mz_logo

Panorama
Mittwoch, 23. Mai 2018 26° 2

Ernährung

Zucker: Die Dosis macht das Gift

Im Mittelalter noch als weißes Gold gepriesen, steht Zucker heute am Pranger. Zu Recht? Und kann man davon abhängig werden?
Von Heike Sigel

Heute hat Zucker einen schlechten Ruf. Dabei wurde er im Mittelalter noch als weißes Gold bezeichnet. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Jetzt also der Zucker. Leberverfettung, Insulinresistenz, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und vor allem Übergewicht. An allem soll er schuld sein. Trotzdem, Zucker ist in aller Munde. Im doppelten Wortsinn. Denn zum einen essen die Deutschen immer mehr davon und zum anderen ist Zucker zur Zeit das Ernährungsthema schlechthin. Professor Dr. Cornel Sieber, gebürtiger Schweizer und Wahl-Regensburger, außerdem Chefarzt der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Geriatrie am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg, spricht sogar von einem neuen „Trend in der Ernährungsmedizin“. „Zucker per se ist nichts Schlechtes. Zucker gehört zu den Kohlenhydraten, die zusammen mit Eiweiß und Fett unsere Grundnahrungsmittel sind. Aber: Wir essen einfach zu viel davon und nehmen dadurch oft mehr Kalorien auf, als wir verbrennen. Ein halber Liter Limonade hat massiv viel Zucker, der aber nicht sättigt“, sagt er. Sieber gehört zu den führenden Ernährungsmedizinern in Deutschland. Er geht das Thema sehr differenziert an. Selbstverständlich sei nicht nur der Zucker daran schuld, dass die Deutschen immer dicker werden. Trotzdem kann Sieber einer sogenannten Zuckersteuer, wie es sie bereits in mehreren Ländern gibt, durchaus etwas abgewinnen. „Die kürzlich in England eingeführte Zuckersteuer hat das Thema Zucker wieder ins mediale Interesse gerückt – und das Interessante ist: Die Industrie hat bei den Rezepturen für ihre Limonaden sofort gegengesteuert. Man kann also nicht sagen, dass so eine Steuer nichts bewirken würde.“

Vor allem auf gesüßte Getränke sollte man am besten ganz verzichten

Inzwischen wird der Haushaltszucker – gemeint ist der weiße, raffinierte Zucker, der vielen Lebensmitteln zugesetzt wird und deshalb einen Großteil unserer gesamten Zuckeraufnahme ausmacht – regelrecht stigmatisiert. Vor ein paar Jahren noch kam dem Fett die Rolle des Buhmanns zu. Heute dagegen steht das „süße Gift“ am Pranger. Medien berichten vom „größten Zellgift unserer Zeit“, Buchautoren wie die Moderatorin Anastasia Zampounidis sprechen gar von einer Droge, die abhängig macht. Doch wie ist die Faktenlage? Kann Zucker wirklich süchtig machen? Und krank? „Wie heißt es so schön: ,Die Dosis macht das Gift‘ – das gilt auch für Zucker. Ich finde die derzeitige Darstellung in den Medien übertrieben, allerdings birgt ein hoher Verzehr isolierter Zucker in Softdrinks und Süßigkeiten wirklich die Gefahr des Übergewichts und natürlich auch der Zahnschädigung“, sagt Karin Germann-Bauer, Diplom-Ökotrophologin und AOK-Ernährungsberaterin. „Isolierte Zucker wie Saccharose, also der Haushaltszucker, oder Fructose-Glucose-Sirup bieten sogenannte ,leere Kalorien’, die dem Körper außer Energie und süßem Geschmack keine weiteren Nährstoffe liefern.“ Und sie sind in der Form auch kein natürlicher Bestandteil unserer Nahrung.

„Ich finde die derzeitige Darstellung in den Medien übertrieben, allerdings birgt ein hoher Verzehr isolierter Zucker in Softdrinks und Süßigkeiten wirklich die Gefahr des Übergewichts und natürlich auch der Zahnschädigung.“

Karin Germann-Bauer, Diplom-Ökotrophologin und AOK-Ernährungsberaterin

Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DEG) zeigen neuere Studienergebnisse immer deutlicher, dass vor allem ein erhöhter Konsum zuckergesüßter Getränke mit einer Gewichtszunahme beziehungsweise Adipositas verbunden ist. „Schon aus präventionsmedizinischer Sicht ist es also sinnvoll, Zucker zu reduzieren“, sagt Professor Sieber in diesem Zusammenhang. Im März 2015 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine aktualisierte Richtlinie zum Zuckerverzehr veröffentlicht. Neu darin ist die Empfehlung, den Verzehr freier Zucker auf unter fünf Prozent der Gesamtenergiezufuhr oder etwa 25 Gramm, das entspricht sechs Teelöffeln, zu reduzieren. Bisher lautete die WHO-Empfehlung, die Zufuhr freier Zucker auf unter zehn Prozent der Gesamtenergiezufuhr zu drücken. Die Deutschen essen allerdings ein Vielfaches davon. Die Zahlen schwanken zwischen 70 und sogar 100 Gramm täglich. Zucker einsparen, lautet also die Devise. Doch wie? Mit Zuckerersatzstoffen wie Xylit zum Beispiel? „Dieser Stoff erhöht das Insulin im Körper nicht und hat keine Kalorien“, führt Professor Sieber als positiven Punkt ins Feld. Anastasia Zampounidis, ehemalige MTV-Moderatorin und Autorin des Buches „Für immer zuckerfrei“, wiederum steht Zuckeraustauschstoffen kritisch gegenüber. Viele dieser Substanzen seien risikobehaftet, sagt sie, und: „Alle Süßstoffe lösen bei mir wieder Heißhunger auf Süßes aus. Also: weg damit.“ Die 49-Jährige lebt seit zwölf Jahren zuckerfrei und behauptet, dass sich ihr Wohlbefinden und auch ihr Aussehen dadurch sehr wesentlich zum Positiven verändert haben. Zucker bezeichnet sie als Droge, die süchtig macht. Übertrieben?

Die ehemalige MTV-Moderatorin Anastasia Zampounidis hat vor zwölf Jahren dem Industriezucker komplett abgeschworen – und bezeichnet sich heute als trockenen Sugarholic. Über die Erfahrungen mit ihrem zuckerfreien Leben hat sie jetzt ein Buch geschrieben. Wir haben die 49-Jährige gefragt, ob ein Leben ohne Schokolade & Co. überhaupt Spaß macht. Hier kommen Sie zum Interview!

Wäre die Einführung einer Zuckersteuer ein Schritt in die richtige Richtung?

Auf Nachfrage der Sonntagszeitung bei der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker e.V. gab die dortige Pressestelle folgende Erklärung ab: „Die Behauptung, Zucker könne süchtig machen, ist wissenschaftlich nicht belegt. (…) Die aktuelle wissenschaftliche Datenlage lässt keine Schlussfolgerung zu, nach der einzelne Lebensmittelbestandteile dazu führen, dass Menschen zu viel essen und Übergewicht entwickeln. Auch gibt es keinen Beleg dafür, dass ein bestimmtes Lebensmittel oder ein Lebensmittelinhaltsstoff eine substanzgebundene Sucht auslöst.“ Bei einem Interessenverband überrascht diese Antwort natürlich nicht. Aber auch Professor Sieber möchte beim Zucker nicht von einer Sucht sprechen. Zucker sei kein typisches Suchtmittel wie zum Beispiel Alkohol, sagt er. „Die Datenlage, dass Zucker tatsächlich süchtig macht, ist schlecht. Die kommt fast nur aus Tiermodellen, die nicht so einfach auf den Menschen übertragbar sind. Wissenschaftlich erhärtet ist eine Zuckersucht also nicht.“ Karin Germann-Bauer winkt ebenfalls ab: „Abhängig macht vor allem das emotionale Essen, also immer dann, wenn negative Gefühle aufkommen. Hier greifen besonders Frauen gerne zu fetten Süßigkeiten, die dann langfristig gar nicht glücklich machen. Eine Schokoladenabhängigkeit ist wissenschaftlich aber nicht nachgewiesen.“

„Abhängig macht vor allem das emotionale Essen, also immer dann, wenn negative Gefühle aufkommen.“

Ernährungsberaterin Karin Germann-Bauer

Die Ausrede, man könne aufgrund seiner Schokoladensucht nun einmal nicht auf den geliebten Nachtisch verzichten, greift also nicht. Dafür ist weiterhin schlicht und ergreifend Willenskraft nötig. Und auch das Wissen, welchen Produkten Zucker zugesetzt wird. Diverse Studien weisen immer wieder hauptsächlich auf die zuckerhaltigen Getränke als Zuckerbomben hin. Zu Recht, schließlich decken viele Zeitgenossen ihren Durst literweise mit Limonaden, Cola oder Säften. Doch Zucker steckt auch in Ketchup, Essiggurken, Senf, abgepackter Salami, Müsli, Fruchtjoghurts ... die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Beim Einkaufen ist also eindeutig der mündige Bürger gefragt. „Wenn wir extrem überzuckerte Produkte nicht mehr kaufen, dann wird die Industrie ihre Rezepturen ändern müssen“, davon ist Anastasia Zampounidis im Interview mit der Sonntagszeitung fest überzeugt.

Professor Cornel Sieber bringt in diesem Zusammenhang noch einmal eine Zuckersteuer für Deutschland ins Spiel. „Wenn über eine Steuer Druck auf die Industrie ausgeübt werden kann, dann scheint das einen Effekt zu haben. Deshalb verstehe ich nicht, warum das in Deutschland nicht gemacht wird.“ Denn eine Ernährungsumstellung sei vor allem für Kinder, die von klein auf an gesüßte Lebensmittel gewöhnt sind, gar nicht so einfach. „Jeder Mensch hat eine ,Essbiografie‘, die vor allem in der Kindheit geprägt wird, und die deshalb sehr schwer zu ändern ist, wenn man sie einmal hat.“ Laut Statistischem Bundesamt sind insgesamt 52 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland übergewichtig. Für Professor Sieber ein alarmierender Zustand, der auch mit dem ständig überhöhten Zuckerkonsum zusammenhängt. „Übergewicht ist der Hauptrisikofaktor für die Zuckerkrankheit beim Erwachsenen und deshalb sollte man wirklich möglichst früh beginnen, den Zuckerkonsum – vor allem mit Limonaden – nicht immer noch weiter anzuheizen.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Weitere Nachrichten aus dem Vermischten lesen Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht