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Ernährung

Vom Aschenputtel zum „Superfood“

Erbsen erobern die Teller zurück, Ernährungsprofis haben sich Hülsenfrüchte auf die Fahne geschrieben. Zu Recht?
Von Klara Weidemann

Der vegane Boom rückt die Erbse als Proteinlieferant in den Fokus.
Der vegane Boom rückt die Erbse als Proteinlieferant in den Fokus.

Regensburg.Der Trend geht weg von exotischen Produkten wie Chia-Samen, hin zu regionalem Obst und Gemüse”, erklärt Ernährungsberater und Fitness-Coach Markus Dawo aus Regensburg den überraschenden Siegeszug einer Frucht, der bis jetzt kaum Beachtung zugekommen war: der Erbse. Lange nur als Beilage oder „Arme-Leute-Essen” verschrien, rückt sie nun, gemeinsam mit anderen Hülsenfrüchten, mehr in den Fokus. Grund dafür sei unter anderem der „vegane Boom”, so Dawo.

Eine wünschenswerte Entwicklung, findet er: „Die Erbse stammt aus der Region, ist nachhaltig, schmeckt gut, kann vielfältig zubereitet werden und ist gesund.“ Vor allem auf den letzten Punkt legt er wert: „Erbsen sind aufgrund ihres Eiweißgehalts sehr empfehlenswert. Auch wegen der Ballaststoffe, die alle Hülsenfrüchte haben, ist es gut, sie zur Nahrung dazuzunehmen”, so Dawo.

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Das bestätigen die Zahlen: Bei 100 Gramm Erbsen fallen gerade einmal 80 Kalorien an. Zwischen sieben und 20 Prozent Eiweiß können in den grünen Kugeln stecken, je nachdem, ob sie roh oder getrocknet sind. Mit enthalten: Vitamin B, Magnesium, Eisen, Kalium und Zink. Das wäre gut für deutsche Mägen, sagt Dawo. Er verweist darauf, dass über 50 Prozent der deutschen Erwachsenen inzwischen übergewichtig seien. „Die Amerikaner haben wir inzwischen eingeholt”, meint er und rät, generell mehr auf die Ernährung zu achten.

„Der Trend geht weg von exotischen Produkten wie Chia-Samen, hin zu regionalem Obst und Gemüse.”

Ernährungsberater und Fitness-Coach Markus Dawo

Viele meinten ja, dass sie durch wenig Essen abnehmen würden. Falsch, sagt Dawo: „Ich arbeite viel mit Studentinnen, die abnehmen wollen. Letztens habe ich eine beraten, die gerade mal die Hälfte von dem gegessen hat, was sie am Tag benötigt. Da kann ich nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.“ Denn wenig Essen wirke sich negativ auf den Stoffwechsel aus, mache einen leistungsunfähiger und lasse am Ende durch den Jo-Jo-Effekt erst recht das Gewicht hochgehen. „Da hängt ein ganzer Rattenschwanz dran“, sagt Dawo. Deswegen rät er seinen Klienten und Trainingspartnern: essen, essen, essen – und zwar vor allem Gemüse. Denn davon könne man sogar richtig große Portionen essen, die aber trotzdem wenige Kalorien enthalten.

Eine vollkommen auf Erbsen basierte Ernährung sei laut Dawo jedoch nicht zu empfehlen. „Das ist wie mit allem”, sagt der ehemalige Bundeswehr-Offizier: Wenn man von bestimmten Lebensmitteln zu viel isst und dafür andere weglässt, sei das auf Dauer ungesund.

7 Fakten über Erbsen

  • 01 Literarisch

    Wer kennt es nicht, das Märchen, in dem sich die Hülsenfrucht nicht nur die Hauptrolle, sondern zugleich einen Platz im Bett und im Titel ergattern konnte: Andersens „Prinzessin auf der Erbse“ hat das Gemüse ungeachtet der Vitamine und des Eiweißgehalts berühmt gemacht.

  • 02 Metaphorisch

    Einer Legende zufolge galt Baedeker als der erste „Erbsenzähler“, der mit Hilfe der grünen Früchte die Stufen im Mailänder Dom gezählt haben soll. Tatsächlich jedoch war die Metapher in der frühen Neuzeit bereits bekannt.

  • 03 Sprichwörtlich

    „Geflüsterter Rat ist keine Erbse wert“, belehren Spanier die Heimlichtuer und reduzieren das grüne Gemüse dabei auf seine Größe. Auch wir Deutschen erweisen der Nährstoffbombe kein bisschen mehr Respekt: Begriffsstutzigen Menschen schreiben wir ein Gehirn „so klein wie eine Erbse“ zu.

  • 04 Im Größenvergleich

    Die weltweite Bekanntheit der kleinen Erbse machen sich Wissenschaften gerne zunutze: Physiker erklären das Verhältnis von Atomkern zur Hülle im Vergleich der Hülsenfrucht zum Umfang der Erde. Auch Mediziner erleichtern die Vorstellungskraft, wenn sie die Hörschnecke im Ohr oder einen vier Wochen alten Embryo als „erbsengroß“ bezeichnen.

  • 05 Im Namen

    Ein mexikanischer Fußballer verdankte einst seinen grünen Augen und der kleinen Statur den Spitznamen „Chícharo“, der übersetzt „Erbse“ bedeutet. Sein Sohn, die „kleine Erbse“, trägt heute den Namen Chicharito und spielt bei Bayer 04 Leverkusen.

  • 06 Historisch

    Die Erbse schrieb sogar die Geschichte um, als der Fund antiker Hülsenfrüchte bisherige Annahmen über Schauplatz und Landschaft der berühmten Varusschlacht widerlegte.

  • 07 Als Preis

    Die „Goldene Erbse“ wird im Zuge der Berliner Märchentage an jene Persönlichkeit verliehen, die sich „wie ein Märchenheld für das Gute einsetzt“.

Das findet auch Landwirt Harald Gasser, der sich auf den Anbau von alten Gemüsesorten – zum Beispiel der knolligen Platterbse – spezialisiert hat. Er ist für Vielfalt auf dem Teller und Vielfalt in seinem Gemüsegarten. „Die Erbse ist sicherlich gesund. Ich setze aber auf Abwechslung, das heißt: von allem ein bisschen und von nichts zu viel. Das ist gesund!”, sagt er.

Nicht nur für den Menschen, auch für die Umwelt seien Hülsenfrüchte hilfreich, berichtet Gasser: „Sie bereichern den Boden beim Anbau sehr.” Die knollige Platterbse habe sogar noch einen spannenden geschichtlichen Hintergrund: „Sie wurde bereits im Mittelalter als Nahrungsmittel verwendet und galt als Proteinlieferant für die Ärmsten. Das hat mich fasziniert”, erzählt er. Momentan seien besonders Zuckererbsen und Fisolen in seinem Garten daheim.

Erbsen sind super, aber deshalb gleich ein „Superfood”? Mit solchen Marketingbegriffen tut sich Dawo schwer: „Unsere Großeltern sind ja auch ohne ‚Superfood‘ – oder zumindest ohne den Begriff – groß und stark geworden.“ Mit solchen neuen Bezeichnungen wolle lediglich jemand Geld verdienen, indem er längst bekannte Ratschläge als neu verkaufe.

Grundsätzlich solle man sich bei der Ernährung auch nicht stressen, findet Dawo. „Es gibt Studien, die besagen, dass Menschen, die ein kleines bisschen Übergewicht haben, weil sie eben nicht genau auf die Ernährung achten, gesünder leben, weil sie sich eben keinen Stress machen“, berichtet er. Er selbst wiegt aber sogar manchmal sein Essen ab und nutzt eine Kalorienzähler-App, wenn er sich zum Beispiel auf einen Marathon vorbereitet. Nach spätestens vier Wochen habe er aber keine Lust mehr. Dann wolle er nur noch: essen. Kalorienzählen mache auf Dauer keinen Spaß. „Und Essen soll ja Spaß machen.“

Vom Arme-Leute-Essen zum Superfood: Erbsen, Bohnen und Linsen erleben gerade ein Comeback. Auch die Vereinten Nationen haben 2016 zum Jahr der Hülsenfrüchte erklärt. Studenten der Universität Passau (Medien und Kommunikation) sind für die Geschichten in dieser „nr. sieben“-Ausgabe unter die Erbsenzähler gegangen – und sind dabei mehr als fündig geworden.

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Alle Geschichten aus unserem Wochenend-Magazin „nr. sieben“ finden Sie hier!

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