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Tatort: Falscher Hase - So. 01.09. - ARD: 20.20 Uhr

Von Fargo nach Frankfurt

Es ist bitter kalt in Frankfurt, doch nicht nur deshalb erinnert der Fall der Kommissare Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch) an den Humor der Coen-Brüder. Emily Atef, die mit "3 Tage in Quiberon" den Deutschen Filmpreis 2018 gewann, schrieb und inszenierte einen "Tatort".

  • Die Frankfurter "Tatort"-Kommissare Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch) bekommen es mit einem tragikomischen Fall zu tun. Foto: HR / Bettina Müller
  • Eheleute, die auch nach vielen Jahren noch so verliebt wie Teenager sind: Hajo (Peter Trabner) und Biggi Lohmann (Katharina Marie Schubert). Foto: HR
  • Die nette Biggi Lohmann (Katharina Marie Schubert) trifft bevorzugt mit einem Präzisionsschuss zwischen die Augen. Foto: HR
  • Die Gangster-Brüder Guy (Werner Daehn, links) und Rick (Friedrich Mücke) haben mitunter Meinungsverschiedenheiten. Foto: HR / Bettina Müller
  • Die Möchtegern-Lebensgewinner "Sahni" Sander (Ronald Kukulies, links) und Uwe Ohlberger (Godehard Giese) wollen auch mal im Konzert der Strippenzieher mitspielen. Foto: HR / Bettina Müller
  • Gangster Guy (Werner Daehn) und seine Frau Anouk (Johanna Wokalek)stehen eher auf der dunklen Seite der Macht. Foto: HR / Bettina Müller
  • Die Frankfurter "Tatort"-Kommissare Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch) ermitteln diesmal in "Fargo"-artiger Kälte. Foto: HR / Bettina Müller
  • Das Unternehmer-Ehepaar Hajo (Peter Trabner) und Biggi Lohmann (Katharina Marie Schubert) hat sich durch seinen versuchten Versicherungsbetrug in eine schier aussichtslose Lage gebracht. Foto: HR / Bettina Müller
  • Rick (Friedrich Mücke, links), Guy (Werner Daehn, zweiter von links) und Alexei (Ilja Sorokin) regeln ihre Meinungsverschiedenheiten auf Gangster-Art. Foto: HR / Bettina Müller

Schon nach etwa einer Minute ist die Mörderin des "Tatorts" enttarnt - quasi mit ihrer Vorstellung als Nervenbündel. Das Unternehmer-Ehepaar Hajo (Peter Trabner) und Biggi Lohmann (Katharina Marie Schubert) inszeniert wegen schwerwiegender finanzieller Probleme einen Überfall auf ihre Solartechnik-Firma. Die Versicherung soll für wertvolle "Seltene Erden" zahlen, welche aber nur scheinbar entwendet wurden. Während Hajo an seinen Schreibtischstuhl gefesselt von seiner Biggi angeschossen wird - schließlich soll das Ganze ja glaubhaft sein -, betritt ein Wachmann den Raum. Im Affekt streckt ihn Biggi mit einem Schuss zwischen die Augen nieder. Die Probleme des Ehepaares, abseits der Tat als ganz liebe Leute porträtiert, werden in "Tatort: Falscher Hase" dadurch nicht weniger.

Während die Kommissare Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch) in einem der kältesten November seit Beginn der Temperaturaufzeichnung ihre Ermittlungen aufnehmen, entwickeln sich die Dinge für die Lohmanns immer weiter in den Minus-Bereich des Glücks hinein: Möchtegern-Gangster, toll besetzt mit Friedrich Mücke, Godehardt Giese und Ronald Kulkulies, kommen hinter das Geheimnis und erpressen die schlingernden Unternehmer. Wie in "Fargo", dem mit zwei Oscars prämierten Filmklassiker der Coen-Brüder von 1997, ahnt man: Diese hessische Variante des wendungsreichen Possenspiels mit guten Menschen und brutal-tragischen Idioten, kann nicht gut ausgehen.

Eine Brise feiner Humor, ja ein unterkühlter Hauch von Selbstironie, schwang schon öfter mit, wenn der experimentierfreudige Hessische Rundfunk seine Kommissare Janneke und Brix auf Verbrecherjagd schickte. Doch so lustig wie diesmal war es in Frankfurt noch nie. Dass ausgerechnet die hochdekorierte Emily Atef (Deutscher Filmpreis 2018 für das Romy Schneider-Drama "3 Tage in Quiberon") diesen tragischen Spaß schrieb und inszenierte, erstaunt ein bisschen. Atef, bislang mit tiefgründigen starken Dramen wie "Wunschkinder" oder "Das Fremde in mir" aufgefallen, inszeniert diesen Stoff so federleicht und dennoch mit tragischer Tiefe, wie man es in deutschen Produktionen selten zu sehen bekommt. An "Fargo" erinnert der Stoff nicht nur deshalb, weil es so kalt ist. Es ist der vom Schicksal tragikomisch gekonterte Wunsch der Figuren, ihr Leben durch eine (Straf)tat in bessere, ja ideale Bahnen zu lenken, von dem hier erzählt wird. Geistig eher minderbemittelte Charaktere sehen sich als Gangster, die das große Rad drehen. Grundguten liebenden Menschen passieren hingegen schlimme Dinge, die aber so absurd sind, dass man darüber lachen muss.

Katharina Marie Schubert ragt heraus

Derlei Humorkonstrukte können - gerade unter der Ägide des öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehens - gern mal auf krachlederne Art scheiter. Doch nicht hier! Atefs wendungsreiches Drehbuch und ihr selbst für "Tatort"-Verhältnisse mit Stars gespicktes Ensemble (bisher unerwähnt blieb: Johanna Wokalek) halten die künstlerische Balance zwischen ernsthaftem Krimi und Posse, zwischen zurückhaltendem Spiel und hanebüchenen Plotideen, zwischen Lakonie und brutalen Action-Explosionen, die auch einen Hauch Tarantino transportieren. Und das nicht nur, weil in einer Szene gut sichtbar ein Finger abgeschnitten wird oder in einer anderen der gut gebaute Friedrich Mücke splitternackt vor der Kamera steht.

Ein Extralob gebürt wieder einmal Episodenhauptdarstellerin Katharina Marie Schubert. Wie schon im Stuttgarter "Tatort: Anne und der Tod", gesendet im Mai 2019 - da spielte die 42-jährige Ausnahme-Schauspielerin eine tatverdächtige Altenpflegerin - brilliert sie auch hier wieder als sensibel nervöse Frau, die es eigentlich allen recht machen will und doch tragische, tödliche Spuren auf ihrem Lebensweg hinterlässt.

Es ist das zum Scheitern verurteilte Drama des Menschen auf der Jagd nach Glück, das diesen "Tatort" erst recht in die philosophpische Mitte des Coen Brüder-Filmuniversums rückt. Und weil all die Träume, die hier gejagt werden, nicht mehr ganz jungen Menschen zwischen 40 und 50 gehören, spielen neben einer auffällig starken Filmmusik (Christoph M. Kaiser, "3 Tage in Quiberon") ein paar Softrock-Hits aus der Jugend der Protagonisten die akustische Begleitmusik aus der Stereoanlage des Autoradios: "The Boys of Summer" von Don Henley oder "The Power of Love" von Jennifer Rush. Wer sich an jene 80-er-Hits erinnern kann, hat in der Regel schon den ein oder anderen Lebenstraum - analog zu den Filmfiguren - unter dem Zugriff der Zeit zerplatzen sehen.

Eric Leimann

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