss.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht