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Freitag, 20. Juli 2018 31° 2

Gesellschaft

Von Gleichstellung noch weit entfernt

Professorin Gabriele Dennert erforscht die sexuelle Diskriminierung und ihre Folgen. Die Auswirkungen sind enorm.
Von Katharina Kellner

Weltweit engagieren sich Aktivisten gegen sexuelle Diskriminierung. Foto: Wolfgang Kumm/dpa
Weltweit engagieren sich Aktivisten gegen sexuelle Diskriminierung. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Dortmund.Die „Ehe für alle“ und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Einführung eines dritten Geschlechts im Personenstandsregister sind Meilensteine auf dem Weg zur Gleichstellung von Homo-, Inter- und Transsexuellen. Dass aber noch nicht alles erreicht ist, weiß Gabriele Dennert. Die Professorin für Sozialmedizin und Public Health mit Schwerpunkt Geschlecht und Diversität an der Fachhochschule Dortmund forscht seit Jahren zur gesundheitlichen Situation lesbischer Frauen in Deutschland. Sie hat die erste Studie zum Thema vorgelegt.

Studie zeigt erschütternde Fakten

Ihre Bilanz: „Frauen, die Frauen lieben und mit Frauen leben, wird in unserer Gesellschaft immer noch nicht derselbe Respekt und dieselbe Anerkennung für ihre Lebensweise zuteil wie heterosexuell lebenden Menschen. Diskriminierung durch Dritte ist besonders in der Gesundheitsversorgung fatal, weil sich Menschen, die auf gesundheitliche Hilfe angewiesen sind, in einer besonders verletzlichen Situation befinden.“ Dennert berichtet von vielen Einzelbeispielen, die zeigen, dass echte Gleichstellung in Deutschland nicht erreicht ist – noch immer reagieren Menschen mit Vorurteilen und Abwehr auf Lebensentwürfe, die sie nicht als Norm wahrnehmen.

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Im Gespräch mit der MZ zählt sie „Mikroaggressionen“ gegen lesbische Frauen in der medizinischen Versorgung auf: Ob sie „schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht“ habe, wurde eine Frau gefragt, eine andere musste sich von einem Arzt anhören: „Wenn der Richtige kommt, dann ändert sich das auch wieder.“ Eine der Befragten erzählte: „Ich arbeite selbst im medizinischen Bereich und dort gilt Homosexualität als unnormal und ich musste mir schon häufig Witze und dumme Bemerkungen über Patienten anhören. Ich selbst bin auf meiner Arbeitsstelle nicht geoutet.“

Aids-Test gegen den Patienten-Willen

Neben verbalen Ausfällen nennt Dennert Verstöße gegen das Selbstbestimmungsrecht: So berichtete eine Frau von einem Aids-Test, den eine Ärztin gegen ihren Willen bei ihr vornahm. Von der Deutschen Aids-Hilfe heißt es dazu: „Ein HIV-Test gegen den Willen eines Menschen ist rechtlich Körperverletzung, die Diagnose kann schwerwiegende psychische und soziale Folgen haben.“ Dennert weist auf internationale Studien hin, die erbracht haben, dass sexistische Diskriminierung bei Homosexuellen zu körperlichen und psychischen Erkrankungen beiträgt. Die Niederlande, Großbritannien oder die skandinavischen Länder seien weiter, was detaillierte Befragungen zum Thema Diskriminierung angehe: „In den USA ist es zum Beispiel verpflichtend, dass bei großen Studien zu Gesundheit nach der sexuellen Orientierung gefragt werden muss.“ Dadurch werde Diskriminierung erst offenkundig.

„Negative Konsequenzen für Lebensqualität, Gesundheit und Lebensgestaltung.“

Gabriele Dennert, Professorin für Sozialmedizin und Public Health an der FH Dortmund

Auch die Situation von Transpersonen ist schwierig – von Menschen also, deren geschlechtliche Identität abweicht von dem Geschlecht, das ihnen wegen bestimmter Körpermerkmale zugewiesen wurde. Dennert: „Hier existiert eine massive Form von medizinischer Stigmatisierung.“ Wer zum Beispiel bei der Krankenkasse eine Kostenübernahme für eine Hormontherapie beantrage, müsse eine einjährige Psychotherapie nachweisen. „Das ist das einzige Setting, wo es Zwangspsychotherapie in Deutschland gibt.“ Dabei ist kein Zusammenhang zwischen Transidentität und psychischer Störung belegt. „Wenn Identität pathologisiert wird, hat das erhebliche negative Konsequenzen für Lebensqualität, Gesundheit und Lebensgestaltung.“

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