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"Die Geschichte eines Abends"

"Eine schöne Endstation": Was Olli Schulz im Seniorenheim erlebte

Der Sänger, Moderator und Schauspieler Olli Schulz besuchte im Rahmen des NDR-Formats "Die Geschichte eines Abends" eine Seniorenresidenz in Hamburg. Menschen wie Frau Friedmann (81), Herr Reimer (98), Herr Zielke (97) und Frau Stark (91) zeigen darin eindrucksvoll, dass jedes Leben auch im höchsten Alter von einmaligem Wert ist.

  • Die vier Gäste von Olli Schulz (46) sind fast alle doppelt so alt wie er. Wie schnell gewöhnen sich die beiden Seiten aneinander? Foto: NDR / Daniel Bremehr
  • Herr Reimer (98) hat fast 100 Jahre deutsche Geschichte erlebt. Vor einer Fernsehkamera aber stand er noch nie. Sein Rat für ein glückliches Leben: "Gerade sein, ehrlich sein, nicht hinter dem Rücken über andere reden und sich nicht zu lange ärgern, wenn mal etwas schief läuft." Foto: NDR / Daniel Bremehr
  • Olli Schulz (46) verbringt einen Abend mit alten Menschen in einem Seniorenheim. Das Konzept des NDR-Formats "Die Geschichte eines Abends": keine Promis, keine Kosmetik, lieber "viermal über 80". Foto: NDR / Daniel Bremehr
  • Witziger Einfall: Frau Friedmann (81) hat früher auf Turnieren getanzt. Olli Schulz hat noch nie einen Tanzkurs besucht, dafür kann er Spagat. Foto: NDR / Daniel Bremehr
  • Zwischendurch Zigarettenpause im Hof des Seniorenheims, bei der Olli Schulz immer wieder Pflegerinnen trifft und mit Ihnen über ihre täglichen Erfahrungen mit Vergänglichkeit spricht. Foto: NDR / Daniel Bremehr

"Alt werden, das ist so ein verschwommener Bereich für mich. Und wenn ich ehrlich bin, wollte ich gar nicht so genau wissen, wie das funktioniert. Das war eine Tabu-Ecke für mich", erklärt Olli Schulz gleich zu Beginn dieses Films, einer neuen Folge des NDR-Formats "Die Geschichte eines Abends". Zu sehen ist der Beitrag am Freitag, 6. Dezember, im NDR-Fernsehen. Leider zu sehr später Stunde, um 00.00 Uhr. Eigentlich schade für diese sehr bemerkenswerten 45 Minuten.

In der "Seniorenresidenz am Wiesenkamp" in Hamburg-Volksdorf stellt sich Schulz seinem Tabuthema. Bei einer Zigarettenpause erzählt er anwesenden Pflegerinnen der Einrichtung sehr sensibel vom frühen Tod seines besten Freundes. Nachdenklich bläst der 46-Jährige den Qualm seiner Zigarette in die Nachtluft. Dabei hatte der Hamburger im großzügig angelegten Speisesaal der Residenz doch gerade erst gelernt, wie jedes Leben auch im höchsten Alter noch immer einmalig ist.

Anders als in früheren Sendungen von "Die Geschichte eines Lebens" zuvor mit Dirk Stermann oder zuletzt mit Charlotte Roche und Lars Eidinger spricht Schulz nicht mit prominenten Gästen. Die Teilnehmer seiner illustren Runde heißen "Frau Friedmann" und "Frau Stark", mit dabei sind auch die Herren Reimer und Zielke. Sie allesamt eint, dass sie in der Seniorenresidenz seit leben - mitunter seit Jahren. Die Herren und Frauen Senioren sind zwischen 81 (Frau Friedmann) und 98 Jahre (Herr Reimer) alt. Und sie waren noch nie zuvor vor TV-Kameras oder sogar in einer Fernsehsendung.

Umso erfrischender ist es, wenn diese nunmehr sehr erfahrenen Menschen nicht nur Olli Schulz dessen Angst vor Verlust spürbar nehmen können. Und manchem Zuschauer wohl auch ein wenig die Furcht vor dem Alter. Herr Zielke etwa erzählt, dass er eine weitere Chemo-Behandlung abgebrochen hat. Dennoch gehe es ihm nach eigener Aussage sehr gut. Ach ja, dass er in der Seniorenresidenz weilt, habe einen einfachen Grund. Zielke: "Knie und Treppe konnten sich nicht mehr vertragen."

Schulz bleibt bei seinen Fragen einfühlsam. Ihn zeichnet in großer Runde aber auch aus, dass er eigentlich rotzfrech einen Song über seine Erfahrung beim Saunaaufguss am Seniorentag zusammen mit 40 Rentnerinnen und Rentnern singt. Alle Anwesenden im Saal lachen über das "lustige Lied". Und auch wenn hier durchaus schwere Themen wie der Krieg angesprochen werden (Herr Reimer: "Ich war da drin in Stalingrad, ich hab's überlebt. Weil die Russen mir geholfen haben."), bleiben Schulz' sehenswerte 45 Minuten im Seniorenheim ein großartiges Stück Hoffnung.

"Gerade sein, ehrlich sein"

Sagen wir's, wie es ist: Das Älterwerden mag durchaus beschissen sein. Herr Reimer etwa klagt darüber, wie sehr der Körper sich verändere. Durchtrainierte Arme wie früher, die wohl an Schraubstöcke erinnerten, habe der 98-Jährige längst nicht mehr. Frau Stark lacht ihn dazu an: "Ja, die sind wabbeliger geworden", so ihre Feststellung. Verdruss aber ist nicht zu spüren und zu sehen. Das mag auch an einer Botschaft von Frau Friedmann liegen, die nach dem Tod ihres Mannes im Seniorenheim einen neuen Partner gefunden hat. Sie sagt: "Liebe ist in jedem Alter ein Motor, der alles besser, leicht, schöner erscheinen lässt." Vielleicht ist aber auch die nüchterne Feststellung von Frau Stark, die dieses hoch authentische Format so erstaunlich angenehm und eingängig macht. Die 91-Jährige erzählt mit entwaffnend klarer Erkenntnis: "Im Grunde ist das hier eine Wartestation. Manche bezeichnen das Heim auch als Endstation. So ist das wohl auch. Aber es ist eine schöne Endstation."

Herr Reimer hat fast 100 Jahre deutsche Geschichte erlebt. Sein Rat für ein glückliches Leben bleibt beim Zuschauer wohl noch lange im Gedächtnis haften: "Gerade sein, ehrlich sein, nicht hinter dem Rücken über andere reden und sich nicht zu lange ärgern, wenn mal etwas schief läuft." Ein Stück Fernsehen, das im wahrsten und besten Sinne des Wortes "seniorengerecht" ist.

Andreas Schoettl

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