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Land der Einzelkinder - Di. 22.10. - ARTE: 20.15 Uhr

"Ich werde für die vielen Abtreibungen büßen müssen"

Die chinesisches Filmemacherin Nanfu Wang wurde in der Zeit der Ein-Kind-Politik Chinas geboren. In ihrer Dokumentation blickt sie zurück auf eine Entscheidung der kommunistischen Regierung, die vor allem bei vielen Frauen für unendliches Leid gesorgt hatte.

  • Die Regisseurin Nanfu Wang wurde wie unzählige Chinesen von der Ein-Kind-Politik ihres Landes traumatisiert. Selbst nunmehr eine Mutter kehrte sie nach China zurück, um die verheerenden Folgen der früheren chinesischen Politik aufzuarbeiten. Foto: ARTE / Yuanchen Liu
  • Nanfu Wang (Mitte), hier als Kind mit ihren Eltern, entdeckt in ihrer Familie, welche ungeheuren Entscheidungen getroffen werden mussten, um die harten Strafen der Ein-Kind-Politik zu umgehen. Foto: ARTE / Nanfu Wang
  • Trotz der Ein-Kind-Politik wuchs Nanfu Wang mit einem jüngeren Bruder auf. Wäre das Kind damals kein Junge geworden, die Familie hätte es wohl ausgesetzt. Foto: ARTE / Nanfu Wang
  • Staatlich geförderte Entführungen, Zwangsadoptionen und der Handel mit Babys waren keine Seltenheit während der Ein-Kind-Politik. Die Organisation Research-China versucht, adoptierte Kinder mit ihren leiblichen Eltern in China in Kontakt zu bringen. Foto: ARTE / Yuanchen Liu

Von 1979 zunächst auf Provinzebene und 1980 auf nationaler Ebene eingeführt, galt in China bis 2015 die Ein-Kind-Politik. Die Regierung des Landes versuchte damit einem nach 1949 explosionsartigen Bevölkerungswachstum entgegenzuwirken. Aus Sicht der Kommunistischen Partei mag dieses Bestreben gelungen sein. Am Tag, als China 2015 seine Geburtenkontrolle für beendet erklärte hatte, verkündete die Regierung noch: "Die Ein-Kind-Politik hat dem Land mehr Macht, dem Volk mehr Wohlstand und der Welt mehr Frieden beschert." Millionen von Menschen in dem Riesenreich in Fernost können diese Worte purer Propaganda nur als weiteren Schlag ins Gesicht empfunden haben. Die neue Doku "Land der Einzelkinder" zeigt: Sie litten schwer unter der von der Regierung gesteuerten strikten Familienplanung. Massive Staatspropaganda und die Androhung harter Sanktionen und Strafen führten zu Zwangsabtreibungen bis spät in die Schwangerschaft, Sterilisation und aus Verzweiflung ausgesetzte Kleinkinder. Betroffene leiden noch heute unter schweren Traumata.

Die in die USA ausgewanderte Regisseurin Nanfu Wang kam 1985 in der chinesischen Provinz zur Welt. Und sie durfte leben. Millionen anderer Kinder erblickten hingegen nicht das Licht der Welt. Wang, nunmehr selbst Mutter eines kleinen Kindes, kehrte für ihren aufwühlenden Film nach China zurück, um die dramatischen Folgen jener Ära aufzuarbeiten. In ihrem Heimatdorf trifft sie unter anderem die Hebamme Huaru Yuan. Bei wie vielen Geburten sie hilfreich zur Seite stand, weiß sie nicht mehr. Sie weiß aber, was sie getan hat: "Ich habe zwischen 50.000 und 60.000 Abtreibungen und Sterilisationen vorgenommen. Ich habe Babys getötet. Viele waren schon im siebten oder achten Monat und lebten noch nach dem Eingriff." Die schrecklichen Bilder aus der Vergangenheit habe sie noch im Kopf, so Yuan. Dass sie über diese hinwegkommen werde, glaubt sie nicht mehr. "Was man gesät hat, wird man ernten. Und ich werde für die vielen Abtreibungen büßen müssen", eröffnet sie ihre Erwartungen nach dem irdischen Dasein.

Stur in der Befehlskette

Damals Verantwortliche für Abtreibungen und Sterilisationen wie Hebamme Yuan oder ein ehemaliger Dorfvorsteher, der die Zerstörung der Häuser von widerspenstigen Paaren veranlasst hatte, berufen sich auf die damalige Befehlskette. "Verordnung ist Verordnung. Was blieb uns anderes übrig?", erinnert sich das Parteimitglied.

Tatsächlich waren die Menschen in China während der Zeit der unerbittlichen Ein-Kind-Politik auch einer massiven Propaganda ausgesetzt. Originalaufnahmen aus dem früheren Staatsfernsehen zeigen beispielsweise einen kleinen Knirps, der zu einem einfachen Kinderlied folgenden Text singen musste: "Wenn du ein zweites Kind bekommst, dann verstößt du gegen das Gesetz. Dann kommen sie und holen dich. Wenn du dich versteckst, dann landest du im Gefängnis."

Die Propaganda ging sogar soweit, dass sie sich beispielsweise 1998 offiziell im Staatsfernsehen dafür feiern ließ, mehr als 300 Millionen Geburten verhindert zu haben. Im Bild erschien damals die Familienplanungsbeauftragte Shuqin Jiang. Im Gespräch mit Regisseurin Nanfu Wang zeigt sie anders als Hebamme Yuan keine Reue. Ganz im Gegenteil! Auch sie habe massenweise Abtreibungen durchgeführt, bei denen nach ihrer Aussage einige Frauen während des Eingriffs "verrückt" geworden wären. Jiang aber sagt, sie würde das gleiche wieder machen. Und sie schockt mit der Aussage: "Unsere Vorsitzenden waren Propheten. Ohne die Ein-Kind-Politik wäre unser Land untergegangen."

Andreas Schoettl

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