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Konzept

Unterrichtsmodell aus Indien macht weltweit Schule

Schon zehn Millionen Kinder auf dem Subkontinent nutzen die MGML-Methode mit ihren Lernleitern. Schulexperten aus Bayern sind davon begeistert.
Von Louisa Knobloch, MZ

In den zwölf Landschulen im Rishi Valley lernen die Kinder jahrgangs- und leistungsübergreifend nach der MGML-Methode. Foto: Lernleitern-Verein

Regensburg. Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein: Ein Unterrichtskonzept, bei dem die Kinder individuell und in ihrem eigenen Tempo lernen können, bei dem der Lehrer mehr Partner als Autoritätsfigur ist und bei dem Schule so viel Spaß macht, dass die Kinder sogar am Sonntag freiwillig kommen. Dieses Konzept – die MultiGrade-MultiLevel-Methodology (MGML) – hat Dr. Ralf Girg vom Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Regensburg 2002 bei einem Besuch im indischen Rishi Valley kennengelernt.

MGML bedeutet, dass in den Schulen jahrgangsübergreifend (MultiGrade) und leistungsübergreifend (MultiLevel) unterrichtet wird. Der Lehrplan für ein Jahr wird dabei von sogenannten Lernleitern repräsentiert, deren einzelne Sequenzen die Schüler mithilfe von Lernmaterialien bearbeiten. „So kann jedes Kind in seiner eigenen Geschwindigkeit vorangehen“, sagt Girg. Fehlt ein Schüler, weil er etwa bei der Ernte helfen muss, kann er genau da einsteigen, wo er aufgehört hat.

Zum Praktikum nach Indien

Entwickelt wurde das Konzept am Rishi Valley Institute for Educational Resources (RIVER) in Indien, das zur 1930 gegründeten Rishi Valley School gehört. Um auch den Kindern der Landbevölkerung Unterricht zu ermöglichen, entwickelten die RIVER-Direktoren Padmanabha Rao und Anumula Rama zunächst die „School in the Box“ – flexibel einsetzbare Lernsets für individualisiertes Arbeiten.

Basierend auf diesem Lernmaterial baute RIVER insgesamt zwölf Landschulen im Rishi Valley auf, einfache Gebäude in Lehmbauweise, ohne Stromanschluss. In Regalen an der Wand befindet sich der nach Fächern geordnete Materialpool. Je nachdem, wo auf der Lernleiter sie sich gerade befinden, nehmen sich die Schüler das entsprechende Lernmaterial. An den Tischen arbeiten sie entweder allein, zusammen mit anderen Schülern oder mit Unterstützung des Lehrers – etwa bei der Einführung in ein neues Thema.

Girg und seine Kollegen Dr. Thomas Müller und Dr. Ulrike Lichtinger vom Team Forschung Integral der Universität waren begeistert von dieser Unterrichtsmethode. Aus Studienaufenthalten in den Jahren 2004 und 2005 entwickelte sich eine Kooperation – seit 2006 können Lehramtsstudenten der Universität Regensburg vier- bis sechswöchige Praktika in Indien machen. Auch Zulassungsarbeiten wurden bereits über dieses Thema verfasst.

Ein Verein soll die Schulen sichern

Katja Ertl, die Deutsch und Geschichte auf Lehramt Gymnasium studiert, hat ihre gerade abgegeben. Im vergangenen September war die junge Frau vier Wochen lang an einer Schule im Rishi Valley. „Das Beeindruckendste war zu sehen, dass die Methode funktioniert“, sagt sie. Obwohl 30 bis 40 Kinder in einem Raum unterrichtet würden und jedes an einer anderen Stelle im Stoff arbeite, sei alles sehr ruhig und geordnet abgelaufen. „Die Schüler helfen sich gegenseitig.“ Seit 2007 gibt es auch erste Praxisprojekte an bayerischen Schulen, bei denen mit individuellen Methoden wie den Lernleitern gearbeitet wird – etwa an der Grundschule Brennberg und an der St.-Vincent-Schule Regensburg, deren Leiter Müller drei Jahre lang war.

„In Indien werden rund 100000 Schulen mit zehn Millionen Schülern erreicht“, so Müller. Auch in Äthiopien, Nepal oder Bhutan wird die MGML-Methode mittlerweile angewendet. Um Studierenden und Lehrern Aufenthalte vor Ort im Rishi Valley zu ermöglichen, wurde dort 2009 ein Gästehaus eingeweiht. Die Zukunft der zwölf Landschulen in der armen Gegend dauerhaft zu sichern, sei aber schwierig, sagen Müller und Girg. Mit sechs Mitstreitern haben sie daher im Juli 2011 den Verein „Lernleitern ins Leben“ gegründet. „Unser Ziel ist, Paten zu gewinnen, die mit 180 Euro pro Jahr den Grundschulbesuch eines Kindes absichern“, erklärt Müller. „Wir wollen den Kollegen von RIVER für das, was wir von ihnen lernen, auch etwas zurückgeben“, ergänzt Ralf Girg.

Er ist überzeugt, dass die MGML-Methode auch Antworten auf aktuelle Fragen unseres Schulsystems bieten könnte: „Die Heterogenität in den Klassen nimmt durch die Umsetzung der Inklusion und die steigende Zahl von Kindern mit Migrationshintergrund zu“, sagt er. Der demografische Wandel könnte in Zukunft auf dem Land außerdem jahrgangsübergreifende Klassen nötig machen. „Durch die Kooperation mit RIVER wollen wir Studenten auf die schulischen Möglichkeiten dieser Methode vorbereiten.“ Und das mittlerweile sogar an zwei Universitäten: Dr. Thomas Müller weitet das Projekt als Akademischer Rat am Institut für Sonderpädagogik der Universität Würzburg auf die dortigen Lehramtsstudenten aus. „Es ist erstaunlich“, so Müller, „mit wie wenig Material man Schule auf Weltniveau machen kann.“

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