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37°: Wir ticken anders - Di. 28.01. - ZDF: 22.15 Uhr

Leben mit dem Tourette-Syndrom

Unkontrollierte Zuckungen, merkwürdige Töne, manchmal obszöne Ausbrüche: Menschen, die unter dem Tourette-Syndrom leiden, irritieren mit ihren "Ticks". Zwei Betroffene erzählen, wie sie mit der neuropsychiatrischen Erkrankung umgehen.

  • Pauline (rechts) ist mit 17 an Tourette erkrankt. Große Unterstützung erhält sie von ihrer Mutter Ute. Foto: ZDF / Iris Bettray
  • Pauline (links) ist mit 17 an Tourette erkrankt. Mutter und Tochter wollen, dass ihr Leben so normal wie möglich weitergeht. Foto: ZDF / Iris Bettray
  • Pauline hat mit 17 in Island ein Gymnasium besucht. Hier entdeckte sie die ersten Tourette-Ticks. Foto: ZDF / Iris Bettray
  • Pauline hat Tourette. Sie leidet auch an Depressionen. Ihre Ticks erregen oftmals unverständige Reaktionen in der Öffentlichkeit. Foto: ZDF / Iris Bettray
  • Bijan ist Abgeordneter im Hessischem Landtag. Er ist schon als kleiner Junge an Tourette erkrankt. Trotzdem hat er seinen Traum verwirklicht, Politiker zu werden. Foto: ZDF / Iris Bettray
  • Bijan K. hat Tourette, seine Ticks kann er nicht kontrollieren. Trotzdem soll die Krankheit seine Karriere als Politiker nicht behindern. Foto: ZDF / Iris Bettray
  • Bijan hat Tourette. Er ist Abgeordneter im Hessischen Landtag. Auch bei einem Besuch im Bundestag kann er seine Ticks nicht kontrollieren. Foto: ZDF / Iris Bettray

"Mango-Salat", ruft Pauline manchmal quer durch ein Restaurant. Und das ziemlich laut. Dann drehen sich die anderen Gäste um. Sie sind irritiert. Über das Verhalten der 18-Jährigen aus Berlin. Doch Pauline will überhaupt gar keinen Mango-Salat. Ihr Ausruf ist "nur" einer ihrer verstörenden Ticks, unter denen sie immer wieder leidet. Die Schülerin hat das Tourette-Syndrom. Betroffen von Tourette sind in den Deutschland rund 40.000 Menschen. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher. Die unheilbare, neuropsychiatrische Erkrankung hat unter anderem zur Folge, dass unkontrollierbare Zuckungen auftreten oder merkwürdige Töne geschrien werden. Schlimmstenfalls kommt es zu obszönen Ausbrüchen. Die Forderung nach "Mango-Salat" jedenfalls klingt ziemlich harmlos.

Pauline ist eine von zwei Tourette-Betroffenen, die sich für die Dauer rund eines Jahres für den Film von Iris Bettray mit der Kamera begleiten ließen. Im Rahmen von "37°" im Zweiten ist der Beitrag nun zu sehen. Bei der jungen Schülerin traten die Symptome in der Pubertät auf. Es begann nur mit Augenrollen, Schläge auf die Brust folgten. Dann kamen die merkwürdigen Töne, die sie auch von sich gibt. "Manchmal habe ich sehr gute Tick-Tage, dann ticke ich wenig und habe die Hoffnung, es wird besser", erzählt sie im Film. Der Zuschauer wünscht ihr, es möge ihr gelingen. Das aber passiert nicht.

Bei Tourette ist vieles von der "Tagesform" und dem eigenen Befinden abhängig. Angst-, Zwangs- und Aufmerksamkeitsstörungen, Depressionen und Suchterkrankungen können sogar die Begleiterscheinungen des unheilbaren Symptoms sein. Pauline hat immerhin trotz eines längeren Aufenthalts in einer Klinik ihren Humor nicht verloren. Manchmal freut sie sich, wenn sie andere Menschen durch ihre Ticks zum Lachen bringt, "dann war die Krankheit wenigstens für etwas gut", sagt sie.

Mit dieser Kraft verfolgt die Berlinerin mutig ihr Ziel, ein möglichst "normales Leben" führen zu können. Das angestrebte Bestehen des Abiturs soll ein nächster Schritt sein. Bijan aus Darmstadt hat dieses bereits in der Tasche. Zudem hat der 30-Jährige ein Volkswirtschafts-Studium abgeschlossen. Bijan ist sogar der Einzug in den Hessischen Landtag gelungen. Als Abgeordneter! Mit seinem Tourette geht er offen um. Manchmal erfährt er in Stresssituationen Rückschläge. Etwa bei einer Reise nach Berlin zum Bundestag. Dann kippt sein Kopf urplötzlich und öfter unkontrollierbar zur Seite oder seine Hand schlägt aus. Gefährlich wird Bijan aber niemandem. Über seine Erkrankung kann auch Bijan manchmal lachen. Er sagt: "Ach, was ist schon Behinderung. Ich sehe jeden Tag eine Menge Leute, die haben vermeintlich keine Behinderung und stehen sich trotzdem unglaublich im Wege."

Andreas Schoettl

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