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Interview

Wikipedia? – „Die Zeit war reif dafür“

Zum 15. Geburtstag übt Markus Glaser aus Regensburg, selbst lange im Wikimedia-Präsidium, Kritik – und wagt eine Prognose.
Von Mario Geisenhanslüke, MZ

Unter einer Lupe ist der Schriftzug und das Logo des Online-Lexikons Wikipedia auf einem Computerbildschirm zu sehen. Das Online-Lexikon feiert 15 Geburtstag. Foto: dpa
Unter einer Lupe ist der Schriftzug und das Logo des Online-Lexikons Wikipedia auf einem Computerbildschirm zu sehen. Das Online-Lexikon feiert 15 Geburtstag. Foto: dpa

Regensburg.Markus Glaser ist Geschäftsführer der Regensburger Firma „Hallo Welt! GmbH“, die den Einsatz von Wikis in Unternehmen begleitet. Der gebürtige Niederbayer saß im vergangenen Jahr im Präsidium der Wikimedia Deutschland und hat zu dem Thema geforscht. Heute ist der 39-Jährige bei Mediawiki, der Software des Online-Lexikons, engagiert.

Was begeistert Sie an Wikipedia?

Die Idee, gemeinsam an Wissen zu arbeiten. Es hat ein anarchisches Element und trotzdem funktioniert es. Das fand ich schon immer faszinierend. Und es hat sich ja auch gezeigt, dass Wikipedia in Sachen Qualität nicht so schlecht abschneidet.

„Es hat ein anarchisches Element und trotzdem funktioniert es.“

Markus Glaser über Wikipedia

15 Jahre Wikipedia: Wie sind Sie erstmals mit dem Online-Lexikon in Kontakt gekommen?

Ich habe Informationswissenschaft studiert und immer wieder im Netz recherchiert. Irgendwann kamen zu immer mehr Themen bei Google diese komischen Suchtreffer mit Wikipedia. Das hat mich anfangs tierisch genervt. Als sie öfter auftauchten, musste man sich doch damit auseinandersetzen. Ich habe mit Freunden darüber gesprochen und es kam die Idee auf, ein Buch darüber zu schreiben. Dann habe ich mir einen Account angelegt und ein paar Einträge gemacht – aber nur ein paar ganz kleine.

Lesen Sie zum Thema: Vor 15 Jahren ging Wikipedia online.

Haben Sie damals schon das Potenzial erkannt?

Überrascht hat mich die Entwicklung nicht. Die Zeit war reif für so etwas. Wissen verändert sich schnell, und die Geschwindigkeit und Aktualität unserer Welt können von klassischen Bildungswerken gar nicht mehr abgebildet werden. Was mich allerdings überrascht hat, war, dass sich die klassischen Lexika daneben nicht etablieren konnten. Ich dachte immer, dass die Qualitätssicherung in einem Lexikon wie dem Brockhaus doch eine andere Stufe hat.

Markus Glaser war 2015 im Wikimedia-Präsidium. Er leitet die Regensburger Firma „HalloWelt! GmbH“. Foto: Olaf Kosinsky
Markus Glaser war 2015 im Wikimedia-Präsidium. Er leitet die Regensburger Firma „HalloWelt! GmbH“. Foto: Olaf Kosinsky

Sie waren selbst in der Wikimedia Deutschland, der Trägergesellschaft der deutschen Wikipedia, aktiv. Nun ist der Anspruch des Gründers Jimmy Wales kein kleiner: das gesamte Wissen der Menschheit allen frei zugänglich zu machen. Hat man das jeden Tag vor Augen?

In der Breite würde ich sagen: Ja. Es gibt ja immer die Debatte, ob Wikimedia Deutschland nur für die deutschsprachige Wikipedia zuständig ist oder ob es um freies Wissen allgemein geht. Man hat sich dann auf letzteres fokussiert. Das war auch der Grund für diverse Auseinandersetzungen in der Wikimedia Deutschland.

Daten und Fakten zu Wikipedia

  • Der Name:

    Wikipedia setzt sich zusammen aus den Begriffen „Wiki“ (hawaiisch: schnell) und „encyclopedia“ (englisch: Enzyklopädie).

  • Seitenaufrufe:

    In Deutschland liegt Wikipedia aktuell auf Platz 7 der meistbesuchten Websites. Die deutschsprachige Ausgabe wird über eine Milliarde Mal pro Monat aufgerufen. Das entspricht 876 000 Aufrufen pro Stunde.

  • Artikel:

    Wikipedia enthält derzeit mehr als 37 Millionen Artikel in knapp 300 Sprachen.

  • Sprachen:

    Die meisten Einträge gibt auf Englisch (5 Millionen), gefolgt von Schwedisch (2,5 Millionen) und Deutsch (1,9 Millionen).

  • Mitglieder:

    Wikimedia Deutschland, der Verein hinter der deutschen Wikipedia-Ausgabe, zählt derzeit 34 000 Mitglieder. Bei der jährlichen Spendenaktion haben 2015 etwa 422 000 Menschen insgesamt 8,6 Millionen Euro gespendet.

  • Umfang:

    Würde ein Mensch alle englischsprachigen Wikipedia-Einträge lesen, bräuchte er dafür 21 Jahre – sofern er keine Pausen einlegen würde.

  • In Russland:

    Aus Protest gegen Internet-Zensur in Russland sperrte Wikipedia 2012 die russische Version für 24 Stunden. Ein halbes Jahr zuvor erfolgte aus Ärger über ein geplantes Gesetz zum Urheberrechtsschutz im Netz ein 24-Stunden-Blackout für den englischen Teil.

  • Schwesterprojekte :

    Wikipedia hat zahlreiche Schwesterprojekte, etwa die Zitatsammlung Wikiquote, das Wörterbuch Wiktionary, die Text- und Quellensammlung Wikisource oder den Reiseführer Wikivoyage.

  • Erster Eintrag:

    In der englischsprachigen Wikipedia hat Mitgründer Jimmy Wales nach eigenen Angaben den ersten Eintrag gemacht – einen Testartikel mit dem Text „Hello, World!“.

  • Erster Artikel in Deutsch:

    Der erste Artikel der deutschsprachigen Wikipedia drehte sich um die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) - „eine Methode, um die Erbsubstanz DNA in vitro zu vervielfältigen“. Es folgten Einträge über Dänemark, den Kattegat und die Nordsee.

Und jetzt? Die ganz großen Wissenslücken gibt es bei Wikipedia ja nicht mehr.

Das mag vielleicht für die englische Wikipedia stimmen - und vielleicht auch für die deutsche. Aber es ist ein Teil der Mission, dass das Wissen in allen Sprachen verfügbar ist. Und das ist noch eine riesige Baustelle.

Hat Wikipedia etwas von ihrer Bedeutung für den Alltag verloren?

Was ich mit einer gewissen Skepsis sehe, ist der Knowledge Graph von Google, den wir von Seiten der Wikimedia Deutschland mit Wikidata unterstützen. Der führt natürlich dazu, dass bei einer dem schnellen Nachschlagen die Antworten schon auf der Google-Seite sind. Meine persönliche Meinung ist: Wenn man weniger Leute direkt auf die Wikipedia-Seite leitet, hätte das Konsequenzen: Denn je weniger Leute Wikipedia erreichen, desto geringer ist der Anteil möglicher neuer Autoren.

Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie: „Fehler bei Wikipedia“

Fehler bei Wikipedia

Dabei geht es aber nicht um Klicks. Denn Wikipedia soll ja werbefrei bleiben.

Ganz klar, das ist nicht der Punkt. Aber wenn ein großer Pool an Menschen kommt, ist die Zahl jener höher, die sagen: Ich will mitmachen. Viele Leute korrigieren nebenbei mal Rechtschreibfehler oder machen kleine Sachen, die sonst keiner macht - das bringt Qualität.

Wikipedia kämpft ja schon länger mit einer Reihe von Problemen: immer weniger Autoren, die Technik bräuchte wohl eine Generalüberholung - und der Frauenanteil liegt bei gerade einmal 16 Prozent.

Ja, furchtbar!

Was muss sich verbessern?

Das ist eine schwierige Frage, denn die Community betont ja immer ihre Eigenständigkeit, und möchte sich wenig reinpfuschen lassen. Was immer wieder genannt wird: Es ist schon so, dass das Regelwerk sehr komplex ist und rigoros durchgesetzt wird. Es ist sehr schwer, dort Fuß zu fassen. Das ist ein Grund für die geringe Zahl neuer Autoren.

Ein Video zum Thema:

Wikipedia feiert Geburtstag. Video: dpa

Kann man diese Probleme mit Geld lösen?

Da bin ich skeptisch.

An der jährlichen Spendenkampagne gibt es Kritik. Nutzern werde vorgegaukelt, dass sehr viel Geld fehle, ein großer Teil werde aber gespart. Wie sehen Sie das?

Generell bin ich der Meinung, dass eine Strategie der nachhaltigen Finanzierung durchaus sinnvoll ist. Was ich eher kritisiere: Was kommt von diesem Geld in der Community an – etwa in Form von Reisestipendien, Projektunterstützung oder Equipment? Also bei den Leuten, die die Arbeit leisten und für den Erfolg der Wikipedia verantwortlich sind?

Trauen Sie sich eine Prognose zu, wie Wikipedia zum 30. Geburtstag aussehen wird?

15 Jahre im Internet: Das sind zwei Welten. Ich glaube, dass es multimedialer wird. In diesem Bereich ist noch viel zu machen – auch bei den Schwesterprojekten wie Commons, Wikisource oder Wikiquote. Ich fürchte, dass Wikipedia, wenn das so weiter geht, weniger auf den Autor und mehr auf den Leser zugeschnitten sein wird: Das mag sich erst gut anhören, aber: Die Qualität hängt nun einmal von den Autoren ab. Und technisch wird natürlich viel passieren. Aber die entscheidende Frage wird sein: Verliert Wikipedia den Charakter als innovatives Projekt oder bleibt es auch ein Stück weit ein Experiment für die Frage „Was kann man als Community im Netz erreichen?“?

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