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Freitag, 23. Februar 2018 2

Gesundheit

Weniger Aua beim Arztbesuch

Vom ersten Zahnarztbesuch brachten früher viele Kinder vor allem Angst mit. Kinderzahnarztpraxen sollen Abhilfe schaffen.
Von Teresa Nauber, dpa

Alles genau erklären – das ist die Devise für Kinderzahnärzte. So vermeiden sie bestenfalls, dass Ängste bei Kindern entstehen. Foto: KU64/dpa-tmn

Beriln.Marlene greift beherzt zur Zahnbürste. Akribisch fuhrwerkt die Vierjährige damit bei Krokodil „Kroko“ im Maul herum. „Fertig“, befindet sie und kontrolliert das Ergebnis mit einem lilafarbenen Zahnarztspiegel. Ob auch ihre eigenen Zähne so schön sauber seien, möchte Kinderzahnärztin Inke Supantia wissen. Statt zu antworten, macht Marlene bereitwillig den Mund auf und präsentiert 20 winzige Zähnchen.

Auch das Equpiment sieht beim Kinderzahnarzt ein wenig anders aus als das für Erwachsene. Foto: KU64/dpa-tmn

Es sind solche Tricks, die aus einem Zahnarzt einen Kinderzahnarzt machen. „Wir begeben uns auf die Ebene des Kindes und nutzen seine Fantasie“, sagt Inke Supantia, die in der Berliner Praxis KU64 nur Kinder behandelt. Mit kleinen Geschichten von Karies, Baktus und glitzerndem Kristallwasser bringt sie auch skeptische kleine Menschen dazu, den Mund zu öffnen.

Guter Zeitpunkt für Premiere

Erst mal ist jeder Zahnarzt dazu ausgebildet, auch Kinder zu behandeln, erklärt Karl-Georg Pochhammer, Zahnarzt aus dem Vorstand der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV). Steht der erste Zahnarztbesuch an, muss es also nicht unbedingt ein Spezialist sein. „Häufig wird ein solcher Termin beim Zahnarzt der Eltern des Kindes wahrgenommen.“ Wichtig ist, das Kind überhaupt einem Zahnarzt vorzustellen – möglichst, bevor etwas gemacht werden muss. Ein guter Zeitpunkt sei der Durchbruch des ersten Milchzahns.

„Wir begeben uns auf die Ebene des Kindes und nutzen seine Fantasie.“

Kinderzahnärztin Inke Supantia

Marlene etwa bekommt das Prädikat: Besonders gut geputzt und ist damit für heute fertig. Mit einem kleinen, goldglänzenden Plastiktaler darf sie sich aus einer Kaugummimaschine ein Spielzeug herausholen. Anschließend gibt es einen Apfel. Verlassen möchte sie die Praxis nun allerdings keinesfalls. Stattdessen zieht sie die Schuhe aus und klettert die kleine Boulderwand hinauf.

Die Ausstattung ist sicher der augenfälligste Unterschied zwischen einer normalen Praxis und einer, die sich – zumindest unter anderem – auf Kinder spezialisiert hat. „Mit einer kindgerechten Umgebung wird den Kindern auch ein Stück weit Angst genommen“, sagt Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Hessen. Das sei sicherlich sinnvoll – vor allem bei ängstlichen Kindern.

„Sag mal A“ – das geht deutlich leichter, wenn das Stofftier darum bittet. Foto: Hiepler & Brunier/KU64/dpa-tmn

Darauf allein will Inke Supantia ihren Berufsstand aber nicht reduziert sehen. Milchzähne sind anders aufgebaut als die Bleibenden. „Sie haben einen viel dünneren Schmelz, entsprechend schnell kommt man bei der Behandlung am Nerv an“, sagt sie. Wer Fortbildungen besucht hat und hauptsächlich Kinder behandelt, habe einfach einen geschulteren Blick für das Milch- oder Übergangsgebiss und mehr Erfahrung bei der Behandlung. „Sie lassen Ihre Hüfte ja auch eher von einem Hüft- als von einem Schulterspezialisten operieren – obwohl beide den gleichen Facharzt für Orthopädie haben.“

Zudem sind Kinder eben keine kleinen Erwachsenen. „Sie dazu zu bewegen, den Mund aufzumachen, ist das eine.“ Dann gelte es schnell zu arbeiten. Auch die kreativste Zaubergeschichte hat nämlich nur eine gewisse Halbwertszeit. „Und wenn der Mund dann erstmal wieder zu ist, hat man in der Regel verloren.“ Vor allem für Kinder, die schon Karies haben, sei die Behandlung beim Kinderzahnarzt aus ihrer Sicht daher sinnvoll.

Wichtige Rolle der Eltern

Wie erfolgreich der Besuch beim Zahnarzt ist, hängt aber auch von den Eltern ab. Viele neigen dazu, ihre eigene Angst auf das Kind zu übertragen, ist Supantias Erfahrung. „Der häufigste Fehler: Sätze wie ,Wenn du die Zähne nicht putzt, musst Du zum Zahnarzt, und das tut dann richtig weh.‘ Stattdessen formuliert man die Dinge lieber positiv. Supantia etwa sagt dann: „Das geht ganz einfach, und der Zahn freut sich, wenn er endlich wieder richtig sauber ist und glänzt.“

Anders als bei Erwachsenen zahlen die gesetzlichen Krankenkassen den Zahnarztbesuch bei Kindern zweimal pro Jahr. Karies breitet sich bei den kleinen Zähnen im Milchgebiss nämlich sehr viel schneller aus. Obacht ist geboten, wenn der Kinderzahnarzt Extraleistungen wie zahnfarbene Füllungen oder eine Versiegelung der Milchzähne verkaufen will, sagt Verbraucherschützerin Hubloher.

Marlene hat die Praxis am Ende doch noch verlassen – wenn auch unter Protest. Am Abend sinniert sie dem aufregenden Zahnarztbesuch nach. „Ich werde auch Kinderzahnärztin“, beschließt sie. Warum sie nur Kinder behandeln will? Na, wegen der Spielsachen. „Oder gibt es bei deinem Zahnarzt auch eine Kletterwand?“ Berechtigte Frage eigentlich.

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