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Im Gespräch mit Heike Hempel vom ZDF

"Brauchen weiblichen Blick": Wie das ZDF mehr Frauen hinter die Kamera holen möchte

Frauen sind hinter der Kamera nach wie vor stark unterrepräsentiert - vor allem im Fernsehbereich. Das ZDF will dies nun ändern. Die stellvertretende Programmdirektorin Heike Hempel erklärt, wie das gehen kann.

  • Heike Hempel und das ZDF wollen Filmemacherinnen den Einstieg in die TV-Branche erleichtern. Ein Anliegen, das dringend in die Tat umgesetzt werden muss. Im Interview erklärte sie, wie das vonstattengehen soll. Foto: ZDF / Rico Rossival
  • Sherry Hormann meistert schon seit Jahren äußerst erfolgreich den Spagat zwischen Arbeiten für Film ("Wüstenblume", "3096 Tage") und Fernsehen ("Vermisst in Berlin", "Der Kriminalist"). Foto: Andreas Rentz/Getty Images
  • Nora Fingscheidts "Systemsprenger" geht möglicherweise für Deutschland ins Rennen um den Auslandsoscar. Der Film wurde erst kürzlich als offizieller deutscher Beitrag ausgewählt und eingereicht. Foto: Philip Leutert
  • Christiane Balthasar (rechts), hier am Set von "Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte" neben Iris Berben und Heino Ferch zu sehen, ist eine der profiliertesten TV-Regisseurinnen der Gegenwart. Sie ist vor allem im Krimi-Bereich ("Tatort", "Kommissarin Lucas", "Kommissarin Heller") äußerst erfolgreich. Foto: Heiko Mandl/Getty Images
  • Karoline Herfurth gilt als eine der besten deutschen Schauspielerinnen. Seit einiger Zeit ist sie auch als Regisseurin erfolgreich ("SMS für dich" und "Sweethearts"). Foto: Christian Marquardt/Getty Images
  • Caroline Link (links) und ihrem jungen Hauptdarsteller Julius Weckauf (vorne) gelang mit dem Hape-Kerkeling-Biopic "Der Junge muss an die frische Luft" ein großer Kinohit - sowohl das Publikum als auch die Kritiker zeigten sich begeistert. Foto: Andreas Rentz/Getty Images
  • Nina Vukovic (nicht im Bild) dreht gerade ihre "SOKO Köln"-Episoden mit den Darstellerinnen Diana Staehly (links) und Tatjana Kästel. Foto: ZDF / Andreas Mesli
  • Das Team von "Notruf Hafenkante" wird demnächst von Constanze Knoche (nicht im Bild) in Szene gesetzt. Foto: ZDF / Boris Laewen
  • "Der Bergdoktor" mit Andrea Gerhard (links), Hans Sigl und Ronja Forcher erzielt schon seit Jahren hohe Einschaltquoten. Foto: ZDF / Angi Leichtfried
  • Die Regisseurin Eva Wolf (nicht im Bild) inszenierte erst kürzlich ihren ersten Spielfilm ("Das Menschenmögliche" mit Alissa Jung in der Hauptrolle). Sie ist eine der beiden diesjährigen Teilnehmerinnen des ZDF-Förderprogramms. Foto: ZDF / Daniel Schmid

In der gesamten Oscargeschichte hat erst eine Frau den Academy Award für die Beste Regie gewonnen: Kathryn Bigelow erhielt 2010 die begehrteste Filmtrophäe der Welt für ihren grandiosen Kriegsfilm "Tödliches Kommando - The Hurt Locker". Anders ausgedrückt: 90-mal sind Männer mit dem Regie-Oscar prämiert worden. Auch wenn nach wie vor die Herren die Filmbranche dominieren, so kann man doch sagen, dass das unausgewogene Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Oscargewinnern in der erwähnten Kategorie mitnichten die Realität widerspiegelt. Männer wie Frauen gleichermaßen erschaffen großartige Filme - künstlerische Qualität ist keine Frage des Geschlechts.

Auch an den deutschen Filmhochschulen wird dies offenkundig, ist hier doch mittlerweile gar eine Parität erreicht. Der Anteil an weiblichen wie männlichen Studierenden ist nahezu ausgeglichen. Dass Frauen dennoch auch und vor allem hierzulande in der TV- und Filmbranche hinter der Kamera gnadenlos unterrepräsentiert sind, dürfte spätestens seit der wegweisenden Studie von Maria Furtwänglers Stiftung MaLisa bekannt sein. Exakt diese Studie gab auch den Programmverantwortlichen des ZDF zu denken, weswegen man sich dazu entschlossen hat, ein Förderprogramm in die Wege zu leiten, um Filmemacherinnen den Markt-Einstieg und den Sprung in die Primetime zu erleichtern. Im Gespräch mit Heike Hempel (54) vom ZDF wird ersichtlich, wie dies vonstattengehen soll.

"Förderprogramm" - der Begriff klingt immer ein wenig negativ behaftet. Gefördert wird schließlich nur jemand, der irgendwo Defizite aufweist. Warum muss man also Frauen in der Filmbranche überhaupt fördern? Schließlich beweisen zahlreiche Filme und Serien, dass die Damen ihren männlichen Kollegen in nichts nachstehen. Caroline Link beispielsweise gilt schon seit Jahren als Aushängeschild der deutschen Filmszene. Sie gewann mit ihrem Meisterwerk "Nirgendwo in Afrika" Anfang der 2000-er verdientermaßen den Auslandsoscar, zudem gelang ihr mit dem Hape-Kerkeling-Biopic "Der Junge muss an die frische Luft" erst kürzlich ein großer Publikums- und Kritikerhit.

Die Liste an renommierten deutschen Filmemacherinnen der Gegenwart ließe sich beliebig fortführen: Regisseurinnen wie Christiane Balthasar ("Ella Schön", "Tatort"), Sherry Hormann ("Nur eine Frau", "Wir lieben das Leben"), Maren Ade ("Toni Erdmann"), Margarethe von Trotta ("Hannah Arendt"), Katja von Garnier ("Ostwind"-Reihe) oder auch Karoline Herfurth ("SMS für dich") sind allesamt mit ihren TV- oder Kino-Arbeiten erfolgreich. Und Nora Fingscheids Debüt-Spielfilm "Systemsprenger" wurde aktuell gar ins Oscar-Rennen geschickt - eine finale Nominierung für den Academy Award in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" (ab 2020 offiziell: "International Feature Film") ist nicht ganz unwahrscheinlich.

Ein schwieriger Einstieg

Doch Heike Hempel betont, dass es Frauen gerade im TV-Bereich zunehmend schwerfalle, nach einem erfolgreichen Studium und einem ersten Spielfilmdebüt erfolgreich Fuß zu fassen. Woran liegt das? Um die Problematik zu verstehen, muss man einen genaueren Blick auf die Produktionsabläufe hiesiger TV-Sender werfen. Hempel erklärt, dass viele Formate blockweise gedreht werden - zum Beispiel Vorabendserien wie "Notruf Hafenkante" und die "SOKO"-Ableger oder auch die Primetime-Reihe "Der Bergdoktor". Ein Regisseur oder eine Regisseurin inszeniert also mehrere Folgen am Stück, back to back - das ist ökonomisch, heißt aber zeitgleich, dass man über einen längeren Zeitraum an diesem einen Projekt arbeiten muss. Doch wer sich in der deutschen TV-Branche durchsetzen will, muss wohl in den meisten Fällen den Weg über die Vorabendformate gehen.

Und genau das stellt für viele Frauen offenbar ein Problem dar. Insbesondere dann, wenn sie sich zeitgleich zum Beruf noch um den Nachwuchs kümmern oder gerade schwanger sind. "Die Strukturen waren bislang eher so, dass Frauen es weitaus schwerer hatten, diese Startrampe über das Vorabendprogramm zu nutzen - wenn man bedenkt, dass wir hier auch von der Zeit sprechen, in denen Frauen Kinder bekommen", so Hempel. Doch sie fügt an: "Das ist ein Grund für den erschwerten Einstieg, aber sicherlich nicht der einzige. Die Gründe hierfür sind komplex und nicht pauschal zu beantworten." So seien Frauen dem Mainstreammarkt gegenüber oftmals weniger aufgeschlossen als ihre männlichen Mitstreiter: "Viele Regisseurinnen trauen sich ein so enges produktionelles Korsett nicht ad hoc zu", erläutert Hempel.

Die stellvertretende ZDF-Programmdirektorin betont, dass man Frauen mit dem Förderprogramm einen schnelleren Einstieg ermöglichen wolle: "Um die Zugänge zu erleichtern, haben wir die Produktionsabläufe leicht anders gestaltet und die Drehblöcke verkürzt. Das ist mit Mehrkosten verbunden, aber machbar." Auch die Kinderbetreuung am Set sei grundsätzlich möglich. Dies müsse im Individualfall geprüft werden, sei aber bereits umgesetzt worden.

Erfahrungen sammeln

Der Einstieg über die Regie bei Vorabendserien sei nicht als Schikane gedacht, bevor man "richtiges" Fernsehen machen dürfe. Mit einem Engagement bei solchen Projekten sollen Frauen wie Männer beweisen, dass sie "der etwas industrieller geprägten Fertigung von mehreren Folgen einer Serie gewachsen sind". Hempel: "Sie zeigen damit, dass sie Druck und Verantwortung standhalten können." Dadurch werden Produzentinnen und Produzenten auf ihre Arbeiten aufmerksam und erkennen, dass sie sich auf die entsprechenden Regisseurinnen und Regisseure am Set verlassen können. Wenn man sich hier behauptet, zeige man also, dass man "Handwerk, Etat und künstlerischen Gestaltungswillen" unter einen Hut bringen kann.

Daher sieht das Förderprogramm folgendermaßen aus: Pro Jahr werden zwei bis drei Regisseurinnen ausgewählt. "Im ersten Schritt inszenieren sie dann zwei oder drei Folgen bei einer Vorabendserie, bei der sie vorher auch hospitiert haben. Und im Folgejahr drehen sie dann einen Fernsehfilm in der Primetime für uns", erläutert Hempel. Mentorinnen und Mentoren des ZDF stünden jederzeit bereit, um den Kandidatinnen "Einblicke in die internen Abläufe und die redaktionelle Arbeit" zu gewähren. 2018 startete das Programm. Damals waren es die Regisseurinnen Nina Vukovic und Constanze Knoche, die ausgewählt wurden.

Vukovic, die ihr Regiedebüt im Kleinen Fernsehspiel inszeniert hat, dreht aktuell ihre "SOKO Köln"-Episoden. Knoche, deren Debütfilm 2012 auf dem Filmfest München uraufgeführt wurde, wird im Herbst bei "Notruf Hafenkante" auf dem Regiestuhl Platz nehmen. Und auch für das laufende Jahr sind bereits zwei neue Talente bekanntgegeben worden: Eva Wolf und Franziska M. Hoenisch. Beide Regisseurinnen haben zuvor ihre preisgekrönten Debütfilme in Zusammenarbeit mit dem Kleinen Fernsehspiel inszeniert.

Gesellschaftspolitische Verantwortung

Hempel betont, dass das Förderprogramm nur "eine Zwischenstation auf dem Weg zur gleichen Teilhabe" sei. Auch andere Aspekte spielen eine Rolle. "Wenn unsere Produzentinnen und Produzenten Regisseure bei einem Projekt vorschlagen, dann müssen sie mittlerweile immer auch weibliche Kandidaten auf der Liste haben." Zudem handele es sich bei der Förderung um "keine barmherzige Sozialmaßnahme": "Wir sprechen von Regisseurinnen, die definitiv begabt sind. Uns bietet das eine Möglichkeit, diese Talente, die wir bereits im Kleinen Fernsehspiel gefördert haben, stärker ans ZDF zu binden." Und auch im Bezug auf die #MeToo-Debatte seien "gemischte Teams hinter der Kamera ein wichtiges Signal".

Der zentrale Punkt, der mit einer besseren Teilhabe einhergehen wird, sei jedoch folgender: Repräsentation. "Frauen sollen Geschichten über Frauen inszenieren und ihre eigenen Erfahrungen mit einbringen. Wir brauchen einen weiblichen Blick: Wie wirkt sich eine weibliche Sicht auf die Ausgestaltung von Frauen- und Männerfiguren aus?" Es dürfe aber nicht um eine simple Umkodierung männlicher Figuren gehen. Stattdessen sollen Frauen "in sämtlichen Berufs- und Rollenbildern" abgebildet werden - und auch so divers wie möglich: "alt, jung, dick, dünn - genau wie bei männlichen Figuren, komplett durch dekliniert".

Damit erfülle man sogar einen gesellschaftspolitischen Auftrag: "Wenn wir im fiktionalen Bereich von Frauen erzählen, die in ihrem Beruf genauso kompetent sind wie ihre männlichen Pendants, dann prägt man dadurch auch die gesellschaftliche Wahrnehmung. Menschen machen dann keinen Unterschied mehr bei der Bewertung der Kompetenz von Frauen und Männern im selben Beruf." Das schaffe im Endeffekt Sicherheit und Vertrauen und übertrage sich aufs echte Leben. Gerade in den populären Formaten sei so etwas unglaublich wichtig: "Nehmen Sie den Bergdoktor: Da erreichen wir in der Primetime sechs Millionen Zuschauer."

Markus Schu

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