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Tatort: Die Pfalz von oben - So. 17.11. - ARD: 20.15 Uhr

Ein "Tatort"-Skandal zum Dienstjubiläum

Zum 30-Jahre-Jubiläum Lena Odenthals setzte der SWR eine fast schon poetische Idee in Szene: Die Ermittlerin kehrt zu einem 28 Jahre alten Tatort und ihrem damaligen Mitspieler Ben Becker zurück. Der Krimi "Tod im Häcksler" von 1991 löste einen der größten Skandale in der Geschichte des Formats aus.

  • Nach 28 Jahren wieder in den alten Rollen vereint: Zum 30-jährigen Dienstjubiläum schenkte der SWR seiner Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) eine "Rückkehr" zum skandalumwitterten "Tatort: Tod im Häcksler" von 1991. Spielpartner damals wie heute: Ben Becker. Foto: SWR / Benoît Linder
  • Während ihrer Ermittlungen im Pfälzer Dorf Zarten trifft Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ihre alte Liebe Stefan Tries (Ben Becker) wieder. Aus dem jungen, engagierten Dorfpolizisten ist ein desillusionierter Provinz-König geworden. Foto: SWR / Benoît Linder
  • Nostalgischer "Tatort": Erinnerungen an "Tod im Häcksler" von 1991 (Bild) werden im neuen Fall "Die Pfalz von oben" hineingeschnitten. Die Darsteller Ulrike Folkerts und Ben Becker sind auch 2019 wieder mit von der Partie. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Die junge Polizistin Britta Fies (Maria Dragus) fühlt sich im Zartener "Cop Land" latent unwohl. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Einer der seltenen Out-of-Area-Einsätze im Ludwigshafener "Tatort": Die Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, links) und Johanna Stern (Lisa Bitter) haben sich mit ihrem Team auf einer alten Kegelbahn im Pfälzer Dorf Zarten eingerichtet. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Welche Agenda treibt den Polizeidienststellenleiter Stefan Tries (Ben Becker) an, der im Dorf Zarten offensichtlich das Sagen hat? Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Stefan Tries' Stellvertreter Ludger Trump (Thomas Loibl) macht sich bei Lena Odenthal verdächtig. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Das Zartener "Cop Land" beerdigt einen erschossenen Kollegen. Die Uniformierten (von links) Britta Fies (Maria Dragus), Ludger Trump (Thomas Loibl) und Nicolay (Till Wonka) sagen "adieu". Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Auch eine Reminiszenz an den Häcksler darf nicht fehlen: Tommy Meurer (Moritz Knapp, links) will nicht von der Polizei befragt werden und fährt davon, bevor Lena Odenthal mit ihm und seinem Vater (Matthias Breitenbach) reden kann. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Was ist faul im Staate Zarten? Stefan Tries (Ben Becker, links) ist sauer, denn sein gesamtes Revier einschließlich Stellvertreter Trump (Thomas Loibl) ist in Lena Odenthals (Ulrike Folkerts) Ermittlungsfokus geraten. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Der alten Zeiten willen: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Stefan Tries (Ben Becker) schwelgen in Erinnerungen. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg
  • Zwei unterschiedlich gealterte Cops: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) hat Karriere in der Stadt gemacht. Stefan Tries (Ben Becker) ist in seinem Dorf geblieben. Nach 28 Jahren sehen sich die beiden wieder. Foto: SWR / Jacqueline Krause-Burberg

Normalerweise freuen sich Bewohner entlegener, dünn besiedelter Landstriche, wenn bei ihnen ein Film gedreht wird. Endlich mal was los im Dorf! Doch als die SWR-Filmschaffenden 28 Jahre nach dem Skandal-Film "Tod im Häcksler" (1991) wieder auf die pfälzische Gemeinde Rathskirchen zukamen, um dort einen zweiten "Tatort" zu drehen, winkte die Dorfgemeinschaft ab. Man muss es verstehen. In "Tod im Häcksler", dem damals dritten Fall der blutjungen Kommissarin Lena Odenthal, treibt ein geldgieriger Mob von Dorfbewohnern einen Spätaussiedler in den Tod. Als "pfälzisch Sibirien" wird das fiktive Örtchen Zarten im Film bezeichnet.

Der einzige "Tatort" des heutigen UFA-Chefs Nico Hoffmann löste damals wütende Proteste Einheimischer aus, die einen ganzen Landstrich verunglimpft sahen. Auf politischen Druck und Sendergeheiß musste Odenthal-Darstellerin Ulrike Folkerts damals eine Wanderung mit Minister Rainer Brüderle durch die Westpfalz unternehmen, in der sie sich von der Schönheit und den Qualitäten der Region zu überzeugen hatte.

Es hat also etwas, wenn der SWR zum 30-Jahre-Jubiläum der dienstältesten "Tatort"-Kommissarin nach Zarten zurückkehrt - auch wenn dieses Zarten nun an einem anderen pfälzischen Drehort stattfindet. Der einst engagierte Dorfpolizist Stefan Tries (damals wie heute: Ben Becker) ist zum gealterten Dienststellenleiter mit Wampe und traurigem Blick mutiert. Ein Provinzkönig, der zwar immer noch die alte Sensibilität in sich trägt, die einst zu einer romantischen Verbindung zwischen ihm und Lena Odenthal führte, dessen Moral und Lebensmodell aber scheinbar haltlos in der Pfälzer Winterluft herumwabert.

Als ein junger Polizist aus Tries' Dienststelle bei einer Verkehrskontrolle vom Fahrer eines LKW erschossen wird, ziehen Lena Odenthal, Johanna Stern (Lisa Bitter) und weitere Ludwigshafener Ermittler in Zartener Fremdenzimmer ein und funktionieren eine alte Kegelbahn zu ihrer Zentrale um. Weil das Organisierte Verbrechen mit dem Fall zu tun haben scheint, wird die Sache als eine Nummer zu groß für die örtlichen Behörden betrachtet. Bald wird klar: In Zarten scheint sich die Polizei ihr eigenen Süppchen in Sachen Recht und Gerechtigkeit zu kochen.

Nein, es ist kein Spoiler, wenn man verrät, dass die Zartener Polizei - übrigens erstaunlich üppig besetzt für so einen solchen Provinz-Außenposten - nicht ganz koscher ist. Drehbuchautor Stefan Dähnert, der auch den ersten Film "Tod im Häcksler" schrieb, deutet dies gleich in den ersten Szenen an. In seiner Pfalz-Rückkehr arbeitet der 58-jährige Autor ("Tatort: Wegwerfmädchen") mit Motiven des Filmklassikers "Cop Land" (1997), in dem Silvester Stallone, Harvey Keitel und Robert De Niro zu großer Form aufliefen. Sogar der alte Spruch von "pfälzisch Sibirien" wird im neuen "Tatort" noch einmal zitiert. Die Anspielungen finden jedoch auf eine Art und Weise statt, dass die Proteste diesmal ausbleiben sollten. "Die Pfalz von oben" ist vor allem ein Film übers Altern in der Provinz, über den Verlust von Träumen und der Modellierung schicker Reihenhäuser sowie der "Einnahme" von Drogen und sexueller Beziehungsdeals als Trostpflaster für ein Leben ausbleibender Höhepunkte.

Dass diese Geschichte auch anderswo stattfinden könnte, dass bei weitem nicht alle Menschen hier schlecht oder korrupt sind - auch hier bemüht sich das Drehbuch sowie die Regie von Brigitte Bertele um eine differenziertere Darstellung als im verstörenden Mob-Märchens von 1991. Wer sich selbst ein Bild machen möchte: "Der Tod im Häcksler" wurde am Samstag, 2. November, 20.15 Uhr, im SWR-Fernsehen wiederholt. Gefolgt von der Doku "Die Geschichte des Häckslers" (21.35 Uhr), in der noch einmal der Chronik eines der größten "Tatort"-Skandale nachgespürt wird. Beide Filme sind nach Ausstrahlung sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Nun ist nicht alles an Lena Odenthals Geburtstags-"Tatort" geglückt. Nach einem gut erzählten, stimmungsvollen Auftakt geraten Autor Dähnert manche Handlungsfäden etwas vordergründig - und es sind auch zu viele Figuren und Geschichten, die er in knapp 90 Minuten erzählen will. Trotzdem überwiegen die Stärken. Das Zusammenspiel von Folkerts und dem sehr anrührend agierenden Ben Becker ist voll zärtlich-sensibler Nostalgie. Dazu schaffen die Bilder Brigitte Berteles, die schon in ihrem 2014 mit dem Grimmepreis gekürten Film "Grenzgang" sehr poetisch und facettenhaft aus der Provinz erzählte, ein reizvolles Ambiente für die Geschichte der beiden so unterschiedlich gealterten Ermittler.

"Die Pfalz von oben" ist ein würdiger Jubiläumsgruß für einen "Tatort"-Standort, der oft mehr wollte, als ihm gelang, der aber seine Ambitionen nie aufgab. Auch das ist: Altern in Würde.

Eric Leimann

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