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Tatort: Angriff auf Wache 08 - So. 20.10. - ARD: 20.15 Uhr

Das gesichtslose Grauen gegen Ulrich Tukur

Der Cineastik-Kurs des Hessischen Rundfunks liefert Nachschub: Nach "Und täglich grüßt das Murmeltier" wird John Carpenter geehrt. Der neue "Tatort" mit Ulrich Tukur huldigt einem Filmklassiker des 70er-Jahre-Action-Kinos.

  • Existenzialistischer Action-Tatort "Angriff auf Wache 08": Felix Murot (Ulrich Tukur) wird mit einem Häufchen Aufrechter und einem Gefangenentransport in einer eigentlich stillgelegten Polizeiwache eingeschlossen. Die Belagerer wollen sie einfach nur töten. Foto: HR / Bettina Müller
  • Zwei alte Freunde treffen sich in cineastisch auswegloser Situation wieder: Felix Murot (Ulrich Tukur, rechts) wollte seinen 80er-Jahre-Buddy Walter Brenner (Peter Kurth) in dessen Polizeimuseum besuchen. Foto: HR / Bettina Müller
  • Taffe Kollegin: Cynthia Roth (Christina Große), die ebenfalls im Polizeimuseum arbeitet, betrachtet sich das Ergebnis eines Streifschusses an ihrem Ohr. Foto: HR / Bettina Müller
  • Serienmörder Kermann (Thomas Schmauser) - Teil des Gefangenentransportes - nimmt Kontakt zu Jenny (Paula Hartmann) auf, die einen der Gangster erschossen hat und sich danach in die alte Polizeiwache flüchtete. Foto: HR / Bettina Müller
  • Warum hat sich die traumatisierte Jenny (Paula Hartmann) in das Polizeimuseum in einem verlassenen Stadtteil zwischen Frankfurt und Offenbach geflüchtet? Brenner (Peter Kurth) und Murot (Ulrich Tukur, rechts) wollen es herausfinden. Foto: HR / Bettina Müller
  • Tolle neue Paraderolle für Peter Kurth ("Babylon Berlin"): Er darf eine kaum maskierte Variante John Waynes in einem hessischen "Tatort" spielen. Foto: HR / Bettina Müller
  • Murot (Ulrich Tukur, links) will Jenny (Paula Hartmann) vor Serienmörder Kermann (Thomas Schmauser) schützen. Foto: HR / Bettina Müller
  • Murot (Ulrich Tukur) und Jenny (Paula Hartmann) werden von einer Horde blutrünstiger Verbrecher belagert. Foto: HR / Bettina Müller
  • Felix Murot (Ulrich Tukur, links) hat einen Mitstreiter, den "Schließer" Manfred (Sascha Nathan), verloren. Foto: HR / Bettina Müller
  • Eingeschlossen in Wache 08 (von links): Walter Brenner (Peter Kurth), Murot (Ulrich Tukur), Schließer Frank (Andreas Schröders) und Schließer Jörg (Jörn Hentschel). Foto: HR / Bettina Müller
  • Skurril: Drehbuchautor Clemens Meyer, eigentlich kein Schauspieler, hat sich in seinem eigenen Drehbuch für die Rolle des exzentrischen Radiomoderators Ecki besetzen lassen. Foto: HR / Bettina Müller

Dass "Tatort"-Krimis mit Ulrich Tukur immer einer verrückten Idee folgen, dass sie - ziemlich deutlich - Filmkunst zitieren oder am besten beides tun, daran hat man sich mittlerweile gewöhnt. Acht Ausnahme-Krimis in neun Jahren mit dem Ermittler Felix Murot kamen so zusammen. Zuletzt durchlebte der Kriminaler im sehr unterhaltsamen "Murot und das Murmeltier" eine quälende Zeitschleife, die an "Und täglich grüßt das Murmeltier" mit Bill Murray (1993) erinnerte. Und nun? Geht der Hessische Rundfunk im Rahmen seines Cineastik-Kurses zurück ins Jahr 1976, als John Carpenters existenzialistischer Action-Thriller "Assault - Anschlag bei Nacht" entstand. Im Original spielte Carpenter ("Die Klapperschlange", "The Fog -Nebel des Grauens") mit der dystopischen Idee des Endes einer staatlichen Ordnung. Ein Polizeirevier in einem von Banden beherrschten Gebiet von Los Angeles wird belagert und angegriffen. Die eingeschlossenen "Rechtsstaatler" sehen sich einer großen Übermacht gesichtsloser Killer und Banditen gegenüber.

Das Los Angeles der hessischen Adaption heißt Offenbach oder O-Town, wie Radiomoderator Ecki (Clemens Meyer) es im Stil eines alten amerikanischen Radio-Hosts nennt. Dass sein Sender in der Hitze des Sommers, zudem am Tag einer erwarteten großen Sonnenfinsternis natürlich auf Oldies spezialisiert ist, dürfte bei der gegebenen Plot-Gemengelage klar sein. "Wenn sich der Abschaum der Welt zusammenrottet, dann gnade uns Gott", sagt Peter Kurth in Filmminute 58 und trifft damit den philosophischen Kern dieses mal wieder ziemlich cineastisch ambitionierten Murot-"Tatorts". Eigentlich wollte der Wiesbadener LKA-Ermittler auf den Weg in den Urlaub ja nur seinen alten Freund Walter Brenner (Kurth) besuchen, den er von gemeinsamen Zeiten beim BKA während der 80-er kennt. In einer verlassenen Peripherie zwischen Frankfurt und Offenbar arbeitet Brenner mit seiner Kollegin Cynthia Roth (Christina Große) in einer stillgelegten Dienststelle, die als Polizeimuseum genutzt wird. Hier schieben zwei uniformierte Hängengebliebene Dienst für gelangweilte Schulklassen.

John Wayne lebt in Offenbach

Kaum hat Murot seinen Oldtimer auf dem Hof geparkt und den Single Malt Whiskey als Begrüßungsgeschenk ausgepackt, überschlagen sich die Ereignisse. Ein Gefangenentransport bleibt mit Reifenpanne unweit des Museums liegen, die Vollzugsbeamten wollen ihr Fahrzeug bei den Kollegen wieder flott machen. Kurze Zeit später flüchtet sich ein junges Mädchen (Paula Hartmann) ins Museum, das seinen Vater rächte, der von einer Horde blindwütiger Hessen-Banditos über den Haufen geschossen wurde. Doch die Killer verstehen keinen Spaß. Nach einem Polizei-Einsatz, bei dem drei "Familienmitglieder" ums Leben kamen, ist das gesamte Organisierte Verbrechen der Region auf Krawall gebürstet. Weil sämtliche modernen Kommunikationsmittel ausgefallen sind, sitzen die Polizisten samt Gefangenen-Transport in der Falle. Als sich der Mond immer mehr vor die Sonne schiebt, rüsten die gesichtlosen Bösewichte vor der Tür zum finalen Angriff auf Wache 08.

Das Kreativduo Clemens Meyer (Drehbuch) und Thomas Stuber (Regie, Drehbuch) hat diesen "Tatort" erschaffen. Gemeinsam ist man für preisgekrönte Kinofilme wie "Herbert" oder "In den Gängen" verantwortlich. Nach Edgar Wallace ("Das Dorf"), David Fincher ("Es lebe der Tod"), der franzöischen Nouvelle Vague ("Im Schmerz geboren") oder eben zuletzt dem "Murmeltier" haben sich die krimigedanklich frei flottierenden Tukur und Co. nun für ein John Carpenter-Special entschieden. Dass Peter Kurths Charakter dem ölteren John Wayne so ähnlich sieht, dürfte ebenfalls kein Zufall sein. Schon Carpenters "Assault" war eine Hommage an den Howard Hawks-Western "Rio Bravo" mit John Wayne und Dean Martin.

Noch ein weiterer Filmklassiker ist Tukurs jüngster Zitatschleuder verwoben. Acht Jahre vor Carpenters Film kam George A. Romeros Schocker "Die Nacht der lebenden Toten" in die Kinos, der erste Zombie-Film. Offenbar gefiel das Werk John Carpenter so gut, dass auch er die heranstürmenden Kriminellen als gesichtslose Masse ohne jegliche Todesfurcht inszenierte. Beklemmender Topos sämtlicher verwursteter Filme ist das Eingeschlossensein einer kleinen Gruppe Protagonisten durch eine blutrünstige, anonyme Masse. "Wenn dein Gegner in der Falle sitzt, gib ihm Zeit zum Nachdenken", analysiert Peter Kurth das quälende Warten auf den nächsten Angriff während der Belagerung. Ähnliches könnte man auch über den Wagemut der Tukur-"Tatorte" behaupten: Wenn die Deutschen ohnehin einschalten, nur weil ein "Tatort" kommt, dann gib ihren Gehirnen etwas zu beißen.

Eric Leimann

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