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nr. sieben

Wie Deutsch wieder sexy wurde

Vor 15 Jahren galt Deutsch in Israel noch als Täter-Sprache. Heute begeistern sich junge Israelis für die deutsche Kultur.
Von Jana Wolf, MZ

Die deutsche Sprache und Kultur wird unter jungen Israelis immer beliebter. Foto: Fotolia
Die deutsche Sprache und Kultur wird unter jungen Israelis immer beliebter. Foto: Fotolia

Haifa.Am liebsten würde Yonathan Kaplun sofort seine Koffer packen und nach Berlin ziehen. Der junge Israeli steht kurz vor seinem Abitur in Haifa – nicht gerade der beste Zeitpunkt, um auszuwandern. Doch die deutsche Hauptstadt hat es ihm angetan. „Ich mag Berlin, ich liebe Berlin“, sagt der 17-Jährige und wippt von einem Bein auf das andere. Unter der schwarzen Strickmütze spitzt ein dunkelblonder Haarwirbel hervor. Mit seiner hochgekrempelten Jeans und den Stoff-Sneakern würde Yonathan problemlos als Berliner Hipster durchgehen.

Seit vier Jahren lernt er an der Chugim-Schule in Haifa Deutsch. Zweimal pro Woche kommt er für den Sprachunterricht hierher, denn an seiner Schule im etwa zehn Kilometer entfernten Ort Nescher wird Deutsch nicht angeboten. Viermal ist er insgesamt schon nach Berlin gereist, das letzte Mal vor rund zwei Monaten.

Für Jugendliche ist Deutschland hip, attraktiv, voller Perspektiven

Schülergruppe an der Chugim-Schule (v.l.n.r.): Maya Gafin (17), Yonathan Kaplun (17), Genia Davidovich (17) und Marika Bersky (17). Foto: Jana Wolf
Schülergruppe an der Chugim-Schule (v.l.n.r.): Maya Gafin (17), Yonathan Kaplun (17), Genia Davidovich (17) und Marika Bersky (17). Foto: Jana Wolf

Auch Maya Gafin war in Deutschland, noch bevor sie anfing, die Sprache zu lernen. Die heute 17-Jährige wurde für ein Austausch-Stipendium ausgewählt und konnte einen Monat lang reisen – nach München, Berlin, Hamburg, Köln und Lindau. „Meine Freunde in Deutschland haben gesagt, dass ich ein gutes Sprachgefühl habe“, erzählt sie. Das war vor drei Jahren. Seitdem besucht auch sie regelmäßig den Deutschunterricht an der Chugim-Schule. „Ich möchte Deutsch irgendwann perfekt können“, sagt sie.

„Ich möchte Deutsch irgendwann perfekt können.“

Schülerin Maya Gafin (17)

Yonathan und Maya sind nicht die einzigen in der Klasse, die so schwärmen. Für Jugendliche ist Deutschland hip, attraktiv, voller Perspektiven – es gibt einen richtigen Hype. Das ist erstaunlich, denn nicht alle Israelis haben einen derart unbeschwerten Bezug zu dem Land. Sprechen ältere Israelis der zweiten Generation der Holocaust-Überlebenden über die Beziehung der beiden Länder, dann ist das historische Trauma immer präsent. Die Vergangenheit muss in wacher Erinnerung bleiben – das ist der Tenor. „Vor 15 Jahren hat man hier kaum Deutsch studiert“, sagt etwa der 77-jährige Micha Limor. „Erst seit etwa zehn Jahren wächst das Interesse.“ Der Seniorenstudent holt gerade an der Uni Haifa seine Promotion in Deutsch nach. Dank seines wissbegierigen Geistes hat er genau mitverfolgt, wie sich das deutsch-israelische Verhältnis über die Jahre verändert hat.

Rita Lanczet, Deutschlehrerin an der Chugim-Schule. Foto: Jana Wolf
Rita Lanczet, Deutschlehrerin an der Chugim-Schule. Foto: Jana Wolf

Mit dem Deutschunterricht trägt die Chugim-Schule zur Annäherung der beiden Länder bei. Sie ist die erste ihrer Art in Israel, in der Deutsch im regulären Lehrplan angeboten wurde. Verantwortlich für die Kurse ist Rita Lanczet. Vor 23 Jahren begann die gebürtige Deutsche, die nach dem Abitur mit ihren Eltern auswanderte, hier Sprachunterricht zu geben. Damals hätte es noch große Verwunderung gegeben, dass an der Schule Deutsch unterrichtet werde, erinnert sich die 62-Jährige. Mittlerweise sei Deutsch sehr beliebt und Lanczet werde oft sogar für Privatunterricht angefragt. „Im Moment gibt es ja einen richtigen Trend, alle wollen nach Berlin“, sagt die Lehrerin. 36 Schüler hätten dieses Schuljahr alleine in ihrer Anfängerklasse begonnen, Deutsch zu lernen. In anderen Jahren lag die Zahl zwischen zehn und 14 Schülern. Wegen der großen Nachfrage musste Lanczet die Klasse auf zwei Gruppen aufteilen.

Warum begeistern sich die Schüler für die deutsche Sprache und Kultur. Im Video kommen sie selbst zu Wort:

Junge Israelis in Haifa wählen Deutsch als Wahlfach und begeistern sich für die deutsche Kultur. Manche würden am liebsten auswandern. Video: Jana Wolf

Ausgerechnet Deutsch, die Sprache der Nazis

Yonathan Kaplun ist schon in einem Kurs für Fortgeschrittene. Auf Deutsch erzählt er, dass er bei seinen Reisen gleichaltrige Deutsche kennengelernt habe. „Ich fühl’ mich dort so wohnlich“, sagt er und grinst. Ganz fehlerfrei spricht er natürlich noch nicht, aber er macht große Fortschritte. In Deutschland fühle er sich fast schon wie zu Hause, meint der 17-Jährige und schwärmt wieder von der Hauptstadt an der Spree. Yonathan erzählt, dass er gerne in Deutschland studieren möchte. Was, weiß er noch nicht – aber Hauptsache in Berlin. Viele jugendliche Israelis sehnen sich nach dem weltoffenen Berlin. Der Charme der deutschen Metropole zieht sie an. In der älteren Generation ist dagegen noch immer die historisch geprägte Sorge um den Antisemitismus in Deutschland zu spüren. Auch für viele gläubige Juden ist der Bezug zu Deutschland nicht unbeschwert. Dort sei es kaum möglich, seinen Glauben zu praktizieren, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen, hört man immer wieder. Wenn sich Juden mit Kippa oder in orthodoxer, schwarzer Kluft in der Öffentlichkeit zeigten, würden sie kategorisiert werden. In Deutschland herrsche zwar Pluralität – aber nur solange es nicht um Religion geht.

Eine besondere Verbindung seit der Kindheit

Die Deutschstudierenden Irit Chen (l.) und Fadi Nwessir. Foto: Jana Wolf
Die Deutschstudierenden Irit Chen (l.) und Fadi Nwessir. Foto: Jana Wolf

Auf dem Karmelberg in Haifa, dem höchsten Punkt der Stadt, liegt das Deutschinstitut der Universität. Seit 2007 bietet das Zentrum ein Masterprogramm mit Seminaren unter anderem zur deutschen Geschichte, dem politischen System, der Kultur der Nachkriegszeit und intensive Sprachkurse an. Auch hier zeigt sich das wachsende Interesse an Deutschland – und eine Verbundenheit der besonderen Art. Für Irit Chen begann sie schon in der Kindheit. Die Großeltern der 27-Jährigen kamen aus Berlin, überlebten ein Konzentrationslager und wanderten aus. In ihrem Haus in Haifa lief fast immer deutsches Fernsehen oder Radio und überall lagen deutsche Zeitungen herum, erinnert sich Irit. Oma und Opa hingen an der Sprache, trotz des Traumas. „Ich habe das Gefühl, zu Hause gab es immer eine Verbindung zu Deutschland.“ Jetzt will sie mehr über die beiden Länder erfahren und schreibt ihre Master-Abschlussarbeit über die deutsch-israelischen Beziehungen zwischen 1948 und 1953.

Glosse

Schmonzes

Wer „meschugge“ ist, der ist verrückt. Dem Wort „meschugge“ sieht man auf den ersten Blick an, dass es sich aus einer anderen Sprache in unseren Wortschatz...

Anders als für die zweite Generation steht für Irit die Shoa nicht mehr im Vordergrund. Die Geschichte sollte junge Israelis und Deutsche in ihrer Beziehung zueinander nicht beeinflussen, sagt die Studentin. „Ich kann Deutsche in meinem Alter nicht dafür verantwortlich machen, was in meiner Familiengeschichte passiert ist.“ Offenheit sei der gesündeste Weg, eine Beziehung aufzubauen, findet Irit – solange Verantwortung und historisches Interesse bleiben. Yonathan Kaplun spricht dagegen gar nicht von der Vergangenheit. Er begeistert sich einfach für die Menschen und die Atmosphäre in Berlin. Selbst dem deutschen Wetter kann er etwas abgewinnen. „Ein bisschen kälter als in Israel“, sagt er und ist an diesem Novembertag bei 24 Grad nur mit einem T-Shirt in der Schule. „Aber ich mag das.“ Er ist dem Land gegenüber offen eingestellt. Historische Vorbehalte kommen ihm nicht in den Sinn.

„Ich kann Deutsche in meinem Alter nicht dafür verantwortlich machen, was in meiner Familiengeschichte passiert ist.“

Studentin Irit Chen (27)

Professor Eli Salzberger, der Direktor des Deutschinstituts der Uni Haifa, sieht allerdings doch historische Gründe für das gute Verhältnis zwischen Deutschland und Israel: „Der Holocaust ist nicht strittig. Die Deutschen haben die volle Schuld auf sich genommen“, argumentiert Salzberger. Dieses Schuldbewusstsein würde das Verhältnis für zukünftige Entwicklungen klären, weil es keine unterschiedlichen Versionen der Geschichte gebe. Der israelisch-palästinensische Konflikt sei dagegen ein Beispiel dafür, wie kompliziert Versöhnung sein kann, wenn unterschiedliche Auslegungen der Geschichte aufeinandertreffen. Das zeigen auch die aktuellen Auseinandersetzungen rund um Ostjerusalem und das Westjordanland. Aus Salzbergers Sicht sei die deutsch-israelische Versöhnung sogar ein Modell für internationale Konflikte.

Im Video erzählen zwei Studierende der Uni Haifa, warum sie Deutsch studieren:

An der Uni Haifa studiert eine Gruppe junger Israelis Deutsch. Manche haben eine biografische Beziehung zu Deutschland, andere sehen dort berufliche Perspektiven.

Als stärkste Wirtschaft Europas attraktiv

Neben den geschichtsbewussten Studenten gibt es noch jene jungen Israelis, für die Deutschland vor allem wirtschaftlich interessant ist. Die Lebenshaltungskosten und das Studium sind deutlich günstiger als in Israel – das ist attraktiv. Sie sehen das pragmatisch: Deutschland ist ihnen als stärkste Wirtschaftskraft in Europa bekannt. Die deutsche Sprache kann somit neue Perspektiven erschließen. „Deutsch kann mir eine Tür nach Deutschland, Österreich, Schweiz und auch in die Niederlande öffnen“, sagt Michael Budnyatsky, der gemeinsam mit Irit im Master studiert. Für ihn spielt die Vergangenheit nur eine nebensächliche Rolle, ihm geht es um seine berufliche Zukunft.

2015 feierten Israel und Deutschland 50 Jahre diplomatische Beziehungen. Auf eine neue Art, die nicht mehr durch die Vergangenheit belastet ist, trägt die junge Generation zur Annäherung der beiden Länder bei. Yonathan Kaplun jedenfalls ist in Gedanken schon längst wieder in Berlin.

Lesen Sie mehr:

Warum Deutsch bei jungen Israelis so beliebt ist, erklärt Wolf Iro, Leiter des Goethe Instituts Israel, der MZ-Autorin Jana Wolf. Das Interview finden Sie hier.

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