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Samstag, 22. September 2018 19° 3

Gesellschaft

Zeitumstellung – braucht’s das?

Heute Nacht wurde die Uhr umgestellt. Die Mehrheit der Deutschen ist dagegen. Unsere Autoren haben zwei Meinungen.
Von Reinhard Zweigler und Marianne Sperb

Zeit mag zwar relativsein, jedoch ist Klaus Rinkes Installation „Zeitfeld“ in Düsseldorf seiner Zeit immer voraus. Foto: Maja Hitij/dpa
Zeit mag zwar relativsein, jedoch ist Klaus Rinkes Installation „Zeitfeld“ in Düsseldorf seiner Zeit immer voraus. Foto: Maja Hitij/dpa

Der Energieeinspar-Effekt bei der Zeitumstellung verpufft nahezu, meint unser Berlin-Korrespondent Reinhard Zweigler:

An diesem Sonntag macht uns wieder etwas zu schaffen, dass Experten und eine Mehrheit der Deutschen für absolut sinnlos halten. Die Umstellung von der Normalzeit – auch Winterzeit genannt – auf Sommerzeit. Bei der Einführung der Sommerzeit vor 38 Jahren waren uns enorme Energieeinsparungen versprochen worden. Das fanden viele Menschen einleuchtend. Wenn man abends später das Licht einschalten müsse, brauche man weniger Strom. Klingt plausibel. Und abends länger im Hellen draußen sein zu können, mit den Kindern zu spielen oder im Biergarten zu sitzen, ist ja was Schönes.

Doch die Praxis hat dagegen gezeigt, dass der Energieeinspar-Effekt nahezu verpufft, wenn morgens etwa mehr geheizt oder Licht eingeschaltet werden muss. Vom Mehraufwand für die Zeit-Umstellung bei Verkehrsmitteln, Bahnen, Bussen, Flugzeugen, ganz zu schweigen. Und Landwirte berichten, dass auch ihre Tiere, etwa Kühe, ebenfalls Probleme mit der Umstellung haben.

Die Verheißung von damals war ein nicht eingehaltenes Versprechen, an dem die EU-Länder freilich immer noch sklavisch festhalten. Das EU-Parlament hat vor einem Monat den Beschluss gefasst, die Kommission möge die Wirkung der Zeitumstellung prüfen und „eventuell“ abschaffen. Die Sommerzeit ganz abzuschaffen, fand (noch) keine Mehrheit. Und für die EU-Kommission gilt: alle oder keiner. Die Vernunft ist im Schneckentempo unterwegs.

Und wer geht abends schon eine Stunde früher ins Bett, nur wegen der Sommerzeit?

Gegen die Sommerzeit spricht zudem die biologische Uhr des Menschen. Und die ist eher auf einen 25-Stunden-Tag eingerichtet, weshalb auch längeres Aufbleiben den meisten leichter fällt als früheres Aufstehen. Zwar macht zahlreichen Menschen die Zeitumstellung kaum etwas aus. Doch viele haben große Probleme damit, dass ihnen jetzt im Frühjahr gewissermaßen eine Stunde „gestohlen“ wird. Wer bislang um sechs Uhr aufstehen musste, muss mit der Sommerzeit bereits um fünf Uhr aus den Federn. Doch das ist der Körper, dessen innere Uhr noch in Normalzeit tickt, nicht gewohnt. Er hat eine Stunde weniger Schlaf. Und wer geht abends schon eine Stunde früher ins Bett, nur wegen der Sommerzeit?

Die im Frühjahr fehlende Stunde führt in den ersten Tagen – bei manchen dauert die Anpassung bis zu zwei Wochen – zu Müdigkeit, Schlafproblemen, Konzentrationsschwäche. Kindern fällt es besonders schwer, in die Sommerzeit hinein zu finden. Unser Körper, Blutdruck, Pulsfrequenz, Hormonhaushalt müssen sich erst auf den neuen Hell-Dunkel-Rhythmus einstellen.

Ärzte und Schlaftherapeuten beraten Patienten, die größere Probleme, eine Art „Mini-Jetlag“, mit der Zeitumstellung haben. Empfohlen werden naturheilkundliche Mittel wie Baldrian, Hopfen oder Melisse – aber keine Schlaftabletten –, damit sich die innere Uhr wieder einpendeln kann. Das alles wäre nicht nötig, wenn statt der Sommer- immer die Normalzeit gelten würde. Die Deutschen sind sich in vielen Fragen oft nicht einig – bei der Abschaffung der Zeitumstellung gibt es jedoch ein ziemlich klares Bild: 60 Prozent sind für die Abschaffung, 20 Prozent haben keine Meinung dazu und nur 15 Prozent wollen daran festhalten.

Die Stunde mehr Licht am Abend ist Luxus pur, sagt unsere Redakteurin Marianne Sperb:

Neulich auf dem Sofa: Draußen verschwimmt die Welt an diesem Sonntagnachmittag erst in trüber Nebelsuppe, dann schnürlt es Regen, ausgiebig und andauernd. Habibi seufzt lustvoll: „Herrlich! Perfektes Wetter für Kuchen und Tee!“

Das Beispiel zeigt: Der Umgang mit Wetter und Licht ist eine Frage der Einstellung. Lange Winterabende haben ihren Reiz. Sie sind eine wunderbare Einladung für das Lesen von Büchern, keine Frage. Aber wie viele Möglichkeiten geben erst lange Sommerabende her! Sie schenken Zeit, um nach der Redaktion auf dem Radl noch ins Städtchen zu schauen, auf ein „Seidel Kaffee“, um raus in die Natur zu fahren, um an der Donau zu joggen und mit Familie im Garten ein Essen zu improvisieren. Sogar für eine entspannte Runde Golf gibt der Tag noch genug Helligkeit her. Die Liste lässt sich beliebig verlängern.

Die Stunde mehr Licht am Abend ist Luxus pur. Sie bringt einen echten Mehrwert an Lebensqualität. Auf das Plus an Helligkeit am Morgen dagegen kann ich gut verzichten. Für mich macht es keinen Unterschied, ob der Tag um vier oder fünf Uhr anbricht. Die Argumentation ist natürlich subjektiv und emotional – aber mit objektiven Fakten kommt man der Frage nach der Sinnhaftigkeit der Sommerzeit auch nicht wirklich näher.

Die Sommerzeit mit ihren langen Tagen ist ein Stimulans gegen schlaffes Durchhängen und Depression.

Energiesparen zum Beispiel: Vor dem Hintergrund der ersten Ölkrise 1980 erhoffte sich Europa von der Einführung der Sommerzeit eine günstige Wirkung auf den Energieverbrauch. Das Argument kann man getrost knicken. Unser Licht liefern heute immer mehr energiesparende LED, außerdem ist heute weniger das Wärmen als das Kühlen von Gebäuden unser Thema. Das Büro für Technikfolgenabschätzung kam 2016 zu dem ernüchternden Ergebnis von nur 0,21 Prozent Spareffekt in Deutschland.

Unfälle zum Beispiel: Nach der Umstellung kommt es zu mehr Unfällen, belegen Studien. Nach anderen Berichten kommt es dank Sommerzeit in Summe zu weniger Kollisionen, weil der Feierabendverkehr bei Tageslicht rollt. Der Faktencheck ist also schwierig.

Gesundheit zum Beispiel: Da wirkt die Lage auf den ersten Blick einheitlich. Es gibt kaum einen Experten, der nicht versäumt, negative Folgen der Zeitumstellung zu erläutern. Die innere Uhr kommt aus dem Tritt, der Bio-Rhythmus wird durchgerüttelt, Konzentrationsschwäche, Schlaflosigkeit und viele andere Wirkungen sind belegt. Um eine Gesamtschau zu erhalten, müsste man aber positive Effekte auf die gute Laune gegenrechnen. Die Sommerzeit mit ihren langen Tagen ist ein Stimulans gegen schlaffes Durchhängen und Depression.

Nach einem langen und gefühlt besonders dunklen Winter rücken in der Nacht zu Sonntag die Zeiger der Uhr auf einen Schlag um eine Stunde vor. Endlich! Die Menschen sind wieder besser drauf – nicht nur gefühlt.

Ein paar Wochen nach dem Regensonntag, bei einem späten Frühstück: Draußen pfeifen ein paar Vögel, die Felsenbirnen knospen, die Sonne leuchtet schon mild vom Himmel. In jeder Faser und jeder Zelle ist zu spüren, wie der Stoffwechsel auf Touren kommt. Ab Sonntag genießen wir dieses Gefühl von Aufbruch und Lebendigsein wieder jeden Abend eine Stunde länger. Herrlich!

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In unserer Reihe „Ein Thema, zwei Meinungen“ treten regelmäßig MZ-Autoren zum Streitgespräch an. Alle Beiträge finden Sie hier.

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