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Gesellschaft

Was Lesben und Schwule 2018 bewegt

Die Ehe für alle jährt sich. Haben Lesben und Schwule nun alles erreicht? Eine Bestandsaufnahme schwul-lesbischer Themen.

Das Coming-Out ist für viele immer noch schwierig, Homophobie gibt es im Alltag überall. Doch Schwule und Leseben haben auch schon viel erreicht. Foto: Lopez/dpa
Das Coming-Out ist für viele immer noch schwierig, Homophobie gibt es im Alltag überall. Doch Schwule und Leseben haben auch schon viel erreicht. Foto: Lopez/dpa

Vor einem Jahr, am 30.6.2017, beschloss der Bundestag die Ehe für alle, also die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Zurzeit ist außerdem wieder Pride-Saison, jedes Wochenende ist irgendwo ein Christopher Street Day (CSD). Zeit für ein Update in Sachen sogenannter Homo-Themen. Was beschäftigt Menschen mit homosexueller Identität im Jahr 2018? Eine Auswahl an Themen:

EHE:

Auch wenn Lesben und Schwule jetzt heiraten dürfen, gibt es noch immer eine Ungleichbehandlung gleichgeschlechtlicher Paare. Lesbische Ehepaare werden beim Abstammungsrecht benachteiligt. Bekommt eine der Frauen ein Kind, wird die andere nicht - wie bei Hetero-Paaren üblich - automatisch als zweiter Elternteil anerkannt. Sie muss erst eine Stiefkindadoption mit einiger Bürokratie über sich ergehen lassen. Fast alle Parteien ließen kürzlich in einer Bundestagsdebatte erkennen, dass sie dies ändern wollen. Für alle Paare - egal ob hetero oder homo -, bei denen die Kinder nicht auf natürlichem Wege gezeugt wurden, soll es gleiche Rechte geben. Ein Gesetzentwurf der Grünen wurde in die Parlamentsausschüsse überwiesen, um weiter beraten zu werden. Auch die Justizministerkonferenz der Länder hat kürzlich ein modernisiertes Abstammungsrecht gefordert. Die AfD kündigte dagegen einen Gesetzentwurf an, der die Ehe für alle wieder abschaffen soll, also Homo-Paaren die Eheschließung verbietet.

Seit einem Jahr gibt es die Ehe für alle. Trotzdem haben Schwule und Lesben nicht überall die gleichen Rechte. Foto: Ralf Hirschberger/dpa
Seit einem Jahr gibt es die Ehe für alle. Trotzdem haben Schwule und Lesben nicht überall die gleichen Rechte. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

COMING-OUT:

Ist das Coming-out eines Prominenten noch eine Nachricht? Diese Frage stellte sich kürzlich wieder, als der Schauspieler und Moderator Jochen Schropp im „Stern“ über sein Schwulsein sprach. Wie manch anderer Promi zuvor gab auch Schropp zu Protokoll, er habe Angst vor dem Schritt gehabt. Einer der Gründe sei gewesen, dass ihm noch vor ein paar Jahren seine damalige Schauspielagentur davon abgeraten habe, weil es ihm schaden könne. Rollenangebote blieben nun womöglich aus, sagte Schropp, gerade mit Blick auf seine typischen Rollen etwa als Schwiegersohn. Aber nehmen Zuschauer einem Schwulen wirklich keinen Hetero-Herzensbrecher ab? Oder haben Castingagenturen nur keinen Mut? Und warum können andersrum Heteros eigentlich Schwule spielen? Auffällig in Deutschland ist: Die Zahl prominenter Lesben und Schwuler ist vergleichsweise gering. Allerdings gibt es auch eine ganz stille Normalität, wenn man zum Beispiel an den mit einem Mann verheirateten Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) denkt oder an die Moderatorin der wohl wichtigsten Politiktalkshow, Anne Will.

GESUNDHEIT:

Eine Revolution in Sachen Safer Sex ist zurzeit die HIV-Vorbeugung PrEP (Prä-Expositions-Prophylaxe), die nach den USA zurzeit auch in Deutschland mehr und mehr Anhänger bei Männern, die Sex mit Männern haben, findet. Dabei nehmen Menschen, die nachweislich keine HIV-Infektion haben, Medikamente gegen das HI-Virus ein, wenn sie sexuelle Kontakten haben, die mit Risiken verbunden sein können. Gedacht ist die Einnahme als Langzeit-Vorsorge - eine Pille am Tag. Für viele Schwule bedeutet dies eine neue sexuelle Freiheit nach Jahrzehnten der HIV-Angst. Möglich ist auch eine Nutzung für eine begrenzte Zeit wie ein Ausgeh-Wochenende - das wird von Ärzten aber nicht empfohlen. Da die Tabletten in bestimmten Abständen vor und nach dem Sex genommen werden müssen, können Nutzer Fehler machen - und sind dann nicht geschützt, obwohl sie es glauben. Die Kosten für die verschreibungspflichtigen Medikamente sind seit der Zulassung in Deutschland 2016 von 820 Euro pro Monat auf zurzeit etwa 50 Euro gesunken. Kassen übernehmen die Kosten bisher nicht. HIV-Forscher sehen bei der PrEP und der regelmäßigen Kontrolle durch einen Arzt die Gesundheit verbessert und die Zahl der HIV-Neuinfektionen rapide sinken. Das Thema ist dennoch umstritten in der Szene. Manche sehen einen zunehmenden Druck, PrEP zu nehmen, weil manche Schwule nun untereinander - etwa in Dating-Apps - recht offensiv Sex ohne Kondom fordern.

HOMOPHOBIE:

In der ganzen Welt finden zur Zeit CSD‘s statt, wo die LGBTQ-Community zusammen feiert und sich für ihre Rechte stark macht. Foto: Li Muzi/dpa
In der ganzen Welt finden zur Zeit CSD‘s statt, wo die LGBTQ-Community zusammen feiert und sich für ihre Rechte stark macht. Foto: Li Muzi/dpa

Immer wieder wird von schwulen- oder lesbenfeindlichen Übergriffen berichtet. Das traurige Thema der Gewalt bleibt präsent. Darüber hinausgehend hat der Autor Johannes Kram über „Die schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft“ geschrieben. Seine These: „Nach der Ehe für alle verfestigt sich der Eindruck, für Lesben und Schwule sei so gut wie alles erreicht.“ Dabei sei Diskriminierung in Deutschland immer noch Alltag, nur etwa ein Drittel aller Homosexuellen sei zum Beispiel am Arbeitsplatz als homosexuell bekannt. Nicht nur bei religiösen Fanatikern und Rechten, sondern auch in der Mitte und in linksliberalen Kreisen kursierten lesben- oder schwulenfeindliche Denkmuster, die jedoch oft geleugnet würden, schreibt Kram: „Homophob? Ich doch nicht. Meine besten Freunde sind doch homosexuell!“ Kram geht es auch um den „deutschen Sonderweg“ bei der Ehe für alle, die im Vergleich zu anderen westlichen Staaten spät und leidenschaftslos eingeführt worden sei.

AUFARBEITUNG:

Zumindest in der LGBT-Szene waren Anfang Juni Worte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aufsehenerregend. Zum zehnten Jahrestag des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen sagte er: „Der deutsche Staat hat all diesen Menschen schweres Leid zugefügt. Vor allen Dingen unter den Nationalsozialisten, aber auch danach noch, in der DDR und viel zu lange auch unter dem Grundgesetz.“ Er bitte deshalb im Namen des Staates um Vergebung - für all das Leid und Unrecht, und für das lange Schweigen darüber.

„Auch Ihre Würde ist so selbstverständlich unantastbar, wie sie es schon ganz am Anfang hätte sein sollen“

Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident

Das Staatsoberhaupt nahm auch Bezug auf die Gegenwart und wandte sich an alle „Schwulen, Lesben und Bisexuellen“, an „Queers, Trans- und Intersexuelle“: „Auch Ihre sexuelle Orientierung, auch Ihre sexuelle Identität stehen selbstverständlich unter dem Schutz unseres Staates. Auch Ihre Würde ist so selbstverständlich unantastbar, wie sie es schon ganz am Anfang hätte sein sollen.“

LESBISCHE SICHTBARKEIT:

Für Aufsehen sorgt zurzeit auch ein Sammelband mit dem Titel „Lesben raus! - Für mehr lesbische Sichtbarkeit“, den die Berliner Journalistin Stephanie Kuhnen herausgegeben hat. Ausgangspunkt: „Wenn von Homosexuellen gesprochen wird, dann werden Lesben „mitgemeint“. Wenn es um LSBTTI*-Themen geht, werden selten lesbische Expertinnen befragt. Angeblich gebe es sie nicht, heißt die Entschuldigung. Auch scheint es, „Queer“ wird lieber zu einer alternativen Identität erhoben, als sich „Lesbe“ zu nennen.“ Fazit: Wie in der heterosexuellen Welt, so scheinen Frauen auch im homosexuellen Kontext die Unterdrückten zu sein.

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