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„So auf Erden“: Der verlorene Sohn

Eine spannende Geschichte um Heuchelei und Toleranz, um Verdrängen und Vergebung erzählt ein Drama am Mittwoch im Ersten.
Von Klaus Braeuer, dpa

Edgar Selge und Franziska Walser sind auch im echten Leben ein Paar. Foto: dpa
Edgar Selge und Franziska Walser sind auch im echten Leben ein Paar. Foto: dpa

Berlin.Gottesglaube, verbunden mit viel Lebensfreude – das will der Herr Pastor seiner freikirchlichen Gemeinde „Der Weg“ in Stuttgart verkünden. Dass seinem eigenen Gewissen und seinem Glauben an Gott alsbald eine schwere Prüfung bevorsteht, kann er zu Beginn des Filmdramas „So auf Erden“ (Mittwoch, 4.10., 20.15 Uhr im Ersten) noch nicht wissen.

Doch genau das passiert bald. Gegen seine erste Einschätzung nehmen Johannes Klare (Edgar Selge) und seine Frau Lydia (Franziska Walser) den Straßenmusikanten Simon (Jannis Niewöhner) bei sich zu Hause auf, als sie ihn nahezu bewusstlos unter einer Fußgängerbrücke auflesen.

Simon ist drogenabhängig

Das kinderlose Paar glaubt rasch an eine göttliche Fügung, dass ihnen „ein Sohn geschenkt sei“, muss aber entdecken, dass der junge Mann drogenabhängig ist. Sie versuchen, ihn zu entgiften – doch er haut einfach durchs Fenster ab. Als Simon bei seinem Vater einbrechen will, holt Klare ihn dort ab und bürgt sogar für ihn.

Anfangs sagt Pastor Klare noch so schöne Worte wie „Die Bibel kennt ganz wunderbare Schutzfunktionen gegen die Angriffe der Lust. Ihr dürft nie vergessen, dass Ihr etwas ganz besonderes seid, aber ihr müsst auch etwas dafür tun, dass sich der Schutz von Gottes Wort entfalten kann“.

Simon (Jannis Niewöhner, r.) spürt, dass Johannes (Edgar Selge) etwas für ihn empfindet, das über väterliche Sorge hinausgeht. Foto: Christiane Pausch/ SWR/Eikon Südwest GmbH/dpa
Simon (Jannis Niewöhner, r.) spürt, dass Johannes (Edgar Selge) etwas für ihn empfindet, das über väterliche Sorge hinausgeht. Foto: Christiane Pausch/ SWR/Eikon Südwest GmbH/dpa

Er schenkt schon mal sein Jackett einem Armen und er ruft sein „Amen“ außerordentlich emphatisch in den Saal. Doch schon bald ist er mit seinem Latein am Ende – erst recht, als er spontan von Simon auf den Mund geküsst wird und herausfindet, dass der junge Mann schwul ist.

Klare entdeckt daraufhin, dass er sein eigenes Schwulsein lange verdrängt hat – und muss das Verhältnis zu seiner Frau überdenken und vor allem zu sich selbst finden.

Parabel auf den verlorenen Sohn

Regisseur Till Endemann (Stuttgarter „Tatort: Eine Frage des Gewissens“, „Das Programm“) und die Autoren Martin Rosefeldt und Pia Marais haben eine gute und tragfähige Grundlage für ihren Film vorgelegt: Was ist Glaube? Und woran ist er festzumachen?

Die Geschichte als eine Parabel auf den verlorenen Sohn zu erzählen, hätte vollauf genügt. Aber es müssen unbedingt auch noch Geldsorgen der Gemeinde hineingepackt werden samt Betrug eines Gemeindemitglieds, Hypothek auf das Haus der Klares und verdeckte Spenden eines Bankenvorstands, der dann auch noch zum Erpresser wird.

Der 25-jährige Jannis Niewöhner („Maximilian – Das Spiel von Macht und Liebe“, „High Society“) spielt den charmanten Simon, der geheimnisvoll und verloren wirkt, sehr glaubhaft. Seine Filmfigur nistet sich schnell im Pastorenhause ein, singt mit Herrn Klare schon mal am Klavier und bezeichnet Jesus als „Bodyguard“. Doch leider hält er sich nicht an das Gebot „Keine Drogen, keine Lügen“.

Selge und Walser haben die Predigten selbst geschrieben

Das bieder-missionarische Ehepaar Klare wird vom Schauspieler-Ehepaar Selge/Walser sehr eindringlich gespielt; sie haben ihre Predigten im Film selbst geschrieben. Die Diskussion zwischen den beiden und dem überschwänglichen Simon darüber, ob die Liebe zwischen Männern gottgewollt ist, wird sehr ernsthaft geführt.

Der Versuch, Klare davon abzubringen, scheitert kläglich – auch, weil der Pastor seiner Begierde nicht widerstehen kann.

Im Film wird viel aus der Bibel zitiert, und das mag an einigen Stellen – insbesondere zum Ende hin – verwirrend wirken, insbesondere auf Menschen, die nicht viel mit Christentum und Kirche anfangen können. Aber letztendlich kann der Film als Appell verstanden werden, Vorurteile abzubauen, mehr Toleranz zuzulassen und sich selbst so anzunehmen, wie man ist – und seine Mitmenschen eben auch.

Das Drama „So auf Erden“ wird an diesem Mittwoch, den 4. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.

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