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Eine kleine Lüge - Do. 10.10. - ARTE: 21.00 Uhr

Kleiner Fettklumpen, sehr große Wirkung

Stress mit der Familie und im Beruf: Um wenigstens etwas Anerkennung zu bekommen, erfindet eine Mutter einen Tumor. "Eine kleine Lüge", so der Titel der sechsteiligen französischen Miniserie, führt sie in der Tragikomödie von Fabrice Gobert in den persönlichen Abgrund.

  • Nur noch ein Dinner for One: Die hingebungsvolle Mutter Elvira (Marina Hands) fühlt sich von ihren Kindern und ihrem Lebenspartner nicht mehr wahrgenommen und beachtet. Foto: ARTE / Unité de Production
  • Am Rande des Nervenzusammenbruchs: Tagtäglich opfert sich Elvira (Marina Hands) für ihre fünfköpfige Familie auf. Dafür erhält sie allerdings keine Aufmerksamkeit. Foto: ARTE / Unité de Production
  • Lange hat Patrick (Mathieu Demy) seine Lebensgefährtin nicht mehr beachtet. Als er von ihrer angeblichen Krebserkrankung erfährt, will er wieder in Form kommen. Foto: ARTE / Unité de Production
  • Champagner im Pool: Nachdem Patrick (Mathieu Demy) von der angeblichen Krebserkrankung seiner Partnerin Elvira (Marina Hands) erfährt, setzt er alles daran, ihre Beziehung wieder aufleben zu lassen. Foto: ARTE / Unité de Production

Nein, das Leben der dreifachen Mutter Elvira (Marina Hands) ist nun wirklich nicht mehr schön. Ihre Kinder schütten sie mit ihren eigenen Problemen zu, allenfalls motzen sie sie an, wenn beispielsweise die älteste Tochter Carole (Marie Drion) ihre Jeansweste mal wieder nicht finden kann. Von ihrem Lebenspartner Patrick (Mathieu Demy) hat Elvira ohnehin nichts mehr zu erwarten, seitdem dieser sich wohl mehr mit einer Geliebten vergnügt. Zudem hasst die gestresste wie tapfere Mutter ihren Beruf in der Versicherungsbranche. Warum sie diesen denn mache, fragt sie ihr Chef, ein ausgesprochener Tyrann, bei einer Besprechung. Elvira bleibt nur diese eine Erkenntnis: "Ich habe vier Mäuler zu stopfen."

Regisseur Fabrice Gobert nutzt die fragwürdige Figur von Elviras tyrannischem Chef, um ihre ganze Ausweglosigkeit in der französischen, sechsteiligen Miniserie "Eine kleine Lüge", die nun bei ARTE zu sehen ist, sehr plakativ zusammenzufassen. Dieser erklärt ihr in drastischen Worten: "Sie müssen ihre Kinder durch die Schule bringen, Kinder, die es ihnen nicht danken. Ihr Mann ist viel unterwegs. Ihre freien Nachmittage verbringen sie im Supermarkt, weil sie mal wieder Überstunden abbummeln müssen. Abends kommen sie völlig erledigt nach Hause. Dann müssen sie die Wäsche waschen, Abendessen vorbereiten. Das ist, als ob sie zwei Jobs hätten. So sind sie zwangsläufig erschöpft. Und sie bauen Mist, weil sie sich um zu viele Dinge kümmern müssen."

Welcher Ausweg bleibt der bemitleidenswerten Mittvierzigerin? - Sie könnte sich die Kugel geben oder einfach nur flüchten. Das wäre nachvollziehbar. Doch zunächst muss die Mutter erst einmal zu einer radiologischen Untersuchung. Diese perfekt unperfekte Frau wird überzeugend gespielt von Marina Hands. Nicht umsonst wurde die Französin ("Lady Chatterley") erst im März dieses Jahres für ihre Hauptrolle in "Eine kleine Lüge" von der Jury der Series Mania als "Beste Schauspielerin" ausgezeichnet.

Diagnose: kein Brustkrebs

Es ist ein Klumpen von angesammelten Fett, der dann einen mächtigen Stein ins Rollen bringt. Elvira dachte, sie hätte womöglich wirklich Brustkrebs. Ihre arrogant wirkenden Ärztin erklärt ihr: "Ihr Körper hat ungefährliche Knoten gebildet. Ein bisschen so wie Bier ohne Alkohol, wenn sie wollen." Als Erklärung führt die lustige Dame in Weiß weiter an: "Wahrscheinlich sind sie gestresst, überfordert von ihren Kindern, ihrer Arbeit. Die Sklaverei der modernen Frau könnte man sagen."

Die Folgen eines erneut chaotischen Tages und die brutalen Wahrheiten ihres Chefs und ihrer Ärztin lassen Elvira schließlich zu dieser einen Lüge hinreißen. Sie erklärt ihrem Partner: "Ein Tumor. Die Ergebnisse waren leider schlecht." Patrick ist zunächst geschockt. Vor allem sorgt er sich darum, dass seiner vermeintlich an Krebs erkrankten Freundin bei einer möglichen Chemotherapie die schönen langen Haare ausfällen könnten.

Und doch wendet sich für Elvira fortan das Blatt drastisch. Nur durch ihre vorgegebene Lüge erhält sie von ihren Kindern und ihrem Partner endlich die Liebe und Anerkennung, die sie doch so lange vermisst hatte. Patrick bringt ihr Essen ans Bett, selbst der Nachwuchs wirkt plötzlich brav.

Alles könnte so schön sein. Doch Elviras neue scheinbar heile Welt mit weniger Stress fußt doch nur auf einer Lüge. Damit die Wahrheit bloß nicht ans Licht kommt, verstrickt sie sich mehr und mehr in einem dichten Netz der Ausreden und fatalen Blendmanöver. Während Regisseur Fabrice Gobert ("Les Revenants") geschickt die Balance zwischen Drama und Komödie hält, bleibt Elviras Handeln der Lüge trotz aller Widersprüche zunächst nachvollziehbar und sogar sympathisch. Umso erschreckender aber wird es, wie weit die Mutter geht, nur um zu bekommen, was sie tief in ihrer Seele wirklich will: ihre kleine heile Welt.

ARTE strahlt die bemerkenswerte Serie donnerstags, 10. und 17. Oktober, aus. Drei aufeinanderfolgende Episoden sind jeweils ab 21.00 Uhr zu sehen.

Andreas Schoettl

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