MyMz

"Nocturama" - Mo. 10.02. - ARTE: 22.15 Uhr

Jugend auf Abwegen

Das unkonventionelle Thriller-Drama "Nocturama" erzählt von einer Gruppe Jugendlicher, die in Paris mehrere Anschläge verübt. Die genauen Motive der Teenager bleiben allerdings schwammig.

  • In Paris wird eine Gruppe Jugendlicher zu Attentätern. Foto: Carole Bethuel/Rectangle Productions/Wild Bunch/Pandora Film Produktion/ARTE F Cinema/Arte Deutschland
  • In einem Luxuskaufhaus treffen sich die Attentäter wieder. Dort locken die Versuchungen des Kapitalismus. Foto: Carole Bethuel
  • Der Blick auf die Welt: Die Teenager verspüren eine diffuse Wut auf die Gesellschaft. Foto: Carole Bethuel/Rectangle Productions/Wild Bunch/Pandora Film Produktion/ARTE F Cinema/Arte Deutschland
  • Die jungen Attentäter kommen aus unterschiedlichen Schichten und Kulturkreisen. Was verbindet sie? Foto: Carole Bethuel/Rectangle Productions/Wild Bunch/Pandora Film Produktion/ARTE F Cinema/Arte Deutschland
  • Die Metro als Treffpunkt: In den Zügen kommen die Jugendlichen unbemerkt zusammen. Foto: Carole Bethuel
  • Was bewegt Jugendliche wie Sarah (Laure Valentinelli) Anschläge zu verüben? Foto: Carole Bethuel/Rectangle Productions/Wild Bunch/Pandora Film Produktion/ARTE F Cinema/Arte Deutschland

Im Sommer 2016 waren die Anschläge von Paris und Nizza noch äußerst präsent im kollektiven Gedächtnis Frankreichs. Ausgerechnet dann kam Bertrand Bonellos Thriller "Nocturama" in die Kinos, der von einer Gruppe junger Menschen erzählt, die in Paris an symbolischen Orten eine Reihe von Anschlägen verüben. Der Regisseur gab sich Mühe, zu betonen, dass das Drehbuch bereits Jahre zuvor entstand und man den Film sowieso im fiktionalen Raum des Kinos betrachten müsse. Eindeutige Gründe für die Taten und eine Analyse der Fanatisierung liefert das Thriller-Drama allerdings nicht, was durchaus irritierend ist. Andererseits hebt sich der Film auf diese Weise auch spürbar - und manchmal wohltuend - von angestaubten Genre-Mustern ab.

Irgendetwas liegt in der Luft. Das ist schon in den ersten Szenen, die ohne Dialoge auskommen, mit Händen zu greifen. Einige Jugendliche sitzen in der Metro, wechseln die Bahn, tauschen kurze, angespannte Blicke aus, verlassen den Untergrund, werfen Handys in Mülleimer, steuern zielstrebig bestimmte Gebäude an und tragen Pakete durch die Straßen der französischen Metropole. Dass die Teenager, zwischen denen Bonello immer wieder hin- und herspringt, zusammengehören, zeichnet sich langsam ab. Ebenso wie die Vermutung, dass etwas Unheilvolles im Gange ist.

Unterschiedliche Backgrounds - Gemeinsames Ziel

Die Aktionen werden präzise ausgeführt, sind offenbar minutiös geplant. Und ständig gibt es Zeiteinblendungen, die einen undefinierten Countdown einzuläuten scheinen. Beinahe dokumentarisch zeichnet "Nocturama" die Vorbereitungen nach, erzeugt aber trotzdem einen erstaunlichen Sog - auch befeuert von pulsierenden Elektroklängen, die der Regisseur höchstpersönlich komponiert hat.

Kurz bevor an unterschiedlichen Orten - etwa im Innenministerium - sorgsam platzierte Bomben explodieren, schleicht sich in den nüchtern gefilmten Ablauf ein surreal anmutender Rückblick ein, der die jungen Attentäter beim Tanzen zeigt. Traumversunkene Bewegungen und Gemeinschaftsgefühl verschmelzen hier auf eindringliche Weise.

Was genau diese aus unterschiedlichen Schichten und ethnischen Hintergründen zusammengesetzte Gruppe antreibt, blendet Bonello aus. Andere Flashbacks werfen dem Publikum allenfalls kleine Brocken hin, deuten eine grundsätzliche Ablehnung des Systems an, erklären letztlich aber nichts. Mit seiner provokanten und sicher diskutablen Verweigerungshaltung unterläuft "Nocturama" die Erwartungen des Zuschauers und dürfte nicht wenige frustriert zurücklassen. Gleichzeitig liegt jedoch genau darin die faszinierend-verstörende Unberechenbarkeit des Films, der das Prinzip "Show, don't tell!" konsequent beherzigt.

Orientierungslos und wütend

Da die Vorgeschichten außer Acht gelassen werden und eine sehr heterogene Rebellen-Clique im Zentrum steht, drängen sich Vergleiche mit realen Anschlägen nur am Rande auf. Konkrete Ereignisse und Bezüge interessieren Bonello nicht. Vielmehr ist er bemüht, ein grundsätzlich angespanntes gesellschaftliches Klima zu illustrieren, in dem eine orientierungslose Jugend von Wut und diffusen Aggressionen geleitet wird.

Deutlich erkennbar ist dieses Vorhaben auch im zweiten Teil des Thriller-Dramas: Nach dem Anschlag konzentriert sich die Handlung fast ausschließlich auf ein Luxuskaufhaus, das den Hauptfiguren als nächtlicher Zufluchtsort dient. Wirkte das Geschehen anfangs zumeist betont realistisch, erzeugt der Film in den Räumlichkeiten des Konsumtempels eine albtraumhaft-entrückte Atmosphäre und legt dabei die Verwirrung und Verunsicherung der Jugendlichen offen.

Leider dreht sich "Nocturama" hier des Öfteren im Kreis, lässt die Spannungskurve etwas absacken und operiert nicht immer mit glaubwürdigen Entwicklungen. Dank eines wiederum intensiven Schlussspurts brennt sich der eigenwillige, schwer fassbare Film dennoch ins Gedächtnis ein und liefert auch Tage später noch Stoff zum Nachdenken.

Christopher Diekhaus

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht