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Feiertage

Wo stand der erste Weihnachtsbaum?

Glaubt man den Letten, stellten sie den ersten Christbaum in Riga auf. Im benachbarten Estland sieht man das ganz anders.
Von Alexander Welscher, dpa

In Riga und Tallin streiten sich die Bürgermeister, wo der erste Christbaum aufgestellt wurde. Foto: Alexander Welscher/dpa
In Riga und Tallin streiten sich die Bürgermeister, wo der erste Christbaum aufgestellt wurde. Foto: Alexander Welscher/dpa

Riga.Der Weihnachts- oder Christbaum ist weltweit das am weitesten verbreitete Symbol des Weihnachtsfestes. Das Aufstellen einer festlich geschmückten Tanne hat Tradition in vielen Ländern. Doch wer begründete eigentlich den Brauch? Für viele Letten ist die Antwort klar: Riga. Doch auch gut 300 Kilometer weiter nördlich beanspruchen die Bewohner von Estlands Hauptstadt Tallinn, die ersten Baumschmücker der Geschichte zu sein. Historiker wiederum halten die Herkunftsansprüche für fragwürdig.

„Wir haben uns heute an einem historischen Ort versammelt“, sagte Rigas Vize-Bürgermeister Andris Ameriks betont staatstragend Anfang Dezember beim Entzünden des Weihnachtsbaums auf dem Rathausplatz der lettischen Hauptstadt. Dort soll im Jahr 1510 vor dem Schwarzhäupterhaus die erste öffentlich aufgestellte und geschmückte Tanne gestanden haben. Daran erinnert eine im Kopfsteinpflaster eingelassene Gedenktafel – und neuerdings auch eine von Ameriks mit viel Tamtam enthüllte Mini-Tanne aus Bronze.

1510 sollte die erste Tanne verbrannt werden

Eine im Kopfsteinpflaster eingelassene Gedenktafel soll an die Aufstellung des ersten Weihnachtsbaumes Riga (Lettland) im Jahre 1510 erinnern. Foto: Alexander Welscher/dpa
Eine im Kopfsteinpflaster eingelassene Gedenktafel soll an die Aufstellung des ersten Weihnachtsbaumes Riga (Lettland) im Jahre 1510 erinnern. Foto: Alexander Welscher/dpa

Die Bruderschaft der Schwarzhäupter, in der sich im Mittelalter deutschstämmige Kaufleute versammelten, wollte damals der Stadt zur Wintersonnenwende eine Tanne zum Verbrennen stiften. Doch der Baum sei so groß gewesen, dass die Flammen womöglich umliegende Häuser gefährdet hätten. Und während über das weitere Vorgehen diskutiert wurde, verzierten Kinder die Tanne mit Stroh, Äpfeln und Wollfäden. Der geschmückte Baum habe allen Bewohnern der Stadt so gut gefallen, dass der Brauch erhalten blieb und von Riga aus die Welt eroberte.

Diese Legende verbreitete Riga als selbst ernannte „Hauptstadt des Weihnachtsbaums“ zum 500-Jahr-Jubiläum der Baumaufstellung. Angezweifelt wird dies besonders in Estland. Dort betonten die Stadtoberen von Tallinn, dass vor dem Rathaus von den Schwarzhäuptern schon im Winter 1441 eine geschmückte Tanne aufgestellt worden sei – also 69 Jahre früher. Dies sei ein von der Bruderschaft übernommener heidnischer Brauch gewesen, erklärt der estnische Historiker Jüri Kuuskemaa.

Erste Tanne war möglicherweise eine Holzkonstruktion

Über die Anfänge der Tradition entbrennt zwischen den beiden Nachbarländern alle Jahre wieder ein „lebendiger Wettkampf“, wie es der lettische Kunsthistoriker Ojars Sparitis beschreibt. Der frühere Leiter des Schwarzhäupterhauses in Riga ist ganz Patriot, wenn es darum geht, wo der erste Weihnachtsbaum stand. Dazu verweist er auf die Chroniken der Bruderschaft: Dort sei von einem „Leuchterbaum“ die Rede. Ob dies damals allerdings eine echte Tanne oder vielleicht auch nur eine Holzkonstruktion war, sei unklar, räumt Sparitis ein.

„Es ist sehr schön, dass wir sagen können, dass irgendeine Tradition im Baltikum geboren wurde.“ Historiker Gustavs Strenga

Noch größere Zweifel hegt der auf das Mittelalter spezialisierte Historiker Gustavs Strenga. „Wir wissen überhaupt nicht, was für ein Baum es war und ob es sich um eine Weihnachtstradition handelte“, betont der Experte der Lettischen Nationalbibliothek. Aus der „sehr dünnen“ Quellenlage könnten eigentlich weder Riga noch Tallinn ableiten, den Weihnachtsbaum erfunden zu haben.

Warum die beiden Städte es aber dennoch tun, erklärt Strenga neben Marketingüberlegungen auch mit der identitätsstiftenden Wirkung der Überlieferung: „Es ist sehr schön, dass wir sagen können, dass irgendeine Tradition im Baltikum geboren wurde.“ Dem stimmt selbst der ansonsten Tallinns Anspruch unterstützende Este Kuuskemaa zu.

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