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Gesundheit

Warum der Karpfen fett macht

Übergewicht gilt heute per se als Problem. Das war nicht immer so. Ein Würzburger beschäftigt sich mit der Leibesfülle.
Von Pat Christ

Im 16. Jahrhundert machte man „schleimige“ Speisen wie Enten, Gänse oder Karpfen für Fettleibigkeit verantwortlich. Foto: Armin Weigel/dpa
Im 16. Jahrhundert machte man „schleimige“ Speisen wie Enten, Gänse oder Karpfen für Fettleibigkeit verantwortlich. Foto: Armin Weigel/dpa

Würzburg.Essen sie einfach zu viel? Sind sie willensschwach? Oder woher kommt es, dass manche Menschen unheimlich dick sind? Solche Fragen treiben nicht nur moderne Mediziner um. Selbst in der Antike machte man sich Gedanken über das Phänomen der exzessiven Leibesfülle. Welche Ursache das hat, was wir heute „Adipositas“ nennen, dazu gab es in den vergangenen Jahrhunderten ganz unterschiedliche Vorstellungen, sagt Ralph Alexander Pyrges vom Würzburger Institut für Medizingeschichte.

Seit drei Jahren beschäftigt sich der gebürtige Bremer mit heutigen und historischen Vorstellungen von Fettleibigkeit. Spannend ist für ihn, dass sich bestimmte Ansichten quer durch die Jahrhunderte ziehen. So existierte schon in früheren Zeiten das Vorurteil, dass dicke Menschen faul und träge seien. Auch dachte man schon lange, dass Adipositas entweder mit zu viel oder der falschen Nahrung zu tun hat. Grundlegend unterschiedliche Ansichten existieren jedoch über die Ursachen.

Beleibte aßen „Schleimiges“

So wurde im 16. Jahrhundert, als die Medizin noch auf der Säftelehre basierte, das „Phlegma“ für Fettleibigkeit verantwortlich gemacht. Den Begriff „Phlegma“ zu übersetzen, ist nicht ganz einfach. Am ehesten trifft es das Wort „Schleim“. Der Humoralpathologie zufolge hatten extrem beleibte Menschen entweder zu viel „Schleim“ im Körper. Oder sie aßen „Schleimiges“. Womit nicht Haferschleim oder dergleichen gemeint war. „Schleimig“ war zum Beispiel alles, was mit Tümpeln zu tun hatte: „Zum Beispiel Enten, Gänse oder Karpfen.“ Aber auch Soßen und Suppen, dachte man, konnten fettleibig machen.

Als Therapie wurden Pyrges zufolge sanguinische und cholerische Nahrungsmittel wie Zwieback oder Petersilie verordnet. Behandelt wurden Fettleibige im 16. Jahrhundert nicht explizit wegen ihres gewaltigen Körperumfangs: „Sondern dann, wenn sie ihren standesgemäßen Pflichten aufgrund ihrer Beleibtheit nicht mehr nachkommen konnten.“ Übergewicht an sich war noch nicht pathologisiert. Doch wenn ein König so dick war, dass er nicht mehr leichtfüßig tanzen konnte, oder wenn ein Adeliger wegen seines Leibesumfangs nicht mehr zur Jagd gehen konnte, dann versuchte man, das „Phlegma“ abzubauen.

Darin sieht der Geschichtswissenschaftler, der in Trier studierte und promovierte, einen der größten Unterschiede zu unserer Zeit. Heute, sagt Pyrges, gilt Übergewicht per se als problematisch. Auch wenn keine bedenklichen Symptome wie Bluthochdruck oder Diabetes vorliegen. Anders als früher ist sich der heutige Mensch außerdem der unablässigen Gefahr bewusst, dick werden zu können. Deshalb haben viele Menschen eine Waage im Bade- oder Schlafzimmer stehen. Deshalb wird auch genau darauf geachtet, was man den Tag über zu sich nimmt: „Und abends fragt man sich, ob man sich das Stück Schokolade, auf das man Lust hat, ‚leisten‘ kann.“ Ob Adipositas heute, anders als im 16. Jahrhundert, pandemische Ausmaße hat, ist mangels historischer Statistiken eine kaum zu beantwortende Frage. Zu vermuten steht, dass die Menschen aus der Unterschicht in der frühen Neuzeit im Vergleich zur damaligen Oberschicht eher seltener exzessiv dick waren. Wobei sich kaum Quellen finden, die sich auf die Unterschicht beziehen. Geschweige denn, dass „einfache Menschen“ über ihre Korpulenz und Abnehmversuche geschrieben hätten.

Der Blick richtete sich auf Fasern

Eine Grafik allerdings erregt unter Forschern, die sich mit „Adipositas“ befassen, einiges Aufsehen: der Kupferstich „Die dicke Seyllerin“, der etwa um 1612 entstanden sein soll. Dem Begleittext zufolge wog die 36-Jährige über 200 Kilo. Bemerkenswert: Im Text wird eigens betont, dass sie „frisch und gesundt“ sei. Interessant ist für Pyrges, dass sich das Thema „Adipositas“ nach der Aufspaltung der Medizin durch alle Teildisziplinen zieht. Im 18. Jahrhundert, als man allmählich von der Humoralpathologie abkam, richtete sich der Blick der Ärzte auf die Fasern und Nerven des Menschen. Die seien bei Fettleibigen zu „locker“.

Die Endokrinologen zeigten Zusammenhänge mit den Drüsen auf, die Neurologen glaubten, im Hirn ein „Gewichtsregulationszentrum“ gefunden zu haben und Analytiker wiesen darauf hin, dass Kinder, die nicht genug Liebe erhalten haben, dazu neigen, die innere Leere mit Nahrung zu füllen. Ralph Alexander Pyrges wertete für seine „Geschichte der Beleibtheit“ um die 1500 Quellen und Bücher aus – angefangen von antiken Werken bis hin zu moderner Forschungsliteratur. Die drei Jahre lang von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützte Arbeit führt er inzwischen als Habilitationsprojekt weiter. Spätestens 2021 soll ein Buch über die „Geschichte der Beleibtheit“ erscheinen. Das wird vor allem für Wissenschaftler interessant sein. Wobei Pyrges nicht ausschließt, dass parallel ein zweites, leichter verständliches Buch entsteht. Denn das Thema, hat er im Laufe seiner Forschungsarbeit erfahren, ist von hoher gesellschaftlicher Relevanz.

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Übergewicht in Deutschland

  • Statistik:

    Im Vergleich der vergangenen Jahrzehnte nahm der Anteil der Übergewichtigen in Deutschland deutlich zu, zuletzt stagnierten die Zahlen auf hohem Niveau. Bei Fettleibigkeit allerdings stiegen die Werte weiter. Der Stand: 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen sind übergewichtig oder gar fettleibig, bei Kindern und Jugendlichen sind 15 Prozent betroffen.

  • Folgen:

    Schon geringes Übergewicht erhöht einer großen Studie zufolge das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen. Die Untersuchung zeigt eindeutig, dass übermäßige Pfunde eher zu Herzinfarkt, Herzschwäche und Schlaganfall führen. Anders als früher ist sich der heutige Mensch allerdings der Gefahr bewusst, dick werden zu können, wie Ralph Alexander Pyrges mit seiner Forschung zeigt.

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