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ARD zeigt TV-Doku "Leonora: Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor"

"Du musst es ertragen, die ganze Zeit": Wenn die eigene Tochter zum IS geht

2015 entschied sich das Mädchen Leonora dazu, sich dem IS in Syrien anzuschließen. Was hat das mit ihrer Familie gemacht? - Die bewegende Dokumentation "Leonora: Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor" blickt nun zurück auf Jahre des Bangens und Wartens.

  • Gemeinsam mit zwei weiteren Frauen heiratete Leonora Messing Nihad Abu Yasir alias Martin Lemke. Die Dokumentation "Leonora: Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor" zeigt ihr offizielles Hochzeitsfoto. Foto: NDR / Privat
  • Maik Messing will seine Tochter Leonora wiedersehen. Doch er hat auch Zweifel. "Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, wen ich ins Haus hole. Vier Jahre IS, vier Jahre Propaganda, das hinterlässt Spuren." Foto: NDR / Privat
  • Vor vier Jahren entschied sich Leonora Messing, sich dem IS in Syrien anzuschließen. "Vielleicht lag es an meinem Alter, dass ich so ein bisschen Revolution machen wollte. Ich habe mich für das Krasse interessiert", erklärte sie. Foto: NDR / Privat
  • Für Leonoras Vater Maik begann mit ihrem Weggang eine quälende Zeit: "Du willst dein Kind nicht verlieren, obwohl du es eigentlich schon verloren hast, du willst den Kontakt nicht gefährden und du musst es ertragen. Die ganze Zeit. Und trotzdem dein Leben leben." Foto: NDR / Privat

Abwarten - viel mehr kann der Bäcker Maik Messing nicht tun. Vor vier Jahren, 2015, ist seine damals 15-jährige Tochter Leonora plötzlich unerwartet verschwunden, um sich der Terrormiliz "Islamischer Staat" in Syrien anzuschließen. Per Handynachricht teilte ein unbekannter Mann ihm mit, sie habe sich für Allah entschieden und sei nun im Islamischen Staat. Jener Mann entpuppte sich als Nihad Abu Yasir, der Leonora und zwei weitere Frauen heiratete. Bürgerlich heißt der Mann Martin Lemke und arbeitete im Geheimdienst der Terroristen. Für Maik, den Vater daheim, begann eine Zeit voller Angst und Ungewissheit: Wo steckt seine Tochter, was passiert mit ihr? Und wie kann man als Vater mit so etwas umgehen? Das Erste erzählt nun Maik Messings Geschichte. Für die aufwühlende Dokumentation "Leonora - Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor" (am heutigen Montag, 9. September, 22.50 Uhr) begleitete ein Reporterteam Maik durch die dunkelste Phase seines Lebens.

"Dein eigenes Kind geht lieber zu Terroristen, als bei dir zu sein, und findet das auch noch cool." - Für Maik Messing war der Weggang seiner Tochter ein großer Schock, Vorwürfe plagten ihn. Die Monate danach kämpfte er mit den immer wiederkehrenden Fragen in seinem Kopf: "Warum? Weshalb? Wieso?" - Immerhin: Per Handy blieb Maik mit seiner Tochter in Kontakt, doch sie hielt sich in Syrien auf - mitten im Bürgerkrieg.

Der Film bleibt nah dran an dem verzweifelten Vater, seinen Fragen und der Suche nach der Tochter. Um die damalige Lage in den Kriegsgebieten vor Augen zu führen, werden zudem immer wieder kurze prägnante Nachrichtenausschnitte aus der "Tagesschau" gezeigt. Leonoras Geschichte wird in der Dokumentation chronologisch von 2015 bis heute durcherzählt, was den Beitrag mithin zu einer hochspannenden Angelegenheit geraten lässt. Leonoras Sprach- und Textnachrichten wie auch Bilder, die sie mit Maik austauscht, werden eingeblendet, aber der Zuschauer wird auch mit Ausschnitten aus IS-Propagandavideos konfrontiert.

"Islam war dann so Trend"

Die Frage, wie es Leonora geht, kann der Beitrag zumindest im Ansatz beantworten. Sie ist inzwischen mit ihrem Mann und den zwei Kindern, die sie mit ihm hat, aus dem gefährdeten Gebiet geflüchtet. Aus einem Camp in Nordsyrien berichtet sie vor der Kamera von ihren Erfahrungen im IS und spricht vage über ihre Beweggründe. "Vielleicht lag es an meinem Alter, dass ich so ein bisschen Revolution machen wollte. Ich habe mich für das Krasse interessiert", erklärt sie dem Reporter Volkmar Kabisch ihre damalige Begeisterung für den Islam. "Islam war dann so Trend, sag ich mal. Man hat gemerkt, in Deutschland konvertieren viele zum Islam." Umgeben von strengen Regeln, Luftangriffen, einem brutalen IS und zickigen Ehefrauen habe der Teenager aus Deutschland nach ein paar Wochen jedoch eingesehen, in welche Lage sie sich durch ihre Entscheidung manövriert hatte. Gleichzeitig ließ der Vater daheim nichts unversucht. Maik traf sich mit Menschenschmugglern, die seine Tochter aus dem Kriegsgebiet schleusen sollten. Doch die Versuche scheiterten. Und erneut hieß es für Maik: abwarten.

Manchmal wusste Maik nicht mal, ob seine Tochter noch lebt oder nicht. Immer wieder wird in dem berührenden Beitrag deutlich, welche Qual das ständige Hin und Her für ihn und seine kleine Familie darstellte. "Du willst dein Kind nicht verlieren, obwohl du es eigentlich schon verloren hast, du willst den Kontakt nicht gefährden, und du musst es ertragen. Die ganze Zeit. Und trotzdem dein Leben leben", schilderte er. Neben der Aufarbeitung der politischen Lage in Syrien in den letzten Jahren gibt die bisweilen aufreibende ARD-Dokumentation einen Einblick, was es bedeutet, wenn man sein Kind auf diese Weise verliert. Der Film zeigt aber auch, wie Maik seinen Alltag trotz der unaufhörlichen Gedankenkreisel im Kopf meisterte.

Inzwischen, so bekennt der Vater, sieht er einer möglichen Rückkehr von Leonora zwiegespalten entgegen. "Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, wen ich ins Haus hole. Vier Jahre IS, vier Jahre Propaganda, das hinterlässt Spuren", so der Bäcker. "Sie war damals sehr, sehr jung, sie ist sicherlich verführt worden. Aber sie hat sich auch gerne verführen lassen." Bis heute sind die beiden noch nicht aufeinandergetroffen. Für Maik heißt es also weiterhin: abwarten ...

Sarah Kohlberger

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