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Steven Spielberg-Dokureihe "Warum wir hassen"

Warum ist der Mensch so böse?

Die Oscar-Preisträger Steven Spielberg und Dokumentarfilm-Guru Alex Gibney ("Taxi zur Hölle") analysieren in sechs Filmen Ursachen und Ausprägungen menschlichen Hasses. Ausführlich kann man dem Telekolleg bei ZDFinfo folgen. Das "große" ZDF sendet immerhin Folge vier über "Extremismus".

  • Der Mensch ist zu Liebe und zu Hass in extremem Ausmaß fähig. Aber warum ist das so? Wofür ist es gut? Und wie kann man das Negative in uns in Schach halten? Eine sechsteilige Dokureihe, die von Steven Spielberg produziert wurde, analysiert den Hass. Foto: ZDF und getty images / Matthew Steward Bennett
  • Historisch begründeter Hass: Zwei Männer halten eine brennende Israel-Flagge und schwenken parallel eine aus Palästina. Foto: ZDF und torokman, mohamad
  • Stammeszugehörigkeit stärkt eine Gruppe, fördert aber auch den Hass nach außen: Fußballfans bei einem Marsch in Manchester. Foto: ZDF / Jacqui Lewis
  • Ein Mitglied der rechtsradikalen "Alt-Right"-Bewegung zeigt in Portland, USA, einem farbigen Gegen-Demonstranten den Mittelfinger. Foto: ZDF / getty images / Stephanie Keith
  • Gedenkstätten auf den "Killing Fields" in Kambodscha: In der Folge "Völkermord" wird untersucht, wie Anführer, Mittäter und Mitläufer zu ihren Verbrechen gegen die Menschlichkeit kamen. Aber auch, warum es immer Menschen gab, die dem Hass widerstanden. Foto: ZDF/longstreath, david
  • Gewalt während einer "Alt-Right"-Demonstration in Portland, USA, 2019. Foto: ZDF / getty images / Stephanie Keith

Schimpansen sind gar nicht so nett. Eigentlich sind sie sogar ziemlich kriegerisch. Ein neues Alpha-Männchen tötet die Babys seines Vorgängers. Auch Überfälle von Männchen-Armeen auf Lager anderer Herden, inklusive brutalster Verwüstungen und Gewalttaten, kann man in Folge eins der bemerkenswerten TV-Dokureihe "Warum wir hassen: Ursprung" (Sonntag, 10. November, 20.15 Uhr, ZDFinfo) verblüfft bis angewidert zur Kenntnis nehmen.

Vom Ethnologen Brian Hare erfährt man, dass unser menschliches Genmaterial dem des kriegerischen Affen sehr ähnlich ist, dass aber auch Bonobo-Affen mit dem fast gleichen Erbgut herumlaufen. Mit dem Unterschied, dass diese Primatenart als friedlich, sozial und "zivilisiert" gilt. Doch wo liegt der Unterschied zwischen den Arten? Bonobo-Affen entwickelten sich stammeshistorisch auf jener Seite des Flusses Kongo, in dem das Nahrungsangebot üppig war, während die Schimpansen am anderen Ufer zu kämpfen hatten. Sind es also nur die schlechten Umstände, die den Menschen zum bösen Affen werden lassen? Bertolt Brecht wäre begeisert gewesen.

In jedem der sechs von Oscar-Preisträger Steven Spielberg und Dokumentarfilmer Alex Gibney ("Taxi zur Hölle") für die Reihe produzierten 45 Minuten-Filme geht es um konkrete Ursachen und Aspekte des Hasses. Bei ZDFinfo stehen nach der Auftaktfolge "Ursprung" diese Fortsetzungen auf dem Programm: "Fremde" (10.11., 21 Uhr), "Propaganda" (11.11., 20.15 Uhr), "Extremismus" (12.11., 20.15 Uhr), "Völkermord" (13.11., 20.15 Uhr) und "Hoffnung" (18.11., 20.15 Uhr). Folge vier, "Extremismus", läuft zeitgleich, also zur besten Sendezeit, auch im ZDF. Natürlich wird das Doku-Projekt nicht nur aufgrund der prominenten Namen seiner Macher von öffentlichem Interesse verfolgt. Auch der Zeitgeist einer zunehmend aggressiveren Auseinandersetzung der Menschen untereinander lässt einen bei einem Programm mit dem Titel "Warum wir hassen" hellhörig werden.

Unterschiedliche Qualität

Tatsächlich sind die Filme von recht unterschiedlicher Qualität. Während Teil eins zwar in einigen Momenten wie dem Affen-Beispiel verblüffend klar ist, sind andere Herleitungen, Präsentationen von wissenschaftlichen Forschungen etwas konfus. Vor allem das Timing der Folgen ist zum Teil gewöhnungsbedürftig. Ein Mobbing-Opfer an einer amerikanischen Highschool darf ausführlich seine Geschichte erzählen, Zusammenhänge und schlussfolgernde Abtraktionen, die eigentliche Ursache des Hasses werden da bisweilen etwas zu verschwurbelt präsentiert.

Im stärkeren zweiten Film lernt man anhand britischer Fußballfans, den verfeindeten Fangruppen von Arsenal London und Tottenham Hotspur, wie Hass durch Gruppenzugehörigkeit sortiert und befeuert wird. Auch die Überleitungen zu den seit Donald Trump tief gespaltenen USA und ihrer Gesellschaft hin zu medialen Echoräumen ist nachvollziehbar erzählt. Wie bitter der zunehmende Verlust unabhängiger, seriöser Medien als Kontrollinstanz einer Gesellschaft wiegt, zeigt ein Beispiel aus Myanmar. In einem Land, dessen Bewohner sich vorwiegend über Facebook "informieren", kam es zu Vertreibung und völkermordartigen Ausschreitungen, weil Fake-Videos im Netz die muslimische Volksgruppe der Rohingya der Vergewaltigung an Buddhisten bezichtigte.

Digital verbreiteter und sich dadurch rasend schnell potenzierender Hass ist heute ein Problem in vielen Gesellschaften, doch in Myanmar sah man das Phänomen in seiner bisher vielleicht drastischsten Form. Gut, dass am Ende der Sechs-Filme-Strecke mit "Hoffnung" noch ein paar Gedanken folgen, wie man den Hass überwinden kann. Die in den Erzählfluss immer wieder hineingeschnittenen Szenen von Gewalt und Hass-Explosionen unter Menschen, heute routinemäßig von Handys millionenfach im Alltag festgehalten, gehen auf Dauer ganz schön an die Nieren. Vielleicht muss man als Zuschauer einfach aushalten, dass der Mensch eher dem bösen Schimpansen gleicht, als dem sanftmütigen Bonobo.

Eric Leimann

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