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Das Erfolgsrezept des Bergdoktors

Eine Fernsehserie kurbelt den Tourismus am Wilden Kaiser an. Nun trafen wieder 1300 Fans die beliebten Darsteller.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Stehen seit elf Jahren gemeinsam vor der Kamera: Hans Sigl (r.), Monika Baumgartner, Ronja Forcher und Heiko Ruprecht. Foto: Susanne Sigl
Stehen seit elf Jahren gemeinsam vor der Kamera: Hans Sigl (r.), Monika Baumgartner, Ronja Forcher und Heiko Ruprecht. Foto: Susanne Sigl

Scheffau.Waltraud aus Hessen holt hörbar Luft und zieht das Mikrofon vor ihr Kinn. Sie wirkt entschlossen. Heute muss es endlich raus. Die Gelegenheit könnte nicht günstiger sein. Nur wenige Meter entfernt auf der überdachten Bühne steht der Mann, der so starke Emotionen bei ihr hervorruft. Acht Wochen im Jahr treffen sie sich. Jeden Donnerstag vor dem Fernsehgerät. Und jetzt, ja jetzt, muss sie ihm sagen, dass es so nicht weitergehen kann. „Hans“, schmettert Waldtraud messerscharf ins Mikrofon. „Hans, tu uns bitte einen Gefallen und schmeiß endlich die Anne vom Hof.“ Hunderte Frauen klatschen Beifall, ein paar Männer auch. Es ist einer der lustigsten Momente beim diesjährigen Bergdoktor-Fantag in Scheffau am Wilden Kaiser. Doch dieser Moment erklärt auch, warum diese Serie seit zehn Jahren so erfolgreich ist. Die Geschichten unterhalten nicht nur, sie lösen augenscheinlich tiefergehende Gefühle aus.

Seit 2008 wird „Der Bergdoktor“ mit Schauspieler Hans Sigl in der Hauptrolle im ZDF ausgestrahlt. Rund sieben Millionen Zuschauer hat die Serie allein in Deutschland, ein Marktanteil von 20 Prozent. Waren es früher eher ältere Menschen, so schaut heute die ganze Familie zu. Auch in Slowenien, Dänemark, Lettland, in den USA und Kanada verfolgt man die Geschichten aus den Tiroler Bergen. So wundert es nicht, dass zum Fantag Jacky aus Florida angereist ist. „Do you need a nurse?“ Brauchst du noch eine Krankenschwester?, fragt sie Schauspieler Hans Sigl, der in der Serie Dr. Martin Gruber verkörpert. „Vielleicht lässt sich was machen“, antwortet er.

Viereinhalb Stunden Autogramme

1300 Menschen, viele mit den inzwischen zum Markenzeichen gewordenen blauen Strohhüten auf dem Kopf, drängen sich am Freitagnachmittag auf den Platz hinter der Kirche in Scheffau, um ihre Fernsehlieblinge zu erleben. Trotz 25 Euro Eintritt. Die Nachfrage wäre noch deutlich höher, die Tourismusregion „Wilder Kaiser“ muss die Karten limitieren, sonst wäre die versprochene Nähe zu den Serienstars nicht mehr machbar. Am Freitag schreiben Hans Sigl, seine Filmtochter „Lilly“, Ronja Forcher, „Mama“-Darstellerin Monika Baumgartner, Siegfried Rauch alias Dr. Roman Melchinger und Gastwirtin Susanne Dreiseitl, gespielt von Natalie O’Hara, viereinhalb Stunden lang Autogramme und posierten für Selfies. Am Abend nimmt sich O’Hara trotz ihrer Erschöpfung noch Zeit für ein Treffen mit Journalisten am Drehort Gruberhof. „Natürlich ist es anstrengend, aber es macht auch so viel Spaß zu sehen, wie die Fans glücklich nach Hause gehen.“

Rund eine Million Übernachtungen verzeichnet die Region Wilder Kaiser mittlerweile im Sommer, das wurde früher nur in den Wintermonaten erreicht. „Seit 2011 messen wir den Bergdoktor-Effekt. In diesem Zeitraum sind die Übernachtungszahlen um 25 Prozent gestiegen. Etwa die Hälfte davon führen wir auf die Serie zurück“, sagt Lukas Krösslhuber, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Wilder Kaiser. „Etwas Besseres kann einem im Tourismus nicht passieren.“

Die Region, die in den Orten Ellmau, Scheffau, Going und Söll längst mit dem Siegel „Bergdoktordorf“ wirbt, hat sich auf den Hype eingestellt und viele Angebote rund um die Drehorte entwickelt. Es gibt Besichtigungstouren, Kutschfahrten, Wanderungen, zwei Fanwochen mit großem Fantag und erstmals in diesem Jahr das Bergdoktor-Fanfest am 14. September, für das es keine Kartenbegrenzung geben wird. „Wir haben keine Vorstellung, was uns gästemäßig an diesem Tag erwartet“, sagt Krösslhuber.

Monika Seitz und ihre Tochter Sandra sind aus dem fränkischen Velden zum Fantag angereist.Foto: Stöcker-Gietl
Monika Seitz und ihre Tochter Sandra sind aus dem fränkischen Velden zum Fantag angereist.Foto: Stöcker-Gietl

Monika Seitz und ihre Tochter Sandra Blaut sind aus dem fränkischen Velden. Der Besuch beim Fantag war ein Geschenk zum 30. Geburtstag, sagt Sandra Blaut. Die beiden Frauen verfolgen die Serie von Anfang an. Sandra, die ausgebildete Arzthelferin, achtet auf die Handgriffe des Bergdoktors, wenn er Blut abnimmt oder Wunden versorgt. „Das schaut schon professionell aus“, sagt sie. Dass er auch ein medizinisches Genie ist und jede noch so seltene Erkrankung erkennen und behandeln kann, sieht die Arzthelferin nicht so eng. „Wir fühlen uns einfach gut unterhalten.“

Der Bergdoktor

  • Seit 2007

    wird die Serie „Der Bergdoktor“ in der Region „Wilder Kaiser“ gedreht. Schauplätze sind Ellmau, Scheffau, Going und Söll.

  • Der Erfolg der Serie

    beruht unter anderem auf der Kontinuität der Figuren. Bis heute gab es unter den Hauptdarstellern keinen Wechsel.

  • In die Rolle des Bergdoktors

    schlüpft Hans Sigl, seine Mutter spielt Monika Baumgartner, seinen Bruder Hans Heiko Ruprecht. Schon mit neun Jahren stand Ronja Forcher für die Rolle als Filmtochter Lilly vor der Kamera. In weiteren Rollen sind Natalie O‘Hara, Siegfried Rauch und Mark Keller zu sehen.

  • Die Serie verkörpert

    eine Mischung aus Heimatfilm und Arztdrama.

  • Rund ein halbes Jahr

    wird für eine Staffel gedreht. In 16 bis 18 Drehtagen entsteht eine 90-minütige Folge.

  • Kurios:

    Der „Gasthof Wilder Kaiser“ in Going ist ein Wohnhaus und das Set der Intensivstation steht in einer Tennishalle.

Die meisten Fans sind heute so aufgeklärt, dass sie unterscheiden können zwischen dem Bergdoktor und dem Schauspieler, sagt Hans Sigl am Rande des Fantages im Gespräch mit unserem Medienhaus. „Die Zuschauer wissen, dass ich Schauspieler und kein Arzt bin. Sie erwarten also keine Diagnose von mir. Dennoch geht es im Verlauf der Gespräche oft um medizinische Themen, die zum Beispiel in der Serie behandelt wurden.“

„Da passt alles zusammen“

Der Erfolg der Serie begründe sich aber nicht allein auf der Figur des Bergdoktors, sagt der 47-jährige Österreicher. Mit der Familiengeschichte der Grubers könnten sich viele Zuschauer identifizieren. Dazu komme die herrliche Landschaft. „Das passt alles zusammen. Von Jahr zu Jahr wird es spannender.“ Der Serie habe es sicherlich auch sehr gut getan, dass die Folgen auf 90 Minuten ausgedehnt wurden. „So lassen sich die Geschichten einfach besser erzählen.“ Bis aus Indien und China erreichen den Schauspieler mittlerweile Briefe von Fans. Auf der Facebookseite des Bergdoktors werden die Folgen in hunderten Kommentaren diskutiert. So mancher Gefühlsausbruch ist dort nachzulesen.

Dem „Bergdoktor“ ganz nah: 1300 Fans kamen am Freitag zum Fantag nach Scheffau, einige reisten bis aus Slowenien an, und sogar eine Besucherin aus den USA war dabei.Foto: Stöcker-Gietl
Dem „Bergdoktor“ ganz nah: 1300 Fans kamen am Freitag zum Fantag nach Scheffau, einige reisten bis aus Slowenien an, und sogar eine Besucherin aus den USA war dabei.Foto: Stöcker-Gietl

Aktuell trägt dazu die Figur der Anne besonders bei. „Sie polarisiert und hat eine gute Dramaturgie“, sagt Hans Sigl. Als Martin Gruber in der letzten Staffel nach gescheiterter Beziehung noch einmal ein kurzes Tête-à-Tête mit ihr hatte, seien die Foren explodiert. Serientochter Ronja Forcher erlebte sogar einen Shitstorm, als sie ein Foto mit ihrer Kollegin Ines Lutz, die die Anne verkörpert, in den Sozialen Netzwerken postete. „Wie kannst du nur“, warfen ihr Fans vor, wie sie nach ihrem Auftritt beim Fantag erzählt.

Aber nicht nur das Liebesleben des Doktors, auch ethische Fragen, die die Serie inzwischen verstärkt aufgreift, beschäftigen die Fans. Dass sich allerdings sogar Abiturienten in der Schule damit auseinandersetzen, überraschte auch Schauspieler Hans Sigl. „Wenn man sich allerdings einige Folgen ins Gedächtnis ruft, dann ist das durchaus nachvollziehbar. Etwa wenn eine schwangere Frau entscheiden muss, ob sie ihrem kranken Mann eine Niere spendet und damit das Leben ihres Kindes gefährdet“, sagt er.

Ab Mitte Juni werden in der Region Wilder Kaiser die neuen Folgen gedreht. Es ist die elfte Staffel und Sigl darf noch nicht viel verraten, wenngleich die Fans hartnäckig bohren. „Dieses Jahr wird es wieder mehr um Familie gehen und es gibt eine große Überraschung, die sehr Vieles verändern wird. Es wird sehr spannend.“ Und was ist mit Anne? Zumindest eine zeitlang wird sie den Bergdoktor und den Gruberhof verlassen. Damit muss sich Waldtraud aus Hessen vorerst zufrieden geben.

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