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Porträt

Die Drähte glühten rund um den Globus

20 Jahre leitete Klaus-Peter Mittermaier den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Eine Million Fälle sind noch ungeklärt.
Von Patricia Dudeck, MZ

  • Rentnerleben in Brüssel: Klaus-Peter Mittermaier mit Enkel Henri nach der Schule im Park Foto: Dudeck
  • Rückblick: Im August 1999 entstand dieses Bild von Klaus-Peter Mittermaier in seinem Münchner Büro. Foto: dpa

Brüssel/München. Irakkrieg, Afghanistan, Tsunami in Asien, Reaktorunfall in Japan. Wer nach Katastrophen oder Kriegen auf Lebenszeichen von Angehörigen wartet, findet seit 1945 Hilfe beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in München. Klaus-Peter Mittermaier arbeitete 20 Jahre als dessen Direktor. Heute wird ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Dafür kehrt er in seine Geburtsstadt München zurück aus Brüssel, wo er seit vier Jahren lebt. Unsere Korrespondentin Patricia Dudeck traf den 69-Jährigen in seinem „Wohnzimmer“.

Sein verschmitztes Lächeln steckt Klaus-Peter Mittermaier ständig in den Mundwinkeln. Wenn er auf Französisch mit den Café-Besuchern über die Fußballübertragung flachst. Oder mit einem deutschen Freund über Brüssel als „Kunstmittelpunkt der Welt“ philosophiert. Im Café Saint Martin, unweit des Brüsseler Jubelparks, kennen den Rentner fast alle unter dem Namen Boris. Sein Künstlername sozusagen. Denn hier studiert er die Menschen und schreibt ihre Geschichten auf. Das Café ist sein ausgelagertes Wohnzimmer inklusive Gesellschaft – „altersgerechtes Wohnen“, nennt er das. Und da ist es wieder, das Lächeln.

Ein Enkel wie Oliver Kahn

Nachmittags ist er voll bei Enkel Henri eingespannt. Vor vier Jahren folgte Mittermaier seiner Tochter Jana von Berlin nach Brüssel und ist für den Sechsjährigen da, während sie arbeitet. Von der Schule abholen, dreimal die Woche Fußballtraining, samstags anfeuern beim Spiel – Opa Klaus handelt den Spross als künftigen Oliver Kahn.

Weil Mittermaier wegen Henri in die Stadt kam, nennt ihn ein Freund den „Enkel-Brüsseler“. Er ist einer der Wenigen im Café, der seinen wahren Namen kennt und weiß, was Mittermaiers ehemaliger Arbeitsplatz für Millionen von Deutschen bedeutete.

Ende des Zweiten Weltkriegs waren 30 Millionen Menschen voneinander getrennt – Soldaten, Zivilisten, Kinder. Viele fanden sich selbst wieder. Etwa 17 Millionen Schicksale klärte der Suchdienst auf. Bis heute erreichen München unzählige Briefe mit Hoffnung. Ohne Wissen, wo der Vater, Bruder oder Ehemann zwischen Berlin und Wladiwostok verblieben ist – auf welchem Kontinent. Eine Million Fälle sind noch ungeklärt.

Der Traum von der Gorch Fock

Suchdienstleiter zu werden, war kein Jugendtraum. Auch wenn sein Vater selbst aus Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Reisen ist seine Leidenschaft seit der Jugend: Mit einem durchgerosteten 48er VW Kübel über 4000 Kilometer ans Nordkap, in Finnland Goldschürfen. Per Anhalter nach Kalkutta. Den Wehrdienst wollte er um alles in der Welt auf dem Segelschulschiff Gorch Fock ableisten. Um in dessen 40 Meter hohen Mastbäumen klettern zu dürfen, verpflichtet er sich für drei Jahre – es ging über den Atlantik, Kanaren, Island und zurück in den Heimathafen Kiel. Das Schiff hinterließ allerdings ein beängstigendes Andenken: Höhenkoller. Doch seine Zeit auf See bleibt für ihn großartig.

Mit 23 ging er von Bord, obwohl sie ihm mit der Urkunde „Marineoffizier auf Lebzeiten“ winkten. Mittermaier ging studieren, Geografie an der Technischen Universität München. Seinerzeit war das Institut gerade im Paradigmenwechsel: die älteste Wissenschaft der Welt wandelte sich zur Sozialwissenschaft mit Städte- und Regionalplanung. Mit 28 Jahren übernahm er dort mit Diplom eine Dozentenstelle, vertrat eine werdende Mutter. „Ich war ein kleiner Fisch, neben Professoren, von denen einer das Ruhrgebiet umgestaltet hat.“ Er war fast 40, verheiratet und hatte drei Kinder, als die Kollegin zurückkam. Ohne Zögern räumte er den Platz.

Ein schicksalhafter Tag, wie sich später herausstellen sollte. Denn wenige Stunden später las er in der Süddeutschen die Stellenanzeige vom Roten Kreuz: Abteilungsleiter gesucht. „Im ersten Moment hatte der Begriff Suchdienst etwas Detektivisches. Das reizte mich.“ In den insgesamt 25Dienstjahren Mittermaiers erschloss der Suchdienst neue Archive in St. Petersburg und Podolsk. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion machten sie den größten Deal mit Moskau, sie handelten zwei Millionen Akten von Kriegsgefangenen aus. 50 Millionen Karteikarten werden seit einigen Jahren digitalisiert.

Gewissheit schaffen ist für die Angehörigen das Wichtigste, weiß Mittermaier: „Trauerarbeit fängt erst mit dem Wissen um die Grabstelle an und nicht solange jemand noch auftauchen kann.“ Noch in seinem letzten Dienstjahr 2006 konnten sie tausende Schicksale klären. Nicht immer waren Technokraten und Bürokraten erfreut über seine unkonventionellen Methoden, sagt er: „Jemand der sich nicht direkt mit den individuellen Fällen befasst, kann sie nicht verstehen und würdigen.“ Unter den Verschollengeglaubten sind auch einige schlichtweg abgetaucht. „Es gibt so viele Schicksalsvarianten.“

Lebensaufgabe Bangladesch

Neben dem Suchdienst leitete er seit 1982 für das Internationale Rote Kreuz zahlreiche Auslandseinsätze: Im Irankrieg und Armenien, Hilfskonvois nach Polen, Hilfe für aus Nigeria vertriebene ghanaische Arbeiter und für Opfer des Tsunami in Sri Lanka und der Wirbelstürme in Myanmar.

Den Katastrophenschutz in Bangladesch nennt er das wichtigste Projekt seines Lebens. Das dicht besiedelte Land liegt kaum über dem Meeresspiegel. Wirbelstürme suchten es oft heim. 1970 starben dabei eine Million Menschen. 1985 war Mittermaier das erste Mal dort, nachdem ein Wirbelsturm durch ein paar hunderttausend Hütten pflügte und eine sechs Meter hohe Welle vor sich hertrieb, die alles unter sich begrub.

„Wellblechdächer flogen wie Rasierklingen durch die Luft.“ Hier half es nicht, neue Hütten aufzubauen. Mittermaier dachte weiter: Er sprach mit dem Ältestenrat und allen, die etwas zu sagen hatten und entwickelte mit einem indischen Kollegen ein Konzept. Es musste eine Plattform auf Betonstelzen her. Unter der das Meer beim nächsten Mal hindurch donnern konnte. Nur als Mittelpunkt des Gemeindelebens würde die Anlage instand gehalten werden. Der indische Rote-Kreuz-Präsident war pessimistisch, dass die Regierung dies zuließ. Mittermaier blieb hartnäckig.

Ehrung für das Lebenswerk

Schließlich war der Minister für Wiederaufbau begeistert. Bei der Genfer Spenderkonferenz appellierte Mittermaier an das Verantwortungsbewusstsein: „Sonst machen wir uns bei der nächsten Katastrophe mitschuldig.“ Zwar ließen sich die Generalsekretäre dann für „ihr“ Entwicklungsprojekt feiern, „ließen sich einfliegen, kassierten Orden und flogen wieder heim. Doch wichtig war, dass sie es bezahlten.“ Seine Erlebnisse hält er fest: Ein Buch hat er geschrieben, „Biergartensplitter“ nennt er seine Internetseite mit Abenteuern und Gesellschaftskritik. Per Bahn bereist er jede Ecke Belgiens und fotografiert Graffiti, Kirchen und Menschen. Immer wenn ihm Henri freigibt. Wie heute, wenn er in München diesen Orden bekommt.

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