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Glosse

Vielstimmig

Ein Kommentar von Angelika Sauerer

Wenn ich mit fremden Menschen telefoniere, dann versuche ich dabei, freundlich zu lächeln. Das sieht der Gesprächspartner zwar nicht, aber – so habe ich mir sagen lassen – er hört es. Ein recht unpersönlicher Kontakt über den Äther wird auf diese Weise ein bisschen verbindlicher und netter. Als ich also vor zwei Wochen bei einem großen, deutschen Telekommunikationsunternehmen eine massive Störung meines Internet-Anschlusses meldete, tat ich das lächelnd. Nach einer Stunde telefonisch betreutem Umstöpseln, neu Konfigurieren, Testen und so weiter, ging immer noch nichts. Die Stimme am anderen Ende der Leitung war untröstlich, mir nicht helfen zu können – das hörte man sehr deutlich. Sie versprach den Rückruf eines Technikers und wir verabschiedeten uns lächelnd.

In den folgenden Tagen lernte ich so um die fünf, sechs weitere Stimmen kennen. Zwei davon sächselten leicht, eine schwäbelte, eine berlinerte, aber gesichtslos blieben sie alle, irgendwie ungreifbar (was wiederum zu dem mysteriösen Problem passte, das meinen Haushalt vom weltweiten Netz abschnitt). Man kann ja auch keinen zurückrufen. Dadurch entsteht zwangsläufig der fatale Eindruck, dass man es nicht mit Menschen zu tun hat, sondern nur mit Schwingungen, die aus dem Hörer strömen. Bei jedem neuerlichen Anruf teilt einem der Zufall eine freie Stimme zu, die ähnliche Fragen stellt und Antworten gibt, wie die Stimme zuvor. Alle sagen ungefähr das Gleiche, sie sprechen quasi vielstimmig einstimmig Worte aus, die leider nicht weiterhalfen.

Geholfen haben am Ende übrigens der Zufall und ein Techniker vor Ort. Bevor man jedoch an den kommt, muss man sich durchs Stimmengewirr kämpfen, da hilft nichts. Wahrscheinlich vergeht einem dabei das Lächeln.

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