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Interview

„Wir sollten wieder mehr kämpfen“

Yasemin und Nesrin Samdereli sprechen über ihren Film „Die Nacht der Nächte“ – und darüber, was jeder daraus lernen kann.
Von Angela Sonntag

Regisseurin Yasemin Samdereli (r) und Drehbuchautorin Nesrin Samdereli bei der Vorstellung des Films „Almanya - Willkommen in Deutschland“ im Jahr 2011. Foto: dpa
Regisseurin Yasemin Samdereli (r) und Drehbuchautorin Nesrin Samdereli bei der Vorstellung des Films „Almanya - Willkommen in Deutschland“ im Jahr 2011. Foto: dpa

Wie kam es zu der Idee, einen Film über lange verheiratete Paare zu drehen?

Yasemin: Da kamen mehrere Einflüsse zusammen. Einer davon war unsere eigene Familiengeschichte. Menschen wie unsere Großeltern haben ein ganz anderes Verständnis von Liebe als wir heute. Ich war überrascht über eine Antwort unserer Großmutter. Ich habe sie gefragt, ob sie Opa denn geliebt hätte. Und sie lachte nur laut und seufzte: „Ach ... was heißt schon Liebe!“ Sie lachte darüber, in der Art: Was für eine dumme Frage. Sie sagte dann weiter: „Er war ein guter Mann“. Damit machte sie auch klar, wie ihre Generation war. Sie konnten damals nicht so wie wir mit einem „freien Willen“ in die Ehe gehen, voller Überzeugung, mit Schmetterlingen im Bauch. Damals wurden eben viele Ehen – ich möchte nicht sagen zwangsverheiratet – aber eben anders geschlossen. Für mich war das deshalb spannend, weil meine Großeltern ein Leben lang zusammen waren, aber es vielleicht nicht in unserem Sinne eine gute Ehe war. Der andere Grund war tatsächlich persönlich: Ich steckte damals in meiner ersten Ehekrise. Ich war frisch verheiratet, aber da waren eben ein paar Ungereimtheiten. Und so kam ich zusammen mit Nesrin auf die Idee, ob wir nicht einen Film über die Liebe von alten Ehepaaren machen wollten.

War Euch von vornherein das Kriterium der verschiedenen Kulturen wichtig?

Nesrin: Nein, am Anfang nicht. Am Anfang haben wir relativ klein, also deutschlandweit gedacht. Eher deutsch-türkisch, aber das würden wir auch in Deutschland finden. Als wir in die ernsthaften Planungen und in die Produktion gegangen sind, haben wir gemerkt, dass es vielleicht doch zu klein gedacht ist. Unser Produzent Arne Birkenstock hat dann neue Impulse in die Geschichte gebracht und vor allem internationale Kontakte hergestellt. Wir waren damit sofort einverstanden, denn die Geschichte dreht sich ja wirklich um ein Thema, das nicht nur deutschlandweit, sondern global ist. Und dann wurde es richtig spannend ...

Wie habt Ihr denn die Paare gefunden? Ich kann mir das sehr schwierig vorstellen. Man geht ja nicht einfach vor die Tür oder reist in ein anderes Land und trifft sofort ein Paar, das über 50 Jahre verheiratet ist, und dann auch noch seine bewegende Geschichte in einem Dokumentarfilm erzählt ...

Nesrin: Das stimmt schon. Wir hatten ja eigentlich auch überhaupt keine Erfahrung mit Dokumentarfilmen. Wir wussten also nicht, wie man an die Recherche geht, wie man die Leute findet. Angefangen haben wir mit Zeitungsannoncen in Deutschland. Das war zwar ein langwieriger Prozess, hat aber funktioniert. Bei den internationalen Paaren war es so, dass Arne Birkenstock Kontakte zu Journalisten in verschiedenen Ländern herstellte. So gab es in Japan sehr viele Vorschläge, auch in Indien. In Amerika wurde es schwieriger, weil wir da speziell nach einem homosexuellen Paar gesucht haben. Aber die Vernetzung der Journalisten vor Ort hat uns natürlich sehr geholfen.

Wo seid Ihr dann ins Stocken geraten?

Nesrin: Eigentlich schon beim Budget. (lacht)

Yasemin: Ja, es war gleich die Finanzierung. (lacht auch). Man kann schon sagen, dass es von Anfang an kein leichtes Projekt war. Aber sowohl unser Produzent als auch der Filmverleih waren immer an und auf unserer Seite. Und so wussten wir auch: Das ist ein Thema, das Menschen fasziniert. Und dann haben wir Schritt für Schritt die Probleme abgearbeitet. Und ich dachte, es würde schneller gehen ...

Nesrin: Ja, unsere Idee war es: Machen wir doch „schnell“ zwischen unseren fiktionalen Projekten einen Dokumentarfilm.

Yasemin: Ich ziehe wirklich den Hut vor allen Kollegen, die in ihrem Hauptbetätigungsfeld Dokumentarfilmer sind. Es ist nicht mit der Arbeit an fiktionalen Filmen vergleichbar. Beides ist eine Herausforderung, beides ist spannend, aber eben verschieden. Und um ehrlich zu sein, womit ich auch nicht gerechnet habe, ist, wie sehr mich meine Protagonisten berühren und dass ich gleichzeitig so eine Verantwortung ihnen gegenüber habe. Ich will nicht sagen, dass ich Gewissensbisse hatte, denn wir sind sehr liebevoll und sehr respektvoll mit den Paaren umgegangen. Aber es waren echte Menschen, die dir ihre echte Geschichte erzählt haben, ihr Leben, ihre Nöte, ihre Wünsche, Dinge, die nicht gut gelaufen sind. Das ist natürlich etwas ganz anderes, wenn du einen fiktionalen Film drehst, mit einer geschriebenen Geschichte und Schauspielern, die sie darstellen.

Alle vier Paare sprechen auch über sehr intime Dinge und schwierige Zeiten, die sie erlebt haben. Gab es denn Momente, in denen die Paare gesagt haben: „Das wollen wir doch wieder zurücknehmen“?

Nesrin: Es gab ein Paar, bei dem der Mann mitten in dem ganzen Prozess meinte, das wäre doch nicht so seins.

Welches Paar war das?

Nesrin: Das deutsche Paar, Hildegard und Heinz Rotthäuser.

Und wie habt Ihr sie überzeugt, doch weiterzumachen?

Nesrin: Durch Yasemins Bemühungen und durch viele Gespräche konnten wir ihn wieder beruhigen. Bei ihm kam eine Panik, dass er sich vielleicht selbst verheddert und sich Vorwürfen stellen muss. Die Sorge ist natürlich bei jedem berechtigt. Jeder kennt Fernsehen und wie manches falsch rüberkommt. Und so dachte auch der Mann, was ist, wenn die uns jetzt in ein falsches Licht stellen. Aber durch Gespräche haben wir ihm eben versucht zu erklären, was unsere Idee ist.

Yasemin: Für die Paare war es manchmal sehr schwer, zu verstehen, warum wir gewisse Dinge wissen wollten. Warum wir diese oder jene Sachen fragten. Da war manchmal der Gedanke da, ob wir das gegen sie verwenden würden.

Nesrin: Frau Rotthäuser hat auch mitgeholfen, ihren Mann zu überzeugen. Sie war diejenige von beiden, die ihre Teilnahme an dem Projekt vorangetrieben hat. Sie kannte unseren Film „Almanya“ und sagte deshalb: „Die Mädels machen nichts Komisches.“ Sie hat gemerkt, dass bei uns sehr viel Respekt gegenüber älteren Menschen da ist. Und so hat sie auch ihren Mann überzeugt.

Ihr habt vorher mit Schauspielern zusammengearbeitet. Wie ist es dann, wenn man plötzlich Menschen filmt, die noch nie vor der Kamera standen?

Yasemin: Einerseits ist es wunderschön, andererseits erschreckend. Vereinfacht ausgedrückt: Schauspieler machen das, was du willst. Du hast eine fiktionale Idee, arbeitest mit den Darstellern daran und dann wird es „passend“ gemacht. Menschen mit ihren echten Geschichten beglücken dich dafür mit Dingen, an die du niemals gedacht hast. Auf die wärst du in 100 Jahren nicht gekommen. Das ist total bereichernd und für uns als fiktionale Geschichtenerzähler eine wunderschöne Erfahrung. Erschreckend war es dann, weil dir deine Protagonisten einmal etwas erzählen und im nächsten Moment wieder ganz anders darstellen.

Nesrin: Wir hatten zum Beispiel mit jedem Paar ein Vorgespräch. Das lief wunderbar, die Paare haben offen erzählt. Und als wir dann die Kamera einschalteten, sagten sie: „Das wissen Sie doch schon, das habe ich Ihnen doch schon alles erzählt.“ Als wir ihnen dann erklärten, dass sie das jetzt nochmal erzählen müssen, war das für sie schwer verständlich.

Ich kann das nachvollziehen. Viele Menschen, die Kameras nicht gewohnt sind, reagieren zurückhaltend oder fühlen sich unwohl, wenn sie plötzlich im Fokus sind ...

Yasemin: Deshalb haben wir auch die Perspektiven gewechselt. Es gibt die Interviewszenen, in denen sie direkt befragt werden beziehungsweise erzählen. Und dann gibt es aber auch die Szenen, in denen sie in ihrem Zuhause gefilmt werden oder bei Alltagssituationen. So konnten die Protagonisten auch eine Balance finden, dass sie nicht das Gefühl hatten, sie sitzen immer nur da und reden. Wir haben sie beim Spaziergang gezeigt, beim Weg zum Friedhof, beim Hausputz. Das war auch deshalb sehr schön, weil man den Kosmos sehen konnte, in dem jedes Paar für sich lebt. Gerade der Vergleich der verschiedenen Kulturen war da auch wieder spannend. Eines war zum Beispiel faszinierend – das haben wir aus Zeitgründen leider nicht im Film untergebracht: Wir haben alle Paare beim Frühstück gefilmt. Der Vergleich, wie frühstücken Paare, die schon so lange verheiratet sind. Das Lustige war: Am Ende jedes Frühstücks, bei allen Paaren, kamen die Pillendosen auf den Tisch. Das sind ja alles alte Menschen, und bei jedem war der Ablauf gleich, dass zum Schluss die Tagesration der Medikamente hergeholt wurde. Das war komisch und rührend zugleich (lacht). Aber wir hatten leider so viele schöne Szenen, da mussten wir uns entscheiden.

Gab es denn ganz signifikante Szenen, die Euch überrascht haben?

Yasemin: Mehrere sogar. Was mich sehr überrascht hat, war das japanische Paar. Bei ihnen haben wir am ehesten damit gerechnet, dass die sehr verschlossen sein werden und dass es schwierig werden wird, auf ehrliche und auch unangenehme Antworten zu kommen. Aber Shigeko und Isao Sugihara waren tatsächlich diejenigen, die sich am weitesten geöffnet haben. Für die beiden war es wie eine Art Therapie. Sie haben vor der Kamera Dinge erzählt, die haben sie vorher noch nicht einmal miteinander besprochen. So ist nun mal ihre Kultur. Aber da wir von außen gekommen sind, und auch nicht lockergelassen haben, kam von ihnen selbst die Entscheidung und das Bedürfnis, das zu erzählen. Für uns war das unglaublich berührend zu sehen, wie die beiden sich wieder annäherten. Ebenso hatte ich das gleichgeschlechtliche Paar, Bill und Norman, unterschätzt. Sie hatten sich über die Jahre eine sehr dezente Art angeeignet, über gewisse Dinge zu sprechen. In ihrer Jugend war die gleichgeschlechtliche Liebe ein Tabu und auch wenn sie jetzt älter sind, sprechen sie über ihre Liebe in vielen Bereichen nur andeutungsweise. Da war es für uns natürlich schwieriger, weil ich ihnen vermitteln musste, dass wir nicht nur an der Oberfläche bleiben wollen.

Habt Ihr persönlich etwas mitgenommen?

Nesrin: Ja, viele kleine Dinge. Ich weiß nicht, ob man vieles für sich selbst benutzen kann, weil die Lebensweisen natürlich unterschiedlich sind. Aber die Geschichten dieser acht Menschen zu hören, von ihren Beziehungen, aber auch von ihren Schmerzen, aus denen sie wieder neue Stärke gewonnen haben, das war schon unglaublich inspirierend.

Yasemin: Für mich war es das Kämpfen. Zu sehen, wie andere für ihre Beziehung kämpfen, hat mich daran erinnert, dass wir auch wieder mehr kämpfen sollten. Viele wollen Wolke 7 für 50 Jahre, aber dafür muss ich auch etwas tun. Und für mich war es beseelend zu sehen, dass auch die tollsten Paare zwischendrin gelitten haben, aber sie haben eben weitergekämpft.

Nesrin: Das heißt ja nicht, dass man sich nicht trennen soll. Wir wollten das nicht verherrlichen: Bleibt alle auf Gedeih und Verderb ewig zusammen. Wir wollten das zeigen, was man heute nicht mehr macht. Trennen können wir uns alle, machen wir ja ständig. Aber wie ist es denn, wenn man’s nicht tut?

Haben die Paare selbst den Film schon gesehen? Wie waren ihre Reaktionen?

Nesrin: Noch nicht. Bis jetzt nur das deutsche Pärchen.

Yasemin: Deren Reaktion war aber toll. Herr Rotthäuser war ja schon etwas skeptisch, ob das auch alles gutgeht. Als sie zu einer Vorführung eingeladen wurden, kamen sie mit 30 Leuten, Familie und Freunde. Es wurde sehr viel gelacht und auch geweint, aber positiv. Sehr süß war die Reaktion einer Tochter – Rotthäusers haben drei Kinder – und die eine meinte, ihre Eltern wären so gut getroffen. Und bei Herrn Rotthäuser merkte man danach, dass er happy war.

Nesrin: ...und erleichtert.

Yasemin: Frau Rotthäuser fragte selber ihre Kinder später: „War es o.k. oder habt ihr euch für uns geschämt?“ Und deren Antwort war nur: „Die Szene mit dem Samenerguss war an der Grenze, aber noch o.k.. Zum Glück ging’s nicht weiter.“ (lacht) Das war auch für uns wichtig, weil es zeigt, dass wir keine Grenzen überschritten haben. Jetzt hoffen wir, dass wir den Film bald auch den anderen Paaren zeigen können und versuchen, sie nach Möglichkeiten zur Premiere einzuladen.

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