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Wie nah sind wir uns noch?

Muss man sich unbedingt räumlich nahe sein, um sich verbunden zu fühlen. Mit Sicherheit nicht. Das war auch früher nicht so.
Von Anette Kolkau, Journalistin und Diplom-Pädagogin aus Essen. Unter anderem ist sie für den Verein Afghanische Kinderhilfe Deutschland tätig.

Regensburg.Distanz oder Nähe, digital oder analog – alles ist möglich. Und mittendrin gibt es sie immer noch: die tiefe Verbundenheit. Digital sind wir doch vielen Menschen nah, werden manche behaupten. Da habe ich doch neulich auf Facebook meinen alten Schulschwarm aus der 6. Klasse wieder getroffen! Der sieht irgendwie immer noch so aus wie früher! Wo der jetzt wohnt, habe ich vergessen – ist aber egal, ich weiß ja, wo ich ihn finde.

Meine Netzwerke pflege ich bei Xing, den Austausch zu beruflichen Inhalten bekomme ich bei LinkedIn und bei meiner großen Leidenschaft, Ostseestränden, bin ich in meiner Instagram-Community gut aufgehoben. Alles, obwohl ich kein Digital-Native bin.

Vor ein paar Monaten fand ich einen kopierten Zettel in meinem Briefkasten. Dieses analoge Medium machte Werbung für eine Nachbarschafts-App. Man sollte sich mit den Menschen im Viertel auf dieser digitalen Plattform treffen. Sich zum Abendspaziergang verabreden, sich Bohrmaschinen leihen, für ein Wochenende den Hund hüten und so weiter. Digital wurde analoges, nachbarschaftliches Handeln initiiert. Ist es traurig, dass man für ein Miteinander digitale Hilfen braucht? Was ist das für eine Nähe, die man digital erfährt? Eine Nähe auf Distanz? Muss man sich unbedingt räumlich nahe sein?

Mit Sicherheit nicht. Das war auch früher nicht so. Über lange Distanzen und über viele Jahre blieben Menschen einander nah. Ich kann mich Menschen nahe fühlen, die 7000 Kilometer weit weg leben, in Kriegsregionen. Dazu brauche ich nicht einmal eine App. Es reichen Erzählungen, Bilder, Berichte, um zu sehen, dass Kinder in krisengeschüttelten Ländern gerade um so viel betrogen werden: um Sicherheit, ein dauerhaftes Zuhause, um Gesundheit und Bildung.

Wie viele Jahrzehnte dauern die Unruhen in Afghanistan an? Seit nun fast 20 Jahren gibt es eine Initiative, die sich den Kindern in Kabul verbunden fühlt: Der Afghanische Kinderhilfe Deutschland e.V. unterhält zwei Kliniken und eine Mädchenschule, in der auch der Zugang zur digitalen Welt unterrichtet wird. Natürlich sind die Ehrenamtlichen des Vereins digital unterwegs und haben dennoch den Menschen in Kabul 20 Jahre lang die Treue gehalten – gänzlich unbeeindruckt von tollen digitalen Freundschaften.

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