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Tatort: One Way Ticket - Do. 26.12. - ARD: 20.15 Uhr

Diesseits und jenseits von Afrika

Arme deutsche Rentner, internationale Drogenkartelle, die Gespenster der alten DDR - und afrikanische Liebschaften: Was bitteschön ist das für ein Münchner "Tatort"?!

  • Alles beginnt mit einem Unfall: Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) glauben, dass mehr dahintersteckt. Und sie sollen Recht behalten. Foto: BR/Roxy Film/Marco Nagel
  • Der Entwicklungsexperte (Jakob Spieler) eines Münchner NGO ist tot. Schnell ist klar: Ein Unfall war es nicht, der Mann wurde auf perfide Art vergiftet. Foto: BR/Roxy Film GmbH/Marco Nagel
  • Nach dem Mord an ihrem Kollegen wird die NGO-Mitarbeiterin Amelie Seitz (Theresa Hanich) eindringlich von den Kriminalhauptkommissaren Ivo Batic (Miroslav Nemec, Mitte) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) befragt. Foto: BR/Roxy Film GmbH/Marco Nagel
  • Noch einmal das Leben spüren: Martin Endler (Siemen Rühaak) hat in Nairobi die große Liebe gefunden. Doch was für ein Spiel treibt die schöne Numa Imani (Cynthia Micas)? Foto: BR/Roxy Film GmbH/Marco Nagel
  • Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer, Mitte) prescht einige Male weit vor - nicht immer zur Freude der beiden angestammten Ermittler Batic (Miroslav Nemec, links) und Leitmayr (Udo Wachtveitl). Foto: BR/Roxy Film GmbH/Marco Nagel
  • Und plötzlich in der Knasthölle: Martin Endler (Siemen Rühaak) erleidet in Afrika Schlimmes. Foto: BR/Roxy Film GmbH/Marco Nagel
  • Heiner Hersfeld (Hans-Uwe Bauer, rechts) und seine "alten Hasen" von der NGO: In was haben sich Esther Kubat (Katja Rupé, zweite von rechts), Astrid Seyfahth (Annelies Guldner) und Ludwig Jahn (Charly Rabanser) da nur verstrickt! Foto: BR/Roxy Film GmbH/Marco Nagel
  • Mehr Traum als Wahrheit: Numa Imani (Cynthia Micas) spielt eine kleine, aber nicht unwesentliche Rolle in diesem Krimi. Foto: BR/Roxy Film GmbH/Marco Nagel
  • Die alten Seilschaften funktionieren noch wie einst in der alten DDR: Erich Becker (Hark Bohm) gibt die Anweisungen für Inge Mathes (Monika Lennartz). Foto: BR/Roxy Film GmbH/Marco Nagel
  • Er hat einen packenden Krimi gemacht, der auf abenteuerliche Weise zwischen kleinem Fernsehspiel und großem Kino changiert: Regisseur Rupert Henning (rechts, mit Charly Rabanser und Hans-Uwe Bauer, Mitte). Foto: BR/Roxy Film GmbH/Marco Nagel
  • Leiden in Afrika: Die Gefängnisszenen (Kameramann Josef Mittendorfer mit Siemen Rühaak) verfehlen ihre Wirkung nicht. Foto: BR/Roxy Film GmbH/Marco Nagel

Man wähnt sich erst mal im falschen Film: Eine exotische Schönheit in einem durchsichtigen Hauch von Tunika schreitet barfuß über einen Traumstrand - eine laszive Zeitlupensequenz, untermalt vom Rauschen der Wellen und einem ätherischen Sound wie aus einem Werbeclip für romantische Fernreisen steht am Anfang des sonst so bodenständigen Münchner "Tatorts". Am liebsten würde man Urlaub einreichen. Geübte Krimizuschauer ahnen allerdings, dass es sich bei einer solchen Ouvertüre um eine Falle handeln muss. Und sie funktioniert. Während man daheim im kalten deutschen Winter schon zu sinnieren beginnt, was es mit der südlichen Fata Morgana auf sich haben mag, wird man von einem grässlichen Verkehrsunfallgeräusch aus allen Träumen gerissen und steckt schon mittendrin in einem Fall, bei dem von sommersonnigen Verlustierungen absolut keine Rede sein kann.

Im "Tatort"-Krimi "One Way Ticket" (Buch und Regie: Rupert Henning) werden die Hauptkommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) mit einer finsteren Geschichte konfrontiert, die auf abenteuerliche Weise triste deutsche Sozialrealitäten mit hochbrisanten internationalen Verstrickungen verrührt. Dass der ambitioniert gemixte Cocktail, dessen Zutaten locker für einen neuen "James Bond 007"-Fall oder eine dieser süchtigmachenden Netflixserien gereicht hätten, dann doch "nur" nach "Tatort" schmeckt und mehr ernüchtert als berauscht, sollte nicht weiter stören. Auf jeden Fall besitzt dieser zwischen kleinem Fernsehspiel und großem Kino changierende Krimi genügend Relevanz, um seine Zuschauer nachhaltig ins Grübeln zu bringen - nicht etwa über die nächste Traumreise oder die schönsten Bond-Girls aller Zeiten, sondern über das karge Dasein, das einen hierzulande gemeinhin als Pensionär erwartet.

Rentner als Kuriere der Drogenmafia?

Wir wissen ja spätestens seit Norbert Blüm: Die Rente ist sicher ... für viele zu klein. Dass es vorne und hinten nicht reicht, macht manch einen zum willfährigen Handlanger respektive Opfer von Kriminellen. Erst recht gefährlich wird es, wenn zur finanziellen Not vielleicht auch noch ein letztes Aufkeimen der Lust nach Freiheit, Abenteuer und großer Liebe dazukommt.

In diesem Fall sind es ehemalige Mitarbeiter einer NGO, die Hilfsprojekte für Afrika organisiert: Die in jeder Hinsicht unauffälligen Pensionäre lassen sich von einem global operierenden Schmugglerkartell in Ostafrika für perfekt durchorganisierte Kurierdienste bezahlen. Als ein angesehener Entwicklungsexperte in München ermordet wird, deuten die Ermittlungen schnell auf einen Zusammenhang hin. Aber was und wer steckt da bitteschön noch alles dahinter? Immerhin wurde der NGO-Mann von einem afrikanischen Pflanzengift getötet, das einst "gerne" von Agenten des HVA (Auslandsgeheimdienst Hauptverwaltung Aufklärung), dem Auslandsnachrichtendienst der DDR, eingesetzt wurde. Im fernen Kenia landet währenddessen einer aus der umtriebigen Seniorengang plötzlich in der Knasthölle: Martin Endler (Siemen Rühaak) träumte von Geld und Liebe und muss nun um sein Leben bangen.

Mehr darf man ohne, wie es auf gut Streaming-Deutsch heißt, zu spoilern, gar nicht verraten. Batic, Leitmayr und ihr diesmal arg nassforscher junger Kollege Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) wühlen sich in bewährter Manier hinein in diesen für ein paar bayerische Kriminaler eigentlich drei Nummern zu komplexen Fall, der einen absurden Bogen spannt und mit für "Tatort"-Verhältnisse spektakulärer Internationalität aufwartet. Der Hintergrund der Isar-Episode reicht vom einstigen HVA-Hauptquartier in der Berliner Normannenstraße bis zum Brutalo-Gefängnis in Nairobi. Das bringt faszinierende Kulissen und spannende Kontraste mit sich, und, ja, auch die geheimnisvolle Schöne vom Strand aus der Anfangssequenz (Cynthia Micas) wird noch eine kleine, aber weiß Gott nicht ungravierende Rolle spielen. Was für eine Geschichte! - Die sich jedoch, das darf nicht verschwiegen werden, an wahren Begebenheiten orientiert. Rentner als Kuriere für Verbrecherorganisationen - da gibt es zahlreiche überlieferte Fälle.

Dass da einiges wirkt wie vom Papier weg aufgesagt und frei nach Wikipedia recherchiert, liegt auf der Hand. Wir sind nun mal nicht bei Netflix, sondern beim Münchner "Tatort". Und der hatte immer seine besten Momente, wenn die zentralen Figuren ganz bei sich sind. So wie am Ende dieses über weite Strecken bedrückenden Films. Da hebt ein nachdenklicher Batic im Dialog mit seinem Lieblingskollegen zentnerschwer an: "Sag mal Franz, fühlst du dich eigentlich auch manchmal ... woaßt scho'?" - "Was?", entgegnet Leitmayr mit leerem Gesichtsausdruck trocken. "Willst du mir was sagen?" Batic' Antwort: "Nein überhaupt nicht. Ich will dir gar nichts sagen. Wenn ich dir was sagen wollen würde, würde ich es dir einfach sagen." Wenige Augenblicke später beendet Leitmayr das Geplänkel unter ziemlich besten Freunden auf seine Art: "Dieses Gespräch geht mir auf den Geist!" Ach, man muss sie einfach lieben, diese beiden, die wie keine Zweiten sind in ihrem Metier.

Inspiriert von realem Fall

Filmemacher Rupert Henning, der auch für einige starke ORF-"Tatort"-Krimis verantwortlich zeichnet, erklärt im Interview mit dem BR in launigen Worten, was ihn diesmal inspiriert hat: "Wenn einer eine Reise tut, kann er bekanntlich was erzählen. Manchmal ist allerdings Schweigen angesagt - zum Beispiel dann, wenn sein Koffer einen doppelten Boden besitzt und der Inhalt ihn Kopf und Kragen kosten kann. Das war mein Ausgangspunkt für 'One Way Ticket' - die Lektüre eines sehr interessanten und bewegenden Artikels über einen deutschen Rentner, der jahrelang für ein afrikanisches Drogenkartell als Kurier gearbeitet hatte." Die Moral von der Geschicht' ist nichts Neues: Für deutsche Rentenempfänger gibt es eher selten Traumstrände!

Frank Rauscher

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