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Donnerstag, 21. Juni 2018 30° 2

Pro und contra

SUVs: Die mit den Muskeln spielen

Unnötige Wuchtbrummen oder ’ne Wucht? Über den Sinn und Nutzen von SUVs scheiden sich die Geister – auch in der Redaktion.
Von Angelika Sauerer und Lisa Pfeffer

Schnell, schneller, Bentley: Der Bentayga ist nicht nur der erste Geländewagen des britischen Herstellers. Er ist auch das schnellste Serien-SUV der Welt. Foto: Bentley
Schnell, schneller, Bentley: Der Bentayga ist nicht nur der erste Geländewagen des britischen Herstellers. Er ist auch das schnellste Serien-SUV der Welt. Foto: Bentley

SUV-Fahrer folgen dem Zeitgeist. Einem Zeitgeist, der sich vor einer als unübersichtlich und unsicher erlebten Umwelt hinter viel Blech abschottet und vor der Realität in eine Traumwelt flieht. Ein SUV ist kein Vernunftauto – findet Angelika Sauerer:

Ich bin noch nie in einem Sport Utility Vehicle gesessen. Immerhin weiß ich, wie super es sich anfühlt, einen Van zu lenken oder von einem Lastwagen aus auf bodennahe Normalautos herunterzuschauen. Die hohe Sitzposition erlaubt einen Überblick, hey, das ist schon eine Schau! Wer in ein SUV klettert, steigt auf und nicht ab. Der Chauffeur thront quasi über dem Verkehr. Von oben herab steuert er in seiner Komfortzone durch den Straßendschungel und es liegt nahe, zu sagen: Er (oder sie) da oben, wir da unten.

Der „Hausfrauenpanzer“ als Bodyguard mit jugendlich-sportlichem Image, in den man bequem einsteigen kann, selbst wenn einem die Gräten wehtun.

Immer öfter sitzt eine Fahrerin am Steuer. Der weibliche Anteil liegt bei über einem Viertel, Tendenz weiter steigend, Dunkelziffer hoch – denn oft kauft ein Mann den Wagen, den sie dann fährt. Vor allem Mütter von noch zu Hause lebenden Kindern, Menschen über 50 und Millennials finden die optischen Muskelprotze attraktiv, ergab 2016 eine Ford-Studie mit 5000 Teilnehmern. Als Grund führten zwei Drittel der SUV-Fans an, die Fahreigenschaften bei schlechter Witterung und das Gefühl von Sicherheit zu schätzen. Der „Hausfrauenpanzer“ als Bodyguard mit jugendlich-sportlichem Image, in den man bequem einsteigen kann, selbst wenn einem die Gräten wehtun. Eins allerdings entbehrt jeder Logik: Warum sagen Frauen bei Umfragen mehrheitlich, dass ihnen beim Autokauf wenig Verbrauch und geringer Ausstoß von Abgasen sooo wichtig seien – und fahren dann auf Autos ab, die das Gegenteil bedeuten? Das verstehe, wer will.

Angelika Sauerer mag Autos mit klarer Idee, egal, ob das die Schönheit, Schnelligkeit oder der Nutzen ist. Für sie zählt Umweltfreundlichkeit – außer bei Oldtimern. Von den bulligen SUVs fühlt sie sich irgendwie bedroht. Foto: Lex
Angelika Sauerer mag Autos mit klarer Idee, egal, ob das die Schönheit, Schnelligkeit oder der Nutzen ist. Für sie zählt Umweltfreundlichkeit – außer bei Oldtimern. Von den bulligen SUVs fühlt sie sich irgendwie bedroht. Foto: Lex

Mit Vernunft ist nicht zu begründen, warum sich im Oktober 2017 die Verkaufszahlen der SUVs um fast 31 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat erhöhten. Erstmals stellen die Offroader das stärkste Segment unter den Neuzulassungen und verdrängen die Kompaktklasse (VW Golf, Ford Focus usw.) auf Rang zwei. Dahinter folgen Klein- und Kleinstwagen, Vans und die Mittelklasse. SUVs und Geländewagen sind umweltschädlicher als die Golfklasse, sie sind schwerer und stärker motorisiert. Ihr Boom ist daher keine gute Nachricht für Mensch und Natur. Und auch nicht für schwächere Unfallgegner oder Fußgänger: Ein SUV schlage höher und wuchtiger ein als ein Kompaktwagen, sagte Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), der SZ. Der SUV-Boom trage dazu bei, dass der CO-Ausstoß von Neuwagen trotz besserer Technologie immer langsamer sinkt, konstatiert das Forschungsinstitut Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach 2016. Während einigen Herstellern in ihren Flotten Emissionsrückgänge von bis zu sechs Prozent gelangen, sei bei Hyundai, Kia und Ford der Anstieg des CO-Ausstoßes um über vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf die guten Verkäufe von SUVs zurückzuführen. Aber warum verkaufen sich diese Autos so gut?

Allrad gibt’s meist nur gegen Aufpreis.

Weil sie dem Zeitgeist folgen. Einem Zeitgeist, der sich vor einer als unübersichtlich und unsicher erlebten Umwelt hinter viel Blech abschottet und mit Vollgas vor der Realität in eine Traumwelt flieht. Das SUV-Marketing ködert mit Spaß, Freiheit und jugendlichem Leichtsinn im Gelände. Die Frage ist, ob der Mix aus Sport-, Nutz- und Imponierfahrzeug dafür überhaupt geeignet ist. Allrad gibt’s meist nur gegen Aufpreis – was für ein Möchtegern-Abenteurer! Die Reklame offenbart unverblümt, dass mit Rücksicht nicht zu rechnen ist: „Neue Wege ausprobieren? Warum nicht.“ „Charakter: unartig.“ „Action!“ „Raus ins Leben“. Hinfahren, wo die Natur noch einsam ist: „Bereit für die Stille.“

Motor ausschalten nicht vergessen.

Pro oder contra SUV?

  • Invasion:

  • Wo man auch hinschaut, überall SUVs – stimmt das? Im April wurden in Deutschland 314.055 Neuwagen zugelassen. Der Schein trügt nicht, denn SUVs und Geländewagen hatten daran in zweifacher Hinsicht einen gewichtigen Anteil: Insgesamt 77.729 neue Pkw gehörten in dieses Segment. Es gibt damit um 30,2 Prozent mehr neu zugelassene SUVs als im April 2017.

  • Konsequenz:

  • Schwere Autos brauchen größere Motoren und stoßen mehr Abgase aus. Ist das den Spaß wert? Außerdem gibt es auch im SUV-Bereich umweltfreundlichere Hybrid-Varianten. Sind SUVs tatsächlich sicherer? Oder gefährden sie eher andere Verkehrsteilnehmer? Sind sie ein Ausdruck des Zeitgeistes oder nur eine Modeerscheinung? Das alles diskutieren wir hier.

Für den Kauf eines SUVs gibt es andere Gründe als Effizienz: Über alle Klassen hinweg schützen sie ihre Insassen am besten. Außerdem passen sich die Allrounder jeder Lebenssituation an. Kein Wunder, dass immer mehr Frauen dem Charme eines SUVs erliegen – findet Lisa Pfeffer:

Ich wohne nicht in den Bergen, gehe nicht zur Jagd und plane auch keine Durchquerung der Kalahari. Auch bin ich kein Mann über 50. Trotzdem fahre ich ein SUV. Und ganz klar war der Autokauf keine rationale Entscheidung. Natürlich fragt man sich, wie ein Fahrzeug mit dem Luftwiderstandswert eines Kühlschranks effizient sein soll. Die Antwort ist: Gar nicht. Wie man es auch dreht und wendet, selbst in Vergleichen mit Kreuzfahrtschiffen und Flugzeugen stinken die bulligen Wägen ab, wenn man den Verbrauch auf Personen herunterrechnet. Doch für den Kauf eines SUVs gibt es andere Gründe als die Effizienz. Nicht umsonst kommen 20 Prozent der Neuzulassungen in Deutschland derzeit auf die Pseudo-Geländewagen.

Viele schätzen das Gefühl der Sicherheit. Auch ich. Wie in einem kleinen Panzer bewegt man sich über die Straßen, alles im Blick.

Man kann nicht abstreiten: Die Wägen sind hip. Während gut betuchte Silversurfer früher reflexartig zum Porsche Carrera griffen, soll es heute oftmals der Cayenne sein. Auch wenn der hohe Einstieg vor allem älteren Menschen Vorteile bietet, sitzen immer mehr junge Menschen und auch Frauen hinter dem Steuer der Kraftprotze. Die Marktdynamik hat längst einen Sog entfacht – man nennt das Mode. Es gibt kaum einen Hersteller, der noch kein SUV verkauft. Angesichts des Booms werden alle Tabus gebrochen. „Ich bin mir nicht sicher, ob ein SUV für Rolls-Royce das Richtige wäre. Im Moment sehe ich das nicht“, sagte Rolls-Royce-Chef Müller-Ötvös noch im März 2012. Derzeit arbeitet Rolls Royce an seinem ersten SUV. Im Großstadt-Dschungel heben sich Autofahrer eben gerne vom üblichen Kombi- und Limousinen-Einerlei ab. Nicht kleckern, klotzen.

Lisa Pfeffer fährt selbst ein SUV – und das gerne. Eine Bedrohung für andere ist sie höchstens beim Einparken. Ansonsten gilt für sie: Im Straßenverkehr ist Rücksicht geboten, egal in welchem Auto man sitzt. Foto: Schönberger
Lisa Pfeffer fährt selbst ein SUV – und das gerne. Eine Bedrohung für andere ist sie höchstens beim Einparken. Ansonsten gilt für sie: Im Straßenverkehr ist Rücksicht geboten, egal in welchem Auto man sitzt. Foto: Schönberger

Viele schätzen dabei vor allem das Gefühl der Sicherheit. Auch ich. Wie in einem kleinen Panzer bewegt man sich über die Straßen, alles im Blick, in leicht erhöhter Position. Das fühlt sich nicht nur gut an, sondern kommt einem auch bei einem Unfall zu Gute. Dass man bei einem Verkehrsunfall in einem Kleinwagen schlechtere Karten hat als in einem SUV, liegt auf der Hand. Die Knautschzone ist größer, durch die Sitzposition hebt man sich aus der Gefahrenzone. Das Verkehrssicherheitsinstitut der US-Versicherer untersuchte 2015 das Sterberisiko in einzelnen Automodellen. Über alle Klassen hinweg schützen SUVs ihre Insassen am besten.

Keine Panik vor den Aufgebockten.

Oft stehen sie in der Kritik, dass von ihnen eine erhöhte Gefahr für Fußgänger ausgeht. Ein ADAC-Crashtest aus 2017 hat das allerdings widerlegt. „Ein direkter Zusammenhang zwischen der Bauform bzw. dem Fahrzeugsegment von SUV oder Geländewagen, und einem erhöhten Risiko von schweren Verletzungen und Todesfällen bei der Kollision mit einem Fußgänger, ist anhand der hier ausgewerteten Daten nicht ersichtlich“, heißt es in der Auswertung. Also: Keine Panik vor den Aufgebockten.

Gerade für Familien kann ein Sport Utility Vehicle ein Segen sein. Sie sind die neuen Vans und meistern die verschiedensten Situationen problemlos. Und sie sehen dabei besser aus als die klassischen Pampers-Bomber. Man kann morgens sein Kind stilgerecht zur Schule bringen, danach zu einem repräsentativen Geschäftstermin fahren und dann theoretisch noch mit Freunden einen Ausflug in die Berge machen. Damit passt sich das SUV perfekt an unsere differenzierte Gesellschaft an, die so viele Optionen wie möglich haben will.

Kurz: Ein SUV ist eben „Mr. Ready when you are“. Ein Kraftprotz, offen für alles, und noch dazu beschützend. Eigentlich kein Wunder, dass immer mehr Frauen hinter seinem Steuer sitzen.

In unserer Reihe „Ein Thema, zwei Meinungen“ treten regelmäßig MZ-Autoren zum Streitgespräch an. Alle Beiträge finden Sie hier.

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