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Dienstag, 19. Juni 2018 26° 3

Tierwelt

Wie ein Blick in die Unendlichkeit

Schildkröten sind faszinierende Lebewesen und als Haustiere sehr beliebt. Am Mittwoch ist der Welt-Schildkröten-Tag.
Von Heike Sigel

Gut zehn Monate sind die kleinen Breitranschildkröten alt. Foto: Heike Sigl
Gut zehn Monate sind die kleinen Breitranschildkröten alt. Foto: Heike Sigl

Manni lässt sich nicht hetzen. Grundsätzlich nicht. Und beim Fressen schon gar nicht. In die Salatgurke, die ihm Jennifer Kopp liebevoll unter die Nase hält, beißt er voller Genuss und Achtsamkeit. Er kaut sie kräftig und schmatzt dabei ein wenig. Die Slow-Food-Bewegung wäre stolz auf ihn. Spätestens, als sich der 80-Kilo-Schildkrötenmann gemächlich auf den Weg zur Rampe in Richtung Freigehege macht, ist der Reporterin mit der Kamera im Anschlag klar: Schildkröten sind die idealen Haustiere für hektische und ungeduldige Menschen. In Manni finden sie ihren Meister.

Manni ist zehn Jahre alt und 80 Kilogramm schwer. Er ist eine Aldabra-Riesenschildkröte. Foto: Heike Sigl
Manni ist zehn Jahre alt und 80 Kilogramm schwer. Er ist eine Aldabra-Riesenschildkröte. Foto: Heike Sigl

Sich auf sein Tempo einzulassen heißt, sich zu entschleunigen – ob man will oder nicht. Ihm zuzusehen, wie er seine Welt erkundet, wie achtsam und bedacht er auf Außenreize reagiert, lässt jeden Beobachter die Zeit vergessen. Ach ja, die Zeit! Schildkröten scheinen mehr davon zu haben als wir Menschen. Schon vor über 220 Millionen Jahren bevölkerten sie zusammen mit den Dinosauriern die Erde. Trotzdem sieht es so aus, als blickten Mannis Augen direkt in die Unendlichkeit. Immer nach vorne, im Augenblick verhaftet. Er wird wahrscheinlich noch da sein, wenn die meisten seiner menschlichen Bewunderer längst tot sind. Manni und Elli: zwei zehnjährige Aldabra-Riesenschildkröten aus Mauritius, die in der Oberpfalz gestrandet sind. Auf der Schildkrötenfarm von Jennifer und Patrick Kopp in Edelsfeld im Landkreis Amberg-Sulzbach haben sie eine neue Heimat gefunden. Der Wintergarten des Wohnhauses wurde für sie zum Tropenhaus umfunktioniert. Mit Wärmelampen, Fußbodenheizung und allem drum und dran.

Jede Art wird nach ihren Bedürfnissen gehegt und gepflegt

 Foto: Heike Sigl
Foto: Heike Sigl

Eine Rampe führt direkt in ihr Freigehege im Garten. Das ist großzügig bemessen, denn: Die beiden Riesen sind noch längst nicht ausgewachsen. Bringen sie jetzt noch 80 Kilo auf die Waage, werden es in ein paar Jahren, wenn das Pärchen erwachsen ist, jeweils rund 250 Kilogramm sein, die die imposanten Tiere mit sich herumschleppen. Manni und Elli sind der ganze Stolz von Jennifer und Patrick Kopp. Die beiden Schildkrötenliebhaber und FC-Bayern-Fans haben sie vor gut fünf Monaten von einer Züchterin übernommen, die aus Altersgründen mit ihrem Hobby aufhören musste. Über den Kaufpreis schweigt sich Patrick Kopp aus. Nur so viel: „Da kann man sich ganz locker einen neuen BMW davon kaufen. Meine Kollegen schütteln schon manchmal den Kopf, wenn ich ihnen erzähle, dass ich mir für mehrere tausend Euro eine Schildkröte gekauft habe.“ Aber mit Geld ist der Wert von Manni und Elli sowieso nicht aufzuwiegen. Jedenfalls nicht für Jennifer und Patrick Kopp. Auch die anderen Schildkröten auf ihrem Grundstück sind es nicht. Jede ist einzigartig und wird umsorgt, gehegt und gepflegt. Jede Art nach ihren Bedürfnissen. Das kostet viel Zeit und Geld. Aber die siebenköpfige Familie Kopp – neben vier Kindern lebt auch Patrick Kopps Mutter mit im Haus – zieht an einem Strang. Schildkröten sind nun mal Patrick Kopps Ein und Alles.

Schildkröten aus schlechter Haltung fanden in Edelsfeld eine neue Heimat

Zwölf Arten der Panzertiere hält er inzwischen auf seinem 800-Quadratmeter-Grundstück. Von den beiden Aldabras über Breitrand- und griechische Landschildkröten, die großen Pantherschildkröten aus Äthiopien bis hin zu den Strahlenschildkröten aus Madagaskar – Patrick Kopp kennt jede einzelne samt ihrer Geschichte. Über die genaue Zahl der Tiere hüllt er sich ebenfalls in Schweigen. Der Grund leuchtet ein. Patrick Kopp will keine Diebe auf den Plan rufen. Deshalb hat er auch überall Überwachungskameras angebracht. Der 33-Jährige lebt mit seiner Schildkrötenfarm seinen Traum. Angefangen hat dieser Traum vor elf Jahren. Kurz nach dem Kennenlernen schenkte ihm seine heutige Frau Jennifer 2007 zwei griechische Landschildkröten. Bisher hatte sich Patrick Kopp nur mit Wasserschildkröten beschäftigt. Er beginnt, sich über die majestätischen Tiere zu informieren, liest sich ein – und kann sich heute ein Leben ohne seine Landschildkröten gar nicht mehr vorstellen. „Sein Leitspruch lautet: ,Kein Panzer – kein Interesse‘“, witzelt Jennifer Kopp.

 Foto: Heike Sigl
Foto: Heike Sigl

Mit ihrem Geschenk hat sie, unwissentlich, aber womöglich mit weiblicher Intuition, eine Lawine losgetreten. Denn heute darf man Patrick Kopp als einen ausgewiesenen Schildkröten-Experten bezeichnen. Rund 341 Schildkrötenarten mit über 200 Unterarten sind auf der Welt bekannt. Patrick Kopp kennt die meisten mit ihrem lateinischen Namen. Über deren Verbreitung, Herkunft und Haltung weiß er sowieso Bescheid. Und das Beste ist: Der Oberpfälzer gibt sein Wissen unkompliziert und mit großer Freude an Interessierte weiter. „Nach Voranmeldung dürfen sich die Leute unsere Schildkröten gerne anschauen“, sagt er. Kopps Offenheit und sein enormes Wissen haben sich schnell herumgesprochen. Deshalb kamen im Jahr 2012 die ersten Leute auf ihn zu, die ihre Schildkröten loswerden wollten oder mussten. Kopp erinnert sich an teilweise kuriose Storys: an Tiere aus schlechter Haltung. An die Frau, bei der er fünfzehn Schildkröten abholen musste, weil sie ihr langjähriger Ehemann samt der gepanzerten Freunde unvermittelt vor die Türe setzte. Oder an den Gymnasialdirektor, dessen Tochter kein Interesse mehr an ihrem Tier hatte, das sein Leben in einem viel zu kleinen Glaskasten fristen musste und dessen Panzer deshalb auch nicht richtig rund und gesund ausgeprägt war.

Meldepflicht

  • Europäische Landschildkröten

    unterliegen in Deutschland dem Artenschutzrecht. Sie sind meldepflichtig. Die unteren Naturschutzbehörden – die Verwaltungen der Landkreise und kreisfreien Städte – verlangen einen Herkunftsnachweis sowie eine Besitz- und Vermarktungsgenehmigung (EU-Bescheinigung).

  • Außerdem schreibt das Artenschutzrecht

    eine individuelle Kennzeichnung der Schildkröten vor. Diese erfolgt bei Jungtieren in der Regel mindestens einmal jährlich anhand eines Fotos von der Bauch- und Rückenseite des Tieres.

Die Panzertiere sollten nicht dauerhaft in einem Terrarium leben müssen

Schlechte Haltungsbedingungen regen den Schildkrötenfreund richtig auf. „In den 50er-Jahren haben die Leute weniger falsch gemacht als jetzt. Und das, obwohl man heute nur fünf Minuten googeln müsste, um schon sehr viel über die Haltung dieser Tiere zu erfahren.“ Schildkröten sollten nicht dauerhaft innen oder nur in einem Terrarium leben müssen. Idealerweise wird für ihre Haltung ein großzügiges Freigehege mit einem Gewächshaus benötigt. Als wechselwarme Tiere brauchen Landschildkröten außerdem ein Temperaturgefälle, das es ihnen ermöglicht, ihre optimale Körpertemperatur zu erreichen. Deshalb müssen im Freigehege ganztägig Schatten- und Sonnenplätze zur Verfügung stehen. Für Schlechtwetter-Phasen ist ein beheizbares, trockenes Schildkrötenhaus mit in- stallierter Wärmelampe unabdingbar.

„In den 50er-Jahren haben die Leute weniger falsch gemacht als jetzt. Und das, obwohl man heute nur fünf Minuten googeln müsste, um schon sehr viel über die Haltung dieser Tiere zu erfahren.“

Patrick Kopp

„Außerdem müssen europäische Landschildkröten für ihre gute Entwicklung unbedingt schon im ersten Lebensjahr von ungefähr Ende Oktober bis zum März überwintern und in die Winterstarre kommen können“, betont Patrick Kopp. Monika Pilz, Zoofachberaterin bei Dehner in Neutraubling, sieht das genauso: „Die Gesundheit der Tiere geht vor, deshalb haben wir im Winter auch keine Schildkröten im Angebot, denn sie müssen unbedingt überwintern.“ Zur Zeit hat sie ein paar junge griechische Landschildkröten im Laden. Sie kommen von einem Züchter, den Pilz persönlich kennt und „der die Tiere auch artgerecht hält“. Die 54-Jährige ist seit 22 Jahren im Job und hat schon viel erlebt. „Ältere Menschen müssen sich unbedingt vor dem Kauf überlegen, wer die Tiere übernimmt, wenn sie selbst pflegebedürftig werden oder sterben“, sagt sie. „Wenn bei Leuten einfach gar keine Einsicht da ist, dann sagen wir auch mal ,nein‘.“ Kein Kunde geht bei ihr mit seinen kleinen Schildkröten ohne geeignetes Equipment und einer Fülle an Informationen nach Hause. Vorbildlich – aber nicht immer die Regel, wie Patrick Kopp aus eigener, schlechter, Erfahrung mit manchen Zoohandlungen beklagt.

Frische Wildkräuter und Gräser sind das ideale Futter

Patrick Kopp verkauft seine Schildkrötenbabys ab etwa zehn Monaten ebenfalls nur an gut informierte Tierfreunde. Auch nach dem Kauf steht er seinen Kunden mit Rat und Tat zur Seite. „Ich übernehme die Tiere auch zum Überwintern und bis jetzt habe ich auch alle durchgebracht“, sagt er. Jetzt, im sonnigen Mai, sind alle seine Schildkröten sehr agil, nicht nur die kleinen Winzlinge vom letzten Jahr. Um für ihre artgerechte Ernährung sorgen zu können, hat Kopp in der Nachbarschaft zwei Wiesen zugepachtet. Denn Schildkröten ernähren sich vorwiegend von frischen Wildkräutern und Gräsern. Zur Mineralstoffversorgung eignen sich Sepiaschalen. Ein eiweißreiches oder zuckerhaltiges Futter – zum Beispiel Klee, Milchprodukte oder Obst – kann bei Schildkröten zu ernsten Gesundheitsschäden führen.

 Foto: Heike Sigl
Foto: Heike Sigl

Was aber macht nun die Faszination dieser Tiere aus? Monika Pilz sagt: „Ihre Gemütlichkeit, ihr ganzes Wesen.“ Für Jennifer Kopp ist die unglaubliche Ruhe, die Schildkröten ausstrahlen, ein Faszinosum. „Sie bringen dich in Verbindung mit der Natur“, meint Patrick Kopp. Und für Margherita Di Matteo aus Regensburg gehören Schildkröten schon immer mit zum Leben dazu. „Meine Oma hatte Schildkröten und darum wollten ich und meine Geschwister auch immer welche haben“, sagt die 19-Jährige strahlend, als sie ihre beiden Landschildkröten vorsichtig auf die Hand nimmt. Die Auszubildende zur Heilerziehungspflegerin sitzt in ihrem Garten und erinnert sich schmunzelnd daran, als die kleinen Schildkröten vor ein paar Jahren endlich zuhause ankamen. Sie und ihre zwei Geschwister konnten sich damals nicht auf einen Namen für die neuen Hausgenossen einigen, deshalb sind sie bis heute namenlos. „Wenn ich barfuß und mit rot lackierten Nägeln im Schildkrötengehege stehe, dann knabbern die beiden immer meine Zehen an. Das tut echt richtig weh!“, erzählt Margherita. Aber zum Kuscheln sind Schildkröten ja nun wirklich nichts. Und Kunststücke kann man ihnen auch keine beibringen. Was also fasziniert ein Kind ausgerechnet an einer Schildkröte? Margherita Di Matteo antwortet schnell: „Schildkröten sind interessante Tiere, viel außergewöhnlicher als ein Hund oder eine Katze!“ Riesenschildkröte Manni ist das Rätselraten um seine geheimnisvolle Art völlig schnuppe. Mit gleichmäßigen Schritten nimmt er Kurs auf eine kleine Palme. Als Patrick Kopp ihn am Kinn krault, richtet er sich noch ein paar Zentimeter höher auf. Magisch.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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