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Umwelt

Wer hier Rad fährt, muss verrückt sein

In London, mit mehr als acht Millionen Menschen, lauern einige Gefahren – wie auch Ed Sheeran erfahren musste.
Von Silvia Koch

Radfahrer warten nahe Westminster an einer roten Ampel. Foto: Silvia Koch/dpa
Radfahrer warten nahe Westminster an einer roten Ampel. Foto: Silvia Koch/dpa

London.Ein Taxifahrer überholt mit knappem Abstand einen Fahrradfahrer in der Londoner Innenstadt. Der fühlt sich bedroht und klingelt. Der Taxifahrer bleibt stehen und überholt den Fahrradfahrer erneut. Beim zweiten Überholen berührt er ihn leicht. Der Radfahrer stürzt. Er hat Glück und kommt mit Prellungen davon.

Die Szene stammt aus einem Video auf der Webseite der Londoner Zeitung „Evening Standard“. Sie steht stellvertretend für das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Rad- und Autofahrern in der britischen Hauptstadt.

Bei einem kürzlich veröffentlichten Greenpeace-Ranking zur Verkehrssicherheit in 13 europäischen Großstädten landete London vor zwei Jahren auf dem vorletzten Platz. Nur die italienische Metropole Rom schnitt noch schlechter ab. Dem Bericht zufolge kamen in London im Jahr 2016 acht Radfahrer ums Leben. Mit etwa 22 Unfällen auf eine Million Radfahrten krachte es in keiner anderen Stadt so häufig wie in der britischen Metropole.

In Berlin starben 15 Fahrradfahrer

In Berlin kamen im selben Zeitraum sogar 15 Fahrradfahrer ums Leben. Der Anteil der mit dem Fahrrad zurückgelegten Strecken lag mit 13 Prozent deutlich höher als in London. Dort wurden nur 2 Prozent der Strecken mit dem Rad zurückgelegt. „Mit 14 Unfällen ereignen sich in Berlin weit weniger Unfälle pro eine Million zurückgelegte Radfahrten“, erläuterte Greenpeace-Sprecher Gregor Kessler.

Lesen Sie auch: Ein Rad-Gesetz für Bayern Die Radfahrerlobby fordert ein durchgängiges Radwegenetz. Der umweltfreundliche Verkehr soll stärker gefördert werden

Viele Radfahrer in London fühlen sich bedroht. Das ergab eine kürzlich veröffentlichte Umfrage der Royal Holloway Universität und des King’s College. Mehr als 70 Prozent der Fahrradfahrer gaben an, dass sie mit Angst im Verkehr unterwegs sind. Sie hätten sogar das Gefühl, dass andere Verkehrsteilnehmer ihnen absichtlich Schaden zufügen wollten. Befragt wurden mehr als 320 Menschen, die regelmäßig in London mit dem Fahrrad unterwegs sind.

Ed Sheeran hat sich im Herbst 2017 bei einem Fahrradunfall in London verletzt. Foto: Ian West/PA Wire/dpa
Ed Sheeran hat sich im Herbst 2017 bei einem Fahrradunfall in London verletzt. Foto: Ian West/PA Wire/dpa

Auch Popstar Ed Sheeran verletzte sich im vergangenen Herbst bei einem Fahrradunfall in London. Der Sänger hatte einen Arm bandagiert und den anderen in einer Armschlinge. Er musste mehrere Konzerte absagen.

Hier sehen Sie einen Instagram-Post von Ed Sheeran nach seinem Fahrradunfall:

Zu wenige klar abgegrenzte Radwege

Teilnehmer einer Protest-Aktion vor dem Hauptsitz der konservativen Partei des britischen Parlaments, der Torries, setzen sich für mehr sichere Radwege ein. Foto: Peter Marshall/ImagesLive via ZUMA Wire/dpa
Teilnehmer einer Protest-Aktion vor dem Hauptsitz der konservativen Partei des britischen Parlaments, der Torries, setzen sich für mehr sichere Radwege ein. Foto: Peter Marshall/ImagesLive via ZUMA Wire/dpa

Doch warum ist Radfahren in London so gefährlich? Der britische Comedian Jay Foreman versucht sich mit einem ulkigen Internetvideo an einer Erklärung. Angeblich zufällig ausgewählte Passanten sagen darin Sätze wie: „Ich? In London Rad fahren? Nein! Ich werde sterben“ oder „Du musst schon verdammt verrückt sein, um in London Rad zu fahren“. Foremans Fazit: Zu viele Straßen, die nur für den Autoverkehr ausgelegt sind, zu viele schlecht überschaubare Kreisverkehre, wenig klar abgegrenzte Radwege.

Hier sehen Sie das Video von Comedian Jay Foreman:

Doch es gibt Hoffnung, dass sich die Situation langsam bessert: Seit zwei Jahren werden an vielen Kreuzungen die Ampelphasen so eingestellt, dass Radfahrer nicht mehr gleichzeitig mit Autos Grün bekommen, sondern etwas früher, wie die „Financial Times“ schreibt.

In den kommenden fünf Jahren wollen die Stadt London und die Verkehrsgesellschaft Traffic for London (TfL) umgerechnet 2,5 Milliarden Euro investieren, um die Straßen sauberer und sicherer zu machen, wie eine TfL-Sprecherin mitteilt.

Schwertransporter aus Innenstadt verbannen

Da viele Lkws in Fahrradunfälle verwickelt sind, sollen die gefährlichsten Schwertransporter bis 2020 aus der Londoner Innenstadt verbannt werden. Auch Verkehrspolizisten sollen vermehrt zum Einsatz kommen und Fahrer, die mit riskantem Fahrstil auffallen, zur Verantwortung ziehen.

Doch Radfahrer sind nicht nur Opfer, manchmal sind sie auch Täter. Im vergangenen Jahr wurde ein 20-Jähriger zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt, weil er eine Frau zu Tode fuhr. Er war mit einem sogenannten Fixed Gear Bicycle (kurz „Fixie“) unterwegs, als er mit der Frau zusammenstieß. Das für den Rennsport konzipierte Fahrrad hatte keine Bremse.

Und noch ein anderes Problem macht insbesondere Fahrradfahrern und Fußgängern zu schaffen. Bei der Luftverschmutzung liegt London Greenpeace zufolge zusammen mit Berlin, Rom, Budapest und Paris auf den hinteren Plätzen in Europa. Die Stickstoffdioxid-Werte der Londoner Luft liegen über dem EU-Grenzwert und sind sowohl für die Umwelt als auch für die Gesundheit besorgniserregend. Viele Fahrradfahrer tragen deshalb aus Angst um ihre Gesundheit Mund- oder Atemschutzmasken.

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