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Tatort-Team ermittelt den Musikgeschmack

ARD startet am Dienstag die Serie „Soundtrack Deutschland“. Dafür zwängt sich Jan Josef Liefers sogar ins Glitzerkleid.

Die Schauspieler Jan Josef Liefers (l) und Axel Prahl stellen den „Soundtrack Deutschland“ vor.
Die Schauspieler Jan Josef Liefers (l) und Axel Prahl stellen den „Soundtrack Deutschland“ vor. Foto: dpa

Berlin.Zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung begeben sich Deutschlands beliebteste „Tatort“-Ermittler Jan Josef Liefers (51) und Axel Prahl (55) auf ungewohnte Mission. In der dreiteiligen ARD-Dokumentation „Soundtrack Deutschland“ erkundet das Duo in einer musikalischen Zeitreise deutsch-deutsche Geschichte. Die Sendungen laufen, thematisch passend, jeweils nach den drei neuen Doppelfolgen der preisgekrönten ARD-Serie „Weissensee“ (29.9./30.9./1.10. jeweils um 21.50 Uhr). In einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur erzählen der Ossi Liefers und der Wessi Prahl, wie es zu dem Projekt kam und wie sie die Deutsche Einheit heute sehen.

Wie entstand die Idee für den Film?

Liefers: Meine Band Radio Doria und ich waren jahrelang mit dem Programm „Soundtrack meiner Kindheit“ unterwegs. Wir haben Songs aus dem Osten gespielt, die in bestimmten Phasen meiner Jugend eine besondere Bedeutung hatten. Ich habe mir immer gewünscht, solche Geschichten, quasi einen persönlichen Soundtrack, auch mal von jemandem zu hören, der im Westen aufgewachsen ist.

Prahl: Ich fand den Gedanken spannend, inwieweit es vielleicht auch Musikfans waren, die an der Mauer kratzten. Wir haben uns dazu zusammengesetzt und viel zusammengetragen. Aber wir wollten das Ganze natürlich auch nicht nur bierernst machen.

Welche Erfahrungen hatten Sie selbst mit Musik?

Prahl: Im Osten war es schwierig, auf die Bühne zu kommen. Im Westen war es manchmal auch schwierig, auf der Bühne zu bleiben. Leute wie Rio Reiser zum Beispiel („Macht kaputt, was euch kaputt macht“) waren zu Zeiten des Kalten Krieges nicht so gern gesehen, da hieß es dann schnell mal „Geh‘ doch nach drüben, wenn’s dir hier nicht passt“. Oder auch Franz Josef Degenhardt. Und sogar Wolf Biermann, der von drüben kam, war hier wohl eher gelitten ...

Liefers: Musik ist wie Wasser, sie sucht sich immer einen Weg. Sie pfeift auf Einschränkung ihrer Freiheit. Man kann einen Menschen einsperren und ihm sein Instrument wegnehmen, aber dann wird an einer anderen Stelle etwas Neues entstehen. Das ist die große Kraft, die Musik hat. Und deshalb finde ich es gar nicht so falsch oder lächerlich zu sagen, das auch die Musik die Mauer mit zum Einsturz gebracht hat.

Wie meinen Sie das?

Liefers: Weil die Menschen, die sich unter einer Idee versammeln und den Mut fassen, aufzustehen und sich nicht länger gängeln zu lassen, auch immer die passende Musik dazu suchen. Für mich ist es nach wie vor ein in der Welt einzigartiges geschichtliches Vorkommnis, dass Deutschland wieder vereint wurde und eine Grenze neu gezogen, ohne dass es Blutvergießen gab, ohne dass es Krieg gab, ohne dass geschossen wurde.

Ist für Sie die Wiedervereinigung gelungen?

Prahl: Ich finde, dass da bedauerlicherweise vieles in Vergessenheit geraten ist. Dass diese Revolution so unblutig vonstatten ging, war ja mit der Tatsache geschuldet, dass man ein gutes Verhältnis zu Russland pflegte. Und das steht meines Erachtens derzeit gerade so ein bisschen auf dem Spiel.

Der Ossi und der Wessi

  • Jan Josef Liefers:

    1964 in Dresden geboren, wirkte in den vergangenen 25 Jahren in mehr als 50 Filmen mit (etwa: „Der Turm“). Daneben arbeitet er auch als Musiker, Regisseur und Produzent. Seit 2002 steht er zusammen mit Axel Prahl für den WDR-„Tatort“ in Münster vor der Kamera. Liefers ist mit der Schauspielerin Anna Loos verheiratet.

  • Axel Prahl:

    1960 im holsteinischen Eutin geboren, begann seine Karriere als Straßenmusiker in Spanien. Seit 1984 arbeitet er als Schauspieler bei Theater, Film („Die Polizistin“) und Fernsehen. Gemeinsam mit Regisseur Andreas Dresen und einer Band tritt er weiter als Musiker auf. (dpa)

Zusammengewachsen, was zusammengehört?

Liefers: Ich denke schon. Wiedervereinigung klingt natürlich besser als Anschluss, was es in Wahrheit ja war. Der Westen bezahlte, aber die Rechnung ging auch zu Lasten der kulturellen Identität der Menschen im Osten. Vieles, was dort in den 40 Jahren hinter der Mauer zum Beispiel an Musik entstanden ist, kam schon ganz schön unter die Räder. Aber heute? Auf dem Gebiet der Musik spielen Ost und West doch keine Rolle mehr.

Was hätte man anders machen sollen?

Prahl: Nach meinem Dafürhalten gibt es einige Dinge, die nach dem Mauerfall ein bisschen abgetan wurden als marxistische Ideen, aber vielleicht dennoch nicht ganz falsch waren. Zum Beispiel, dass bestimmte Dinge einen Wert haben, der sich nicht unbedingt über den Markt regelt, etwa, dass man nicht zigtausend Tonnen Obst produziert und sie dann einstampft. Oder das Geld, das jemand bekommt, der für die Allgemeinheit arbeitet. In der DDR war ein Kellner nicht so meilenweit entfernt von einem Restaurantchef ...

Liefers: Oder die Mieten. Ich weiß noch, meine erste Miete im Westen, da hab’ ich mich echt auf den Arsch gesetzt. Das war mehr als die Hälfte von dem, was ich verdient habe.

Prahl: Meine erste Miete im Osten war die Hälfte von dem, was ich hier im Westen bezahlt habe – und das für eine doppelt so große Wohnung.

Also vom Osten lernen?

Liefers: Vor dem Lernen käme ja erst mal das Kennenlernen. Im Osten wussten die Menschen trotz der Abschottung viel besser über die Unterhaltungsbranche im Westen Bescheid als umgekehrt. Aus dem Westen hieß es eher: „Shut up, listen and learn! Wir sagen Euch, wie der Hase läuft, und Ihr dürft Euch das drauf schaffen.“

Damit haben viele Menschen in Osten nicht gerechnet, dass auf einmal alles, was ihr Leben und ihre Identität ausmachte, so abgewertet wurde. Das Desinteresse hat viele verletzt. Aber das ist jetzt 25 Jahre her und in weiteren 25 Jahren bestimmt schon vergessen. (dpa)

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