MyMz

Was wird aus deutscher Mittelschicht?

Die Mittelschicht schrumpft: Familien scheinen von der guten wirtschaftlichen Lage in Deutschland kaum zu profitieren.
Von Heike Sigel und Rico Schubert

Regensburg.Von einem mehr oder weniger deutlichen Schrumpfen der gesellschaftlichen Mittelschicht berichten verschiedenste Wirtschaftsforschungsinstitute seit Jahren. Trotzdem hat ein Pressebericht vom vergangenen Dienstag den Familienvater Rainer S. (Name von der Redaktion geändert) aus dem westlichen Landkreis Regensburg ziemlich aufgeschreckt: Berechnungen zufolge wird die gesetzliche Rente fast 50 Prozent der Arbeitnehmer möglicherweise nicht einmal mehr vor Armut schützen, stand in der Zeitung zu lesen. Rainer S. hat daraufhin nachgerechnet und ernüchtert festgestellt: „Sparen für eine private Altersvorsorge ist bei uns im Moment einfach nicht drin.“

Rainer S. zählt sich selbst zur gesellschaftlichen Mittelschicht. Zusammen mit seiner Frau Hannah und drei Kindern im Alter zwischen 13 und zwei Jahren bewohnt der 43-Jährige ein gemietetes Einfamilienhaus. Die Kinder lernen Instrumente und besuchen Sportvereine. Die Lebensverhältnisse der Familie stellen sich auf den ersten Blick als gar nicht so schlecht dar. Eine typische deutsche Mittelschichtsfamilie ohne große finanzielle Probleme – möchte man meinen.

Miete ist ein großer Posten

Hannah S. ist verbeamtet und erhält inklusive Familienzulagen ein Gehalt in Höhe von rund 4000 Euro brutto. Rainer S. kümmert sich um die drei Kinder und ist freiberuflich tätig. In guten Monaten verdient er 1000 Euro, manchmal auch weniger. „Trotz unseres eigentlich guten Einkommens merken wir, dass der Monat bisweilen länger reicht als das Geld, obwohl wir wirklich nicht auf großem Fuß leben“, sagt er. Der Familienvater macht eine ernüchternde Rechnung auf: Allein 30 Prozent des Einkommens gehen für den Posten Miete drauf, 400 Euro muss Rainer S. als Selbstständiger für seine Krankenversicherung einrechnen, seine Frau zahlt als Beamtin für sich und die Kinder rund 300 Euro. Die Kindertagesbetreuung der Kleinsten schlägt mit 200 Euro zu Buche.

Am Ende bleiben der fünfköpfigen Familie pro Monat nicht einmal 2000 Euro für Lebensmittel, Bekleidung, Haushaltsanschaffungen oder den einen oder anderen Sonderwunsch der Kinder. Geld für den Familienurlaub ist immer knapp. Trotzdem: Rainer und Hannah S. als Akademikerpaar gehören sowohl aus soziokultureller, als auch aus ökonomischer Sicht zur gesellschaftlichen Mittelschicht, zu der sich laut dem Online-Marktforschungsinstitut YouGov rund 71 Prozent der Deutschen in einer Selbsteinschätzung rechnen.

Das Institut der deutschen Wirtschaft zählt einen Single mit einem monatlichen Nettogehalt zwischen 983 und 4095 Euro zur Mittelschicht. Eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren gehört dann zur Mittelschicht im engeren Sinne, wenn ihr Nettoeinkommen bei 2750 bis 5160 Euro im Monat liegt. Bei der Mittelschicht im weiteren Sinne bewegt sich das monatliche Einkommen einer Familie zwischen 2065 und 8600 Euro netto. Diese Zahlen sind bedarfsgewichtet, das heißt: Man berücksichtigt, dass eine vierköpfige Familie nicht viermal so viel Einkommen benötigt wie ein Single, um den Lebensstandard des Alleinlebenden zu erreichen, sondern etwa doppelt so viel. Für kinderlose Paare liegt die Grenze zur Oberschicht bei 6145 Euro netto im Monat.

Familien profitieren nicht

Der deutsche Mittelstand und insbesondere die Familien scheinen von der guten wirtschaftlichen Lage der letzten Jahre nicht zu profitieren. Rainer S. jedenfalls hätte gerne Geld für seine private Altersvorsorge zur Verfügung und wünscht sich deshalb eine steuerliche Entlastung für Familien: „Ich finde bei diesem Thema die Frage entscheidend, was einer Gesellschaft wichtig ist – und was sie bereit ist, dafür zu zahlen. Denn wie die Gesellschaft Familien heute steuerlich stellt, das hat mit Gerechtigkeit nur wenig zu tun.“ Der Freiberufler liebäugelt mit einem sogenannten Familiensplitting, wie es beispielsweise in Frankreich praktiziert wird. „Bei diesem Steuersystem könnte die Anzahl der faktisch nichts verdienenden Kinder die Steuerlast der Gesamtfamilie stark mindern“, sagt Rainer S. und fordert von der Politik ein deutliches Signal: „Ich weiß natürlich nicht, ob Familiensplitting wirklich der richtige Weg ist. Die derzeitige Koalition hat zumindest am Anfang der Legislaturperiode darüber gesprochen, aber passiert ist meines Wissens noch nichts.“

„Trotz unseres eigentlich guten Einkommens merken wir, dass der Monat bisweilen länger reicht als das Geld.“ Rainer S., Familienvater

Der Regensburger Wirtschaftprüfer und Steuerberater Markus Baier von der Steuerberatungsgesellschaft Ehrl-Helmensdorfer-Baier erklärt zunächst den Ist-Zustand, nämlich das seit 1958 in Deutschland geltende sogenannte Ehegattensplitting. Demnach wird die Gesamtsteuerbelastung der beiden Ehepartner in der Weise ermittelt, dass beide Einkommen zunächst zusammengezählt und dann hälftig geteilt werden. Die sich dann bei einer fiktiven Einzelbesteuerung ergebende Steuer wird verdoppelt und ergibt so die Gesamtsteuerbelastung des Ehepaars. Markus Baier: „Bei Familien kann pro Kind ein Kinderfreibetrag von zur Zeit 7248 Euro einkommensmindernd geltend gemacht werden. Der wirkt sich jedoch nur bei gut verdienenden Familien – beim Splittingverfahren erfordert dies ein zu versteuerndes Einkommen von rund 63 500 Euro – steuermindernd aus, weil von der sich ergebenden Steuerentlastung das erhaltene Kindergeld abgezogen wird.“

Sorge vor dem Abstieg

Was von vielen Familien dabei als besonders ungerecht empfunden wird, ist, dass beim Ehegattensplitting auch Ehegatten ohne Kinder und umso mehr profitieren, je größer der Einkommensunterschied ist. Der größte Vorteil entsteht sogar, wenn einer der Ehegatten überhaupt kein Einkommen hat und der andere sehr viel verdient. Ein Familiensplitting nach französischem Vorbild ist laut Markus Baier allerdings auch kein Allheilmittel. „Es würde Familien zwar entlasten und zwar umso stärker, je mehr unterhaltsberechtigte Kinder existieren. Dadurch könnten Familien gerade während der Zeit der Kindererziehung steuerlich gefördert werden. Kritiker wenden aber zu Recht ein, dass von dieser Systemumstellung aufgrund der Anrechnung des Kindergeldes nur wohlhabende Familien mit hohem Einkommen profitieren würden.“

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2012 macht sich in den Mittelschichten inzwischen jeder Vierte latente Sorgen, seinen heutigen Status zu verlieren. Der Grund für die Entwicklung: Immer weniger Menschen gelingt der Aufstieg aus den unteren Einkommen in die Mittelschicht. Und selbst eine gute Ausbildung ist heute kein Garant mehr für ein Leben in gesichertem Wohlstand. Auch Hannah S. macht sich ihre Gedanken: „Ich bin Beamtin auf Zeit. Was kommt eigentlich danach?“, fragt sie sich immer öfter.

Die Ängste sind berechtigt

Die Zukunftsängste der berufstätigen Mutter scheinen angesichts der umfangreichen Analyse der Bertelsmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Universität Bremen durchaus berechtigt zu sein. Danach nimmt seit 1997 der Anteil der Haushalte ab, die auf ein verfügbares Einkommen zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens zurückgreifen können. Lag der Anteil dieser Einkommensmittelschicht an der Gesamtbevölkerung Mitte der 1990er Jahre noch bei 65 Prozent, so hat er sich bis 2010 auf 58 Prozent reduziert. Fragt man die Mittelschicht nach ihren Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation, so sind diese in den letzten zehn Jahren angestiegen. Große materielle Sorgen machen sich heute etwa 25 Prozent (2000: 15 Prozent). Zugleich ist der Anteil derer, die angeben, sich keine Sorgen zu machen, gesunken (2000: 37 Prozent, 2010: 25 Prozent).

„Es ist immer ein schmaler Grat, den richtigen Steuertarif festzulegen.“Markus Baier, Steuerberater

Steuerberater Markus Baier jedenfalls legt Wert auf eine differenzierte Betrachtung: „Es ist immer ein schmaler Grat, den richtigen Steuertarif festzulegen. Hier ist ein Spagat gefordert zwischen Gerechtigkeit und Umverteilung über den Steuertarif einerseits, bei gleichzeitiger Erhaltung der Anreizfunktion für die Leistungsträger der Gesellschaft andererseits.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische am Wochenende exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Weitere Nachrichten aus dem Bereich Panorama lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht