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Hobby

„Stricken ist das neue Yoga“

Das Hobby wird modern. Ist es reine „Frauensache“ oder stehen auch Männer darauf? Drei Fachfrauen in Regensburg erzählen.
Von Susanne Wolf

Nicht nur die Damen beweisen beim Stricken Fingerspitzengefühl. Mittlerweile haben auch Männer dieses Hobby für sich entdeckt. Foto: dpa
Nicht nur die Damen beweisen beim Stricken Fingerspitzengefühl. Mittlerweile haben auch Männer dieses Hobby für sich entdeckt. Foto: dpa

Regensburg.Bei Gesprächen mit Freundinnen über das Stricken hörte man noch vor ein paar Jahren immer diesen Satz: „Ja meine Oma hat das damals immer gemacht, als ich bei ihr war. Ich habe immer schöne selbst gestrickte Pullis, Mützen und Schals von ihr bekommen.“ Inzwischen haben viele Frauen das Selberstricken wieder für sich entdeckt. Spricht man heute bei einem Kaffee mit der besten Freundin über das Thema, kann man fast sicher sein: Jede verrät der anderen, welches Lieblingsteil sie gerade strickt. Denn: Stricken ist wieder total im Trend.

Aus welchem Grund setzen wir uns also abends mit Garn und Stricknadeln „bewaffnet“ auf die Couch und stricken gemütlich vor dem Fernseher an einer neuen Klamotte? Wieso wird ausgerechnet das Stricken wieder neu entdeckt? Bekannt ist das Stricken ja schon seit Jahrtausenden, vor ein paar Jahrzehnten wurde es allerdings aus anderen Gründen praktiziert, als heute. Zum Beispiel, um mit selbstgemachter Kleidung die Haushaltskasse zu schonen.

Tipps fürs Stricken

  • Tipp 1:

    Nadelstärken an das Garn anpassen; Maschenproben durchführen

  • Tipp 2:

    Knäuel nur von außen anfangen und nicht gegen die Drehung arbeiten

  • Tipp 3:

    Beratung in lokalem Geschäft, dabei die Wolle gerne anfassen und sich mit den verschiedenen Garnen vertraut machen

  • Tipp 4:

    Ruhe bewahren und nicht verzweifeln, wenn anfangs noch nicht alles so klappt, wie man sich das vorstellt

„Handarbeit ist inzwischen ein trendiges Hobby“, erklärt Daniela Kager, eine der beiden Gesellschafterinnen im Eismond, einem Naturwollladen in der Regensburger Glockengasse. „Früher war Stricken etwas Alltägliches. Jede Frau musste stricken und nähen können, auch meine Mutter. Das war damals einfach eine notwendige Hausfrauenfertigkeit.“

„Mit dem Stricken wollen sich die Leute etwas Individuelles anfertigen. Und zwar nicht nur Kleidungsstücke, sondern mittlerweile auch Wohn-Accessoires.“

Mila Forth

Heute ist das anders: In Zeiten der Schnelllebigkeit hilft Stricken beim Entschleunigen. Auch aus diesem Grund haben viele Menschen zurück zur Handarbeit gefunden. Ein weiteres Plus: Selbst gemachte Sachen sind momentan total in, wie der Do-it-yourself-Trend insgesamt beweist. „Die Leute wollen einfach etwas Individuelles“, sagt Mila Forth, die Filialleiterin von Wolle Rödel in Regensburg. Für Renate Piehorsch, die zweite Gesellschafterin im Eismond, ist „das Stricken das neue Yoga“. Und Daniela Kager sagt: „Das, was meine Mutter konnte, ist alles irgendwie verlorengegangen, aber mittlerweile glaube ich, dass es langsam wieder ,back to the roots' geht. Man stellt einfach fest, dass das Bewahren von alten Traditionen ein Schatz ist und nicht einfach nur eine Fertigkeit.“

„Es gibt immer wieder mal Männer, die stricken, und wenn die kommen, dann wissen sie genau, was sie wollen.“

Renate Piehorsch

Und dieses wertvollen traditionellen Schatzes bedienen sich anscheinend nicht nur Frauen: Sowohl im Eismond als auch bei Wolle Rödel stellt man überrascht fest, dass männliche Kunden dort keine Seltenheit sind. „Schon Männer im alten Ägypten haben Strümpfe gestrickt“, erklärt Mila Forth. Lange Zeit war das Stricken dann bei Männern verpönt und eben „reine Frauensache“. „Heute ist die Tendenz sehr stark steigend, dass auch Männer wieder zur Stricknadel greifen“, erzählt die Filialleiterin weiter.

Mila Forth, Filialleiterin bei Wolle Rödel in Regensburg Foto: Wolf
Mila Forth, Filialleiterin bei Wolle Rödel in Regensburg Foto: Wolf

Allein wenn man auf den My-Boshi-Mützen-Trend vor ein paar Jahren zurückblickt, merkt man, dass sich Männer für das Stricken nicht mehr „schämen“. Denn dieser Trend wurde von zwei jungen Männern ins Leben gerufen, die einfach Mützen gestrickt, Videos und Anleitungen online gestellt und damit einen regelrechten Hype ausgelöst haben. „Männer, die stricken, machen circa fünf Prozent unserer Kunden aus“, bestätigt Renate Piehorsch. „Es gibt immer wieder mal Männer, die stricken, und wenn die kommen, dann wissen die genau, was sie wollen.“

Es wird immer mehr auf nachhaltige Garne beim Stricken geachtet. Foto: Fotolia
Es wird immer mehr auf nachhaltige Garne beim Stricken geachtet. Foto: Fotolia

Und noch etwas ist neu: Früher traf man sich vermehrt, um gemeinsam zu stricken und tauschte sich dabei aus. Die Informationen und neue Anleitungen hat man sich aus Strickheften geholt. Und heute? Heute macht man das fast alles online. Zwar bieten die VHS und Wollläden noch Strickkurse, Workshops und auch Einzel-Coachings an, doch spielt sich das meiste einfach – wie in so vielen anderen Lebensbereichen auch – im Internet ab. „Ich sehe das als Bereicherung“, sagt Piehorsch.

Im Internet gibt es eine Fülle an Strickanleitungen zu entdecken

Auch wenn man am Wochenende ein Problem hat und niemanden um Hilfe bitten kann, findet man schnell Hilfe und Antworten auf seine Fragen im Netz. Youtube beispielsweise bietet eine Fülle an Strickanleitungen. „Auch wir holen uns neue Techniken von Youtube und sonstigen digitalen Plattformen“, gibt Piehorsch zu.

Hier ist eines der unzähligen Strick-Tutorials aus Youtube:

Ihre Geschäftspartnerin erzählt: „Wir hatten uns einmal zum offenen Stricktreff getroffen und keiner wusste, wie der italienische Anschlag geht. Im Internet haben wir sofort Videos dazu gefunden, dann hat jeder den italienischen Anschlag geübt.“ Diese Form der Kommunikation sei wichtig, erklärt Daniela Kager weiter, weil man sich „live“ eben nicht mehr so austauschen könnte wie früher.

Beim Kauf der Garne lohnt ein Blick auf die Herkunft der Wolle

Piehorsch bringt das Phänomen auf den Punkt: „Das ist wie in vielen anderen Lebensbereichen auch. Man muss offen sein und das Traditionelle mit dem Modernen verbinden.“ Und Kager fügt lachend hinzu: „Trotz der modernen Technik muss ich ja trotzdem immer noch selbst stricken.“ Beim Kauf der Garne lohnt ein Blick auf die Herkunft und Herstellung der Wolle. Denn auch in diesem Lebensbereich spielt das Thema Nachhaltigkeit eine immer größere Rolle. Daher gibt es im Eismond beispielsweise nur nachhaltig hergestellte Naturgarne. „Wir sind ein bisschen unser eigener Trend, da wir nur Naturwollen vertreiben“, sagt Renate Piehorsch. „Trend sind weniger die Farben, sondern die Menschen schauen stattdessen immer mehr darauf, wo die Wolle herkommt.“

Renate Piehorsch (links) ist die Gesellschafterin im Wollladen Eismond. Foto: Wolf
Renate Piehorsch (links) ist die Gesellschafterin im Wollladen Eismond. Foto: Wolf

Und auch bei Wolle Rödel werden immer mehr nachhaltige Garne nachgefragt, „und daher auch hergestellt und vertrieben“, erzählt Mila Forth. Den Menschen sei es wichtig, dass Schafe gut gehalten und bei der Schur nicht verletzt würden. Außerdem spiele beim Thema Nachhaltigkeit auch die Weiterverarbeitung eine wichtige Rolle. „Viele Firmen lassen die Garne beispielsweise in Bangladesch färben, wo die Menschen für einen Hungerlohn arbeiten müssen“, erklärt Piehorsch. Im Eismond bekommt man beispielsweise Wallhalla-Garne von Schafen aus der Region. Auch Garne aus dem hohen Norden sind gefragt. „Nordische Seefahrervölker lebten schon immer mit ihren Tieren und sind gut mit ihnen umgegangen“, erzählt Kager.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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