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150. Geburtstag: Doku über Stefan George

Er war ein bedeutender Dichter der Jahrhundertwende. Über sein Leben berichtet „Stefan George: Das geheime Deutschland“.
Von Klaus Braeuer, dpa

 Über Stefan Georges Leben berichtet die Dokumentation „Stefan George: Das geheime Deutschland“. Foto: dpa
Über Stefan Georges Leben berichtet die Dokumentation „Stefan George: Das geheime Deutschland“. Foto: dpa

Berlin.Er gilt als ungewöhnlicher Lyriker und mindestens so ungewöhnlicher Mensch, der wie aus einer anderen Zeit erscheint. Eine Annäherung an diesen Mann versucht eine Dokumentation mit dem Titel „Stefan George: Das geheime Deutschland“, die am Samstag (7. Juli, 21.55 Uhr) auf 3sat zu sehen ist.

Anlass ist Georges Geburtstag: Vor 150 Jahren, am 12. Juli 1868, wurde er in Büdesheim bei Bingen am Rhein geboren, als Sohn des Gastwirts und Weinhändlers Stephan George und dessen Frau Eva. George habe sich schon als Kind wie ein König verhalten und zu anderen Mitschülern ein Herrschaftsverhältnis aufgebaut, sagt der Autor Thomas Karlauf („Stefan George. Die Entdeckung des Charisma“). Er galt als Eigenbrötler mit einem Hang zur Selbstherrlichkeit und versuchte schon früh, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, reiste viel mit der Bahn, gründete eine Zeitschrift - und konnte mit dem Körper einer Frau nicht viel anfangen.

Gemeinsam Gedichte schreiben

1899 lernte der homosexuell empfindende George den damals 19-jährigen späteren Heidelberger Germanisten Friedrich Gundolf kennen, was beide für eine außerordentliche Begegnung hielten. Sie übersetzten gemeinsam Shakespeare und schrieben Gedichte. In diesen schilderte George teilweise auch seine Qualen, weil er sich gegenüber Gundolf nicht völlig öffnen konnte, zumal dieser Amouren mit diversen Frauen hatte. Ähnlich erging es George später auch mit anderen jungen Männern wie Percy Gothein, die sich seiner Strenge nicht entziehen konnten und doch von einem Tag auf den anderen fallen gelassen wurden.

Filmautor Ralf Rättig besucht das Stefan George-Archiv in Stuttgart, dessen Leiter Dr. Maik Bozza (40) ein Foto mit Seltenheitswert präsentiert, weil es einen gelösten, fast heiteren George zeigt. Ansonsten wollte er eher als kühl und kontrolliert wahrgenommen werden - was auch für seinen Schreibstil, seine Lesungen und die Gestaltung seiner Bücher galt, wobei er sich dem verspielten Jugendstil nicht gänzlich verschließen konnte. Seine Sprachbegabung brachte ihn dazu, gleich mehrere Geheimsprachen zu entwickeln.

Verehrt und abgelehnt zugleich

Rättig besucht gemeinsam mit Karlauf das Max Weber-Haus in Heidelberg am Neckar und geht der irrationalen, reaktionären und charismatischen Herrschaft nach, die George im elitären Kreis seiner ausgewählten Jünger an den Tag gelegt haben soll, die ihren Meister zum Teil wohl auch in erotischer Ansicht verehrten. Es gibt darüber jedoch keine Berichte von Zeitzeugen. Rättig stellt Bezüge her zum systematischen, aber nicht unbedingt körperlichen Missbrauch von Schülern in einer mann-männlichen Abhängigkeitsbeziehung und auch zu charismatischen Autokraten, die heute am politischen Ruder sind. Er streut Gedichte ein, die von dem Schauspieler Mark Ortel (23) eindrucksvoll rezitiert werden - obgleich George von Rezitationen nichts hielt, denn dabei waren ihm zu viele Emotionen im Spiel. Viele eingeblendete Fotos seiner Jünger zeigen auch, dass der machtbewusste George rein gar nichts von Anstandsregeln hielt.

George wollte eine geistige Elite („Das geheime Deutschland“) schaffen, um die deutsche Kultur zu retten - zumal in der Zeit, in der die Nazis politisch an Bedeutung gewannen. Wie groß sein Einfluss auf Claus Schenk Graf von Stauffenberg und dessen Attentat auf Hitler war, bleibt umstritten. In seinen letzten Jahren am Lago Maggiore kränkelte der Dichter sehr und starb dort am 4. Dezember 1933. George war schon zu Lebzeiten eine zunehmend mythische Figur mit großem Sendungsbewusstsein, der von vielen ebenso verehrt wie abgelehnt wurde - und der ein schwieriges Erbe hinterlässt.

„Stefan George: Das geheime Deutschland“ läuft am 7. Juli um 21.55 auf 3sat.

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