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Rückkehr in die Bretagne - Fr. 27.03. - ARTE: 20.15 Uhr

Der Umgang mit dem schlechten Gewissen

Da seine wohlhabende Großmutter seinen Traum vom Studium in Paris nicht finanziell unterstützen möchte, beschließt ein 18-Jähriger, sie zu bestehlen. Fünf Jahre nach seinem Verrat ist Colin zurück in der Bretagne, die Schuld hat ihn nie losgelassen.

  • Vor fünf Jahren war noch alles in Ordnung: Manou (Catherine Arditi) tanzt mit ihrem Enkel Colin (Anthony Bajon). Er möchte nach Paris, sie, dass er sie nicht verlässt. Foto: Philippe Lloret
  • Colin (Anthony Bajon) träumt von einer Karriere als Romanautor in der Hauptstadt. Foto: Philippe Lloret
  • Beim Familienessen sind die Spannungen greifbar: Zwischen Colin (Anthony Bajon), Claire (Charlotte Deniel), Vater Eric (Gilles Cohen), Claires Freund Matthew (Callum Houston) und Mutter Irène (Valérie Karsenti, von links) schwelen Konflikte. Foto: Philippe Lloret
  • Colin (Anthony Bajon) will mit seiner Freundin Elise (Daphné Patakia) für das Studium nach Paris ziehen. Foto: Philippe Lloret
  • Manou (Catherine Arditi) ist als Witwe einer späten zweiten Ehe sehr wohlhabend geworden. Foto: Philippe Lloret
  • Kevin (Kévin Azaïs, rechts) ist der Sohn von Manous Putzfrau und Colins Komplize. Foto: Philippe Lloret

Der Rest ihres Gesichts ist nahezu ausdruckslos, aber ihre Augen zeugen von einer tiefen Traurigkeit. Manou (Catherine Arditi) sitzt alleine im Aufenthaltsraum ihres Altersheims und blickt in die Leere, als sich außerhalb ihres Blickfelds zögerlich ihr Enkel Colin (Anthony Bajon) nähert, den sie seit fünf Jahren nicht gesehen hat. Eigentlich hätte sie allen Grund, wütend zu sein, ihn anzuschreien, aber sie wirkt fast teilnahmslos und gebrochen. Seine Ausführungen zu dem, was vor fünf Jahren ihre einst innige Beziehung scheinbar unheilbar ruinierte, bleibt ohne Reaktion.

Das behutsam erzählte Familien-Drama "Rückkehr in die Bretagne" des Regisseurs Philippe Lioret, den ARTE als Erstausstrahlung zeigt, spielt auf zwei Zeitebenen: Zum einen die Zeit, bevor der damals 18-Jährige Colin seine Großmutter bestahl, um seinen Traum vom Leben als Romanautor in Paris zu verwirklichen. Zum anderen seine Rückkehr ins beschauliche Brest, wo er aufwuchs und nun wieder auf die liebe Verwandtschaft trifft. In dem sehenswerten französischen Fernsehfilm werden nicht nur alte Wunden aufgerissen, sondern auch neue hinzugefügt.

Damals, vor dem Verrat, war noch alles gut. Gemeinsam mit seiner ersten großen Liebe Elise (Daphné Patakia) wollte Colin in die Hauptstadt, um Literaturwissenschaft zu studieren, dorthin wo das Verlagswesen floriert. Da er von seinen Eltern, die seine Lebensentwürfe nicht gutheißen, keine finanzielle Unterstützung zu erwarten brauchte, wendete er sich an seine Großmutter Manou, zu der er ein enges Verhältnis pflegte und die dank einer späten zweiten Ehe wohlhabend verwitwet ist.

Wie weit geht man für seinen Traum?

Im Gegensatz zu seinen Eltern ermunterte Manou Colin, seiner Leidenschaft nachzugehen. Da dem jungen Mann noch Ideen für weitere Kurzgeschichten fehlten, regte sie an, doch einfach die Wahrheit zu schreiben: "Die Familie und das Geld - das ist doch die Geschichte der Welt. Das wäre ein heftiger Roman", findet sie. Der Satz erweist sich später als prophetisch. Einzig die finanzielle Unterstützung für das Studium in Paris verweigerte sie Colin, vor dem Hintergrund, ihn nicht verlieren zu wollen.

Aber der 18-Jährige war fest davon überzeugt, seinem Wunschtraum zu folgen: So fest, dass er jegliche Moral über Bord warf und das Vertrauen seiner Großmutter schamlos ausnutzte: Gemeinsam mit Kévin (Kévin Azaïs), dem Sohn der Putzfrau, stahl er die fünf wertvollsten Gemälde aus ihrer Wohnung, um sich das Leben in Paris zu finanzieren. Während ihre Tochter die von ihr stets argwöhnisch beäugte Putzfrau verdächtigte, wusste Manou ganz genau, dass ihr Enkel sie bestohlen hatte. Gegenüber der Polizei und Colins Eltern schwieg sie, aber ihre Enttäuschung war grenzenlos.

Fünf Jahre später ist der erwachsene Colin zurück in Brest und stellt fest, dass seine Eltern Manou um ihr Vermögen gebracht haben. Sie sind in das Haus der alten Dame eingezogen, haben alle ihre Möbel verkauft und sie ins Altenheim abgeschoben. Trotz seiner eigenen Schuld macht er ihnen permanent Vorwürfe. Obwohl seine Mutter diese vehement abstreitet, ist ihr anzumerken, dass die Vorkommnisse nach Colins Umzug moralisch fragwürdig waren.

Keine Reue, nur Angst vor Konsequenzen

Das wird umso deutlicher, da Colin behauptet, er würde wirklich ein Buch über die Familiengeschichte schreiben. Keine echten Namen, aber die Wahrheit. Dass diese Wahrheit seine Eltern ganz und gar nicht gut darstellen würde, wird anhand ihrer aufgeregten Reaktion deutlich. Nicht aufgrund eines schlechten Gewissens, sondern aufgrund des Gesichtsverlusts. Allerdings sind sie nicht die Einzigen, für die das Erscheinen eines solchen Romans Folgen hätte: Kévin hat inzwischen ein Kind mit Elise, die entgegen ihrer Versprechungen Colin nie nach Paris gefolgt ist, und befürchtet, dass die Polizei ihm wieder auf die Schliche kommen könnte.

Unter dem Strich ist Colin in der Geschichte der Einzige mit einem ehrlichen schlechten Gewissen. Nicht seine Eltern, nicht Kévin, nicht Elise tun ihre Entscheidungen wirklich leid, sie bereuen nur mögliche Konsequenzen. Die Konsequenz die Colin zieht, lautet: sich seiner Tat zu stellen und die anderen mit ihren Taten zu konfrontieren, ohne Kompromisse.

Christopher Schmitt

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