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Zwischen Wunderkind und Sonderling

Eine überdurchschnittliche Intelligenz führt nicht automatisch zu überdurchschnittlichen Leistungen. Oft hilft nur Förderung.
Von Tanja Rexhepaj

Foto: Haywire Media/Adobestock
Foto: Haywire Media/Adobestock

Regensburg.Als Kind wunderte sich Ludwig Kolb öfters über seinen Mathematiklehrer: „Warum muss der das denn so lange erklären?“, fragte sich der Junge, der den Stoff längst verinnerlicht hatte, während seine Mitschüler immer noch rätselnd an die Tafel starrten. Auch heute hat er immer, etwa bei der Einführung einer neuen Software bei seinem Arbeitgeber Infineon, in Nullkommanichts alles sofort verstanden. Ludwig Kolb gehört zu den zwei Prozent der deutschen Bevölkerung, die einen Intelligenzquotienten über 130 haben. Damit gilt er als hochbegabt.

Schnelle Auffassungsgabe weist oft auf Hochbegabung hin

„Ich sehe das als Bereicherung an“, sagt Ludwig Kolb, der heute als Mittfünfziger ganz offen mit dieser Besonderheit umgehen kann. Als Ansprechpartner der Ortsgruppe Regensburg des Vereins Mensa setzt er sich aktiv für die Vernetzung und den Austausch von hochbegabten Erwachsenen in der Region von Weiden bis Straubing ein. Einmal im Moment organisiert er einen Stammtisch für die insgesamt rund 120 Mitglieder der Ortsgruppe. Im Verein hat er auch seine Partnerin kennengelernt. „Man tut sich einfach leichter unter ähnlich gestrickten Personen“, sagt Ludwig Kolb. Mit „ähnlich gestrickt“ meint er vor allem, dass Hochbegabte schneller denken und verarbeiten können. „Wenn bei unseren Treffen in kürzester Zeit zehnmal das Thema gewechselt wird, dann ist das ganz typisch“, sagt Ludwig Kolb.

Tatsächlich ist wissenschaftlich belegt, dass hochbegabte Menschen sich hauptsächlich in ihren Fähigkeiten zur Informationsverarbeitung und in Merkmalen, die damit zusammenhängen, von Durchschnittsbegabten unterscheiden. Sie können schneller Ursache-Wirkungs-Beziehungen durchschauen, Probleme auf grundlegende Prinzipien reduzieren oder besser mit komplexen Sachverhalten umgehen als andere Menschen.

Auch bei Julia Seidl-Jakob aus Deggendorf war es unter anderem die schnelle Auffassungsgabe, die auf eine mögliche Hochbegabung ihrer Tochter hinwies. Aber auch andere Dinge machten die Mutter schon sehr frühzeitig auf einige Besonderheiten aufmerksam: „Unsere Tochter fing früh an zu sprechen, bildete sehr schnell ganze Sätze und verfügte über einen ungewöhnlich großen Wortschatz sowie eine differenzierte verbale Ausdrucksweise. Sie zeigte früh ein starkes Interesse an Buchstaben und Zahlen und löcherte uns mit aufeinander aufbauenden Fragen, auch zu ‚nicht altersgerechten‘ Themen“, berichtet Julia Seidl-Jakob, die sich seit Jahren in einer Elterngruppe der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) engagiert.

Anders als Ludwig Kolb hatte sie jedoch mit gesellschaftlichen Vorurteilen zu kämpfen. „Ein weit verbreitetes Vorurteil, mit dem wir auch konfrontiert wurden, ist immer noch, dass es Hochbegabte sowieso leichter hätten und sie deshalb keiner besonderen Förderung bedürften. Aber Hochbegabung ist ein Potenzial, aus dem sich nur durch adäquate Förderung eine Hochleistung entwickeln kann“, sagt Julia Seidl-Jakob. Auch der Vorwurf, sie hätte ihr Kind zu Bestleistungen „dressiert“, ist ihr nicht fremd. Bestleistungen hat ihre Tochter in der Tat erbracht: Auf das 1,0-Abitur folgte ein sehr guter Masterabschluss in der Regelstudienzeit. Allerdings hat die Mutter stets alles getan, um die Interessen ihres Kindes zu fördern und die Wissbegierde ihrer Tochter zu stillen – Museumsbesuche, Theater- und Konzertaufführungen standen auf der Tagesordnung sowie die Teilnahme an Kursen mit gleichaltrigen hochbegabten Kindern. „Sie wollte auch mit Kindern zusammen sein, die sich für ihre speziellen Themen interessierten.“

Institutionen in Regensburg

  • Infos:

    Interessierte Eltern können sich an die DGhK-Elterngruppe Regensburg wenden.

  • Gesprächskreis:

    Ein IQ-Test wird nicht vorausgesetzt. Monatlich findet ein Elterngesprächskreis statt. Außerdem werden beispielsweise DGhK-Kurse für Kinder, Museumsbesuche, Betriebsbesichtigungen und Familienausflüge organisiert.

  • Ansprechpartnerin:

    Für Fragen zum Thema Hochbegabung können sich alle Interessierten gerne auch an Julia Seidl-Jakob wenden.

  • Verein Mensa:

    Der Verein Mensa veranstaltet jeden zweiten Dienstag im Monat den Stammtisch „Geistreich“, zu dem Interessenten jederzeit kommen können. Termine – auch für IQ-Tests – sind auf deren Homepage zu finden.

Um diesem Bedürfnis Rechnung zu tragen, gibt es inzwischen für sämtliche Gymnasien im Freistaat spezielle Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte. Acht Gymnasien in Bayern sind sogenannte Kompetenzzentren für Begabtenförderung. Für den Regierungsbezirk Oberpfalz ist das Kepler-Gymnasium in Weiden dafür ausgesucht worden. Dort haben sich die Lehrerinnen und Lehrer inzwischen daran gewöhnt, dass ihre Schützlinge der Hochbegabtenklassen ganz besondere Hobbys haben. „Sie beschäftigen sich mit komplizierter Legotechnik oder kennen alle lateinischen Namen der Dinosaurier auswendig“, berichtet Verena Hauke, eine der fünf Lehrerinnen im Kompetenzteam des Gymnasiums. Auffallend sei außerdem, dass hochbegabte Kinder sehr stark den Kontakt zu Erwachsenen suchten. Die Wissbegierde hochbegabter Kinder auf Spezialgebieten versucht man am Kepler-Gymnasium durch verstärkte Projektarbeit zu befriedigen. So gibt es Workshops etwa zum kontinentalen Tiefbohrprojekt in Windischeschenbach oder eine Technik-Gruppe. Außerdem dürfen die Hochbegabten im Unterricht am Laptop mitschreiben. Das wecke ab und zu schon den Neid der anderen Mitschüler, gibt Tamara Lax, eine weitere Lehrerin im Kompetenzteam des Gymnasiums, zu. „Ist es gerecht, wenn ich jeden gleich behandle?“, fragt sie dann die betroffenen Schüler. Mit ausführlichen Gesprächen habe man solche Konflikte bisher stets lösen können. Außerdem kommen die Erfahrungen aus den Hochbegabtenklassen den regulären Klassen ebenfalls zugute: So wird derzeit beispielsweise auch in den Regelklassen getestet, ob Intensivierungsstunden je nach Leistungsstand wegfallen können, wie das in den Hochbegabtenklassen der Fall ist.

Interview: Tamara Lax und Verena Hauke, Lehrerinnen am Kepler-Gymnasium Weiden und Koordinatorinnen der dortigen Hochbegabtenklassen, sprechen mit Autorin Tanja Rexhepaj über die Förderung besonders begabter Kinder und darüber, ob ein hoher IQ tatsächlich immer ein Segen ist.

Zusatzangebote für Begabte

In Regensburg ist das Albertus-Magnus-Gymnasium federführend im Bereich Begabtenförderung. Von dort aus wird die sogenannte Schülerakademie für die Stadt und den Landkreis organisiert. „Im Rahmen dieser Schülerakademie gibt es in der Regel am Freitagnachmittag ein Zusatzangebot für besonders begabte Schülerinnen und Schüler“, erklärt Direktor Sebastian Thammer. Im vergangenen Schuljahr seien 85 Teilnehmer angemeldet gewesen. Das Angebot reicht von kreativem Schreiben, über Japanisch, Chinesisch und Polnisch bis hin zu höherer Biologie und MINT-Kursen. Die Mittel dafür stellt das Bayerische Kultusministerium zur Verfügung. Je nach Budgetauslastung könnten zusätzliche Veranstaltungen angeboten werden, zum Beispiel zur Verschlüsselungstechnologie, so Thammer.

Zu den Zeiten, in denen Ludwig Kolb die Schulbank gedrückt hat, gab es derartige Angebote nicht. Erste IQ-Test-Aufgaben hat er in einer Illustrierten von Bekannten gelöst, seine Eltern schafften extra ein 20-bändiges Lexikon an, um auf die komplizierten Fragen von Klein-Ludwig antworten zu können. Sein Bildungsweg verlief unspektakulär: Nach der Realschule besuchte er die FOS, danach studierte er an der FH Aalen Chemie. Mit dem Diplom-Ingenieur-Titel in der Tasche bewarb er sich 1986 bei Infineon, wo er seither arbeitet. Seine Hochbegabung hat er damals in der Bewerbung nicht erwähnt, denn: Auch wenn er es nicht persönlich erlebt hatte, wusste er doch von gewissen Vorbehalten. Mittlerweile wissen die Kollegen, was es bedeutet, wenn er sich aus der Projektbesprechung auf einen Kaffee ausklinkt: Er ist in Gedanken schon dort, wo sie erst in ein paar Stunden sein werden.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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