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Tatort: Leonessa - So. 08.03. - ARD: 20.15 Uhr

Brangelina für Arme

Der neue "Tatort" mit Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) erzählt von Jugendlichen in einer Hochhaussiedlung, deren Eltern längst aufgegeben haben. Ein ziemlich ekliges Sozialdrama - mit starken Jungdarstellern.

  • Was erwartet die "Tatort"-Ermittlerinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, rechts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) hinter dieser Sozialwohnungstür? Ihr neuer Fall "Leonessa" spielt in einer tristen Ludwigshafener Hochhaussiedlung. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Die Jugendlichen Samir (Mohamed Issa, links), Vanessa (Lena Urzendowsky) und Leon (Michelangelo Fortuzzi) denken nicht viel über ihre Zukunft nach - denn sie haben keine. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Vanessa (Lena Urzendowsky, links) hortet Geld in ihrem Kinderzimmer - das sollte ihre Mutter (Camilla Nowogrodzki) eigentlich nicht zu sehen bekommen. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, rechts) muss der viel zu jungen Vanessa (Lena Urzendowsky) beim Trinken zusehen. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) überprüft Samirs (Mohamed Issa, links) Angaben zum Fund des Opfers, indem sie ihm einem anderen Zeugen gegenüberstellt. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Samir (Mohamed Issa) lebt unter Vanessa und kommuniziert mit ihr per Besenstiel. Er ist es, der den toten Wirt in seiner Kneipe als erster entdeckt hat. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Johanna Stern (Lisa Bitter) observiert die Jugendlichen. Womit verdienen sie ihr Geld? Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Vanessa (Lena Urzendowsky, links) lässt sich durch ihr Leben treiben - und will vor allem in Ruhe gelassen werden. Lena Odenthal hingegen möchte herausfinden, was wirklich mit dem Mädchen los ist. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Katja Grimminger (Karoline Eichhorn, links), Leons Mutter, hat einen Doktor in Literaturwissenschaften. Als Übersetzerin arbeitet sie aber nur noch, "wenn sie etwas wirklich interessiert". Die Wahrheit ist: Sie ist Alkoholikerin und muss sich regelmäßig über den Tag stärken, um danach auf der Couch zu dösen. Johanna Stern (Lisa Bitter) weiß das. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, links) staunt darüber, wie wenig sich Vanessas Eltern (Camilla Nowogrodziki, Konstantin-Philippe Benedikt) für ihre minderjährige Tochter interessieren. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • "I'm A Lost Boy", sagt der eigentlich hochintelligente Leon (Michelangelo Fortuzzi) zu Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Kann die Ermittlerin den Jugendlichen noch erreichen? Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg

Die Zeiten, in denen Brad Pitt und Angelina Jolie als Power Couple "Brangelina" durch die Welt reisten, sind nun auch schon ein bisschen her. Doch was sind schon ein paar Jahre in der Western-Kneipe von Hans und Hanne Schilling, die in einem heruntergekommenen Einkaufszentrum neben einer Ludwigshafener Hochhaussiedlung liegt. Bei Hans und Hanne trinken unter melancholischer Country-Beschallung Menschen, die in der Regel sehr viel Zeit haben: Rentner, Arbeitslose und chronisch Einsame. Einer von ihnen erzählt von zwei Jugendlichen, Leon und Vanessa, genannt "Leonessa", weil sie fast immer zusammen auftreten. "Wie Brangelina für Arme" seien die - also irgendwie glamourös, was in dieser Umgebung nun wirklich auffällt. Befragt werden die Gäste von Hans und Hanne, weil Hans in seinem Laden hinterm Tresen erschossen wurde. Der Kneipier war nicht nur Country-Fan, sondern fühlte sich auch ein bisschen als Sheriff des Viertels, sagt man. Einer, der sich einmischte, wenn die Dinge seiner Meinung nach aus dem Ruder liefen.

Leon und Vanessa, das Power Couple aus dem Sozialblock, ist eigentlich viel zu gut angezogen für seine Gehaltsklasse. Beide sind 15, 16 Jahre alt und lassen sich nach absolviertem Hauptschulabschluss durch den Tag treiben. Vanessa (Lena Urzendowsky) als White Trash-Kid zweier vor dem Fernseher festgewachsener Eltern (Camilla Nowogrodzki, Konstantin-Philippe Benedikt) und Leon (Michelangelo Fortuzzi) als Sohn einer "alleinerziehenden" Akademiker-Mutter (Karoline Eichhorn), die in ein daueralkoholisiertes Dauer-Phlegma abgerutscht ist.

Viel Zeit mit "Leonessa" verbringt auch der arabisch-stämmige Samir (Mohamed Issa), der mit seinem großen Bruder, der schon mal im Knast saß, und der Mutter, eine Etage unter Vanessa wohnt. Samir ist derjenige, der den toten Hans in seiner Kneipe gefunden hat. Ob des schockierenden Anblicks brauchte er ein wenig, bis er die Polizei rief. Will der Junge etwas verbergen? Und was haben die Jugendlichen vom Block nebenbei laufen, das sie - zumindest äußerlich - zu Hollywoodstars unter den Vergessenen und Ausgestoßenen im Getto macht?

Drei junge Schauspieler, die es zu beachten gilt

Im neuen Odenthal-"Tatort", dem ersten nach dem schön ausgedachten Jubiläumsfall "Die Pfalz von oben" mit Ben Becker, hat die Alltags-Tristesse der Stadt die Ermittler wieder. Wobei das bittere Sozialdrama trotz seines jugendlichen Themas viel Expertise vor und hinter der Kamera versammelt. Die haltlose Vanessa wird von Lena Urzendowsky gespielt (der jüngeren Schwester von Schauspieler Sebastian Urzendowsky, "Der Turm"). Die 20-Jährige wurde 2017 für ihre Hauptrolle im Cyber-Grooming-Film "Das Weiße Kaninchen" mit dem Grimme-Preis und anderen Trophäen bedacht.

Der 19-jährige Leon-Darsteller Michelangelo Fortuzzi gewann 2019 einem Deutschen Fernsehpreis für das ARD-Drama "Alles Isy". Und Mohamed Issa, 22, spielte eine größere Rolle im Netflix-Jugenddrama "Wir sind die Welle". Hinter der Kamera sorgten der erfahrene Krimi-Drehbuchautor Wolfgang Stauch - er schrieb mit "Anne und den Tod" den vielleicht besten "Tatort" des Jahres 2019 - und Regisseurin Connie Walther ("Frau Böhm sagt Nein") fürs dramaturgische Gerüst.

Ein wirklich überraschender oder gar furioser Krimi ist "Leonessa" dennoch nicht. Womöglich will er das auch gar nicht sein, denn die Tristesse der von ihren Eltern und der restlichen Gesellschaft "freigestellten" Jugendlichen muss sich vielleicht für den Zuschauer genauso anfühlen, wie es in diesem Primetime-Krimi umgesetzt wurde: zäh, trostlos und unangenehm. Auch an den Ermittlern geht das Wühlen in den Schmuddelecken des früh abgehängten Lebens nicht spurlos vorüber. Es wird deutlich: Hilfe ist schwer zu leisten, wenn die Betroffenen - und das über mehrere Generationen - längst aufgegeben haben.

Als Krimi ist "Leonessa" ein "Tatort" für Puristen. Da gibt es einen Mord und der muss aufgeklärt werden. Ohne Experimente, mit ruhiger Kamera und ebensolchen Dialogen. Erzählerisch und in Sachen Tempo könnte "Leonessa" fast aus den 90-ern stammen, wäre der Film nicht so schmierig unangenehm in einigen Szenen. Im Sinne der Unterhaltung sicher einer der am wenigsten vergnügungssteuerpflichtigen Beiträge der diesjährigen "Tatort"-Saison. Sozialdramen, zumal solch klassisch inszenierte, können schon mal ein schmutziger Job sein. Aber auch den muss ja bekanntlich jemand machen.

Eric Leimann

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