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Tatort: Nemesis - So. 18.08. - ARD: 20.15 Uhr

Wenn Familien im Sachsensumpf versinken

Geldwäsche, Machtklüngelei und die psychischen Abgründe einer Familie: Der zweite gemeinsame Einsatz des Dresdner "Tatort"-Trios zieht im Fall eines ermordeten Szenegastronoms alle Register. Und zeigt: Kaum jemand mit Einfluss ist ganz unschuldig.

  • Karin Gorniak (Karin Hanczewski, links) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) versuchen gemeinsam den Hergang der Tatnacht zu rekonstruieren. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato
  • Karin Gorniak (Karin Hanczewski, links) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) haben auch im zweiten gemeinsamen Fall "Nemesis" keine Zeit zu verlieren. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato
  • Was hat Katharina Benda (Britta Hammelstein) zu verbergen? Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato
  • Peter Schnabel (Martin Brambach) will den Fall möglichst ohne großes Aufsehen lösen. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato
  • Auf der Suche nach einer Kreditkarte findet die Barkeeperin Lissy (Dena Abay) den ermordeten Joachim Benda in dessen Büro. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato
  • Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) ist gerade beim Joggen, als sie zum Tatort gerufen wird. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato
  • Karin Gorniak (Karin Hanczewski) begibt sich in eine gefährliche Situation. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato
  • Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) sichern die Beweise, die sie im Wald gefunden haben. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato
  • Viktor Benda (Juri Sam Winkler) spricht zwar nicht mit Karin Gorniak (Karin Hanczewski), findet aber einen anderen Weg, um ihr einen entscheidenden Hinweis zu geben. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato
  • Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und Peter Schnabel (Martin Brambach) koordinieren die Einsatzkräfte am Einsatzort. Schnabel beschreibt der Feuerwehr die Lage. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato
  • Die Kommissarinen befragen Viktor (Juri Sam Winkler, links) und Valentin Benda (Caspar Hoffmann) sowie deren Mutter (Britta Hammelstein) Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato
  • Valentin Benda (Juri Sam Winkler) möchte auch bei seinem Bruder Valentin (Caspar Hoffmann) und seiner Mutter Katharina (Britta Hammelstein) schlafen, wird von ihr aber weggeschickt. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato
  • Valentin Benda (Juri Sam Winkler) möchte auch bei seinem Bruder Valentin (Caspar Hoffmann) und seiner Mutter Katharina (Britta Hammelstein) schlafen, wird von ihr aber weggeschickt. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato

Erst einmal durchatmen war nach dem ersten Fall des neu formierten Dresdner "Tatort"-Trios angesagt. Schließlich hatten es die Ermittler bei ihrer weitgehend positiv aufgenommenen Premiere "Das Nest" sogleich mit einem veritablen Biedermann-Serienkiller mit Faible für Horrorhäuser zu tun. Abgründiger konnte der Start für die Neue Leonie Winkler (Cornelia Gröschel), Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) kaum sein. Doch auf psychologische Abgründe unter der dünnen Oberfläche spießiger Normalität scheinen sich die Kommissare aus der sächsischen Hauptstadt langsam zu spezialisieren: Auch der Fall "Nemesis" lässt weit hinter die Kulissen der bürgerlicher Fassaden blicken.

Offengelegt werden diesmal jedoch nicht die brutalen Mordfantasien gut situierter Chirurgen, sondern der alltägliche Horror einer wohlhabenden Familie einerseits - und andererseits die nicht minder schauerhafte Klüngelei der oberen Gesellschaft einer Stadt. Dort, wo sich letztere gern zusammenfindet, in einem edlen Szenerestaurant in der Dresdner Altstadt, wird dessen Betreiber erschossen an seinem Schreibtisch aufgefunden. Dass der Tote Joachim Benda nicht nur ein erfolgreicher Szenegastronom war, sondern auch Bekanntschaften bis in die höchsten Ebenen der Stadt pflegte, zeigt sein freundschaftliches Verhältnis zu Kommissariatsleiter Schnabel, der den Ermordeten gut kannte und sehr schätzte.

Der von Martin Brambach als hübsch sächselnder Dynamo-Fan (samt des klassischen Dresden-Ausspruchs: "Das geht ni") verkörperte Chef will den Fall so schnell es geht aufklären - und möchte am liebsten keinen Staub aufwirbeln. So hält er, der die Boss-Aufforderung "In mein Büro!" perfektioniert hat, seinen beiden taffen Kommissarinnen sogleich eine Standpauke, als sie die ihm bekannte Frau des Opfers und deren Kinder zu hart verhören. Die Familie lebt in einem großzügigen Haus im berühmten Dresdner Villenviertel Weißer Hirsch und scheint zunächst aufrichtig um den ermordeten Vater zu trauern. Die Geschichte, die Katharina Bender (großartig: Britta Hammelstein) und ihre beiden Söhne Viktor (Juri Sam Winkler) und Valentin (Caspar Hoffmann) erzählen, scheint auch den Ermittlern schlüssig: Der Gastronom musste an ominöse Osteuropäer Schutzgeld zahlen und wurde schließlich von der Mafia erschossen.

Sachsensumpf light

Doch wie so oft sind die Dinge nicht so wie sie scheinen: "Mafiamord? Das ist Dresden und nicht Palermo", klärt ein Informant die Ermittlerinnen auf - und: "Das Geschäft läuft nicht mehr wie in den 90-ern." Schnell wird klar, dass Katharina Bender mehr zu verbergen hat, als sie zugibt: Wollte ihr Mann sie in die Psychiatrie einweisen lassen? Was hat es damit auf sich, dass ihre beiden Jungs immer wieder auf den Familienzusammenhalt einschwört? Und warum behandelt sie den älteren Sohn Viktor dennoch wie einen Aussätzigen? "Du machst mich krank", demütigt sie ihn laufend. Dass der von seinem jungen Darsteller beeindruckend gespielte Jugendliche der Schlüssel zur Aufklärung des Mordes ist, wird schnell auch Gorniak und Winkler klar.

Zu allem Überfluss muss sich letztere immer wieder mit dem langen Schatten ihres von allen verehrten Vaters auseinandersetzen, der einst als Kommissar in Dresden arbeitete: "Als Tochter eines erfahrenen Polizisten sollten Sie das doch besser wissen", schnauzt ihr Chef sie etwa an - und ermahnt Winkler: "Nicht in diesem süffisanten Ton! Das stand Ihrem Vater deutlich besser!" Kommissariatsleiter Schnabel misstraut den Ermittlungen seiner Kommissarinnen - kein Wunder, schließlich hingen er und Winklers inzwischen in Ruhestand befindlicher Vater tiefer im Klüngel, als sie selbst glauben wollen. Jene Verstrickungen arbeitet der "Tatort" aus der Feder von Mark Monheim und Stephan Wagner, der auch Regie führte, nachvollziehbar heraus - bis ins Detail recherchiert und in einem langsam entfalteten Skript sich entwickelnd.

So beschreibt der in kühlen, distanzierten Bildern inszenierte "Tatort" neben der toxischen Familiensituation einer reichen Elite auf kluge Weise auch eine Light-Version des so genannten "Sachsensumpfs", der in den 90er-Jahren für Aufsehen sorgte und in dem politisch ohnehin gebeutelten Bundesland bis heute nachwirkt. Ganz oben, zwischen Unternehmern und Politik, zwischen Polizei und Justiz herrscht bisweilen eine Klüngelei, die mafiösen Strukturen und männerbündischen Verschwörungen nicht unähnlich scheint. Man kennt sich, man hilft sich - gegen kleine Gefallen selbstredend. Sätze wie "Willst du wirklich den Namen deiner Familie in den Dreck ziehen?" klingen dann eben doch ein wenig nach Palermo.

Auch wenn sich das neu formierte Dresdner Trio noch ein wenig einspielen muss, auch wenn die Dialoge bisweilen etwas hölzern wirken - der "Tatort" aus "Elbflorenz" entwickelt sich in eine gute Richtung. Dass "Nemesis" am Ende gar mit einem mystischen Ausflug ins Zittauer Gebirge, einer waschechten Auto-Verfolgungsjagd und einem actionreichen Showdown aufwartet, lässt auf weitere wendungsreiche Fälle hoffen.

Maximilian Haase

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