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Dienstag, 17. Juli 2018 30° 6

"Ich muss nichts mehr verstecken"

Florence Welch - veröffentlicht ihr neues Album "High As Hope"
von Katja Schwemmers

  • Gerade zu Beginn ihrer Karriere legte Florence Welch sehr viel Wert auf ihren Auftritt: "Ich hatte die Einstellung: Mein Gesicht ist eine Leinwand. Ich bin nicht menschlich, ich bin ein Gemälde!" Foto: Vincent Haycock
  • Florence Welch genoss das Leben als Popstar in vollen Zügen und ging früher oft auf Partys: "Aber irgendwann verlor ich die Kontrolle, und alles versank im Chaos." Foto: Vincent Haycock
  • Wovon viele andere britische Künstler träumen: 2015 eroberten Florence + The Machine mit "How Big, How Blue, How Beautiful" die Spitze der US-Charts. Foto: Universal / Tape TV
  • Mit "High As Hope" erscheint das mit Spannung erwartete vierte Album von Florence + The Machine.
  • Florence Welch hat ihren Stil längst gefunden: "Gib mir ein langes Kleid mit Muster, und wenn es dann noch flattert, bin ich glücklich." Foto: Vittorio Zunino Celotto/Getty Images for Gucci
  • Florence Welch konnte mit dem Erfolg ihrer Band Florence + The Machine teilweise nicht gut umgehen, jetzt ist sie wieder obenauf: "Ich habe die Freude an der Musik wiedergefunden." Foto: Gareth Cattermole/Getty Images
  • "Dies ist die erste Platte, die ich gänzlich nüchtern geschrieben und aufgenommen habe", erklärt Florence Welch mit Bezug auf das neue Werk "High As Hope". Foto: Raphael Dias/Getty Images
  • "Als ich am glamourösesten und unnahbarsten wirkte, war ich in Wirklichkeit ein Wrack", gesteht Florence Welch mit Blick auf ihre jüngere Vergangenheit. Foto: Mauricio Santana/Getty Images

Mit den Singles "Dog Days Are Over" und "You've Got The Love" gelang der Indie-Pop-Band Florence + The Machine vor rund zehn Jahren der Durchbruch. Mit dem letzten Werk "How Big, How Blue, How Beautiful" (2015) schafften die Briten es erstmals auch in den USA auf Platz eins der Charts. Jetzt erscheint ihr viertes, etwas weniger dramatisch anmutendes Album "High As Hope", für das unter anderem Jazz-Musiker Kamasi Washington die Instrumentierung übernahm. Im Fokus steht aber natürlich weiterhin Florence Welch: Im Interview erzählt die 31-jährige Frontfrau und Stil-Ikone gut aufgelegt von alten Lastern und neuen Freuden.

Beim Treffen mit Florence Welch in London ist alles genau so, wie man es sich vorstellt: Auf dem Tisch steht ein üppiges, süßlich duftendes Blumen-Bouquet. An der Wand hängt ein Bild einer Frau im voluminösen Renaissance-Kostüm. Und Florence selbst sieht mit ihrem feuerroten Haar und Maxi-Kleid aus wie eine Fee. "Gib mir ein langes Kleid mit Muster, und wenn es dann noch flattert, bin ich glücklich", kommentiert die Frontfrau von Florence + The Machine ihren markanten Look. Den Stress einiger ihrer Showbiz-Kolleginnen, sich mit jedem Album neu erfinden zu müssen, macht sich die 31-Jährige nicht. "Das wäre mir viel zu anstrengend. Ich habe meinen Stil immer nur leicht verändert und das getragen, mit dem ich mich in dem Moment gut fühlte."

Und doch ist Florence Welch heute eine andere, wenn sie an die ersten beiden Alben ihrer Band zurückdenkt, die sie 2007 mit der Keyboarderin Isabella Summers gründete. "Damals war alles noch unter Schichten von Drama und Kostümen verdeckt. Meine Haare waren hellrot, die Augenbrauen gebleicht. Ich hatte die Einstellung: Mein Gesicht ist eine Leinwand. Ich bin nicht menschlich, ich bin ein Gemälde!", erzählt sie lachend. Bei Auftritten zum zweiten Album "Ceremonials" trug Florence Welch schwere Haute-Couture-Bekleidung auf der Bühne. "Das war mein Schutz und funktionierte wie eine Rüstung. Ich brauchte das zur Selbsterhaltung."

Denn hinter der Fassade sah es ganz anders bei ihr aus. "Als ich am glamourösesten und unnahbarsten wirkte, war ich in Wirklichkeit ein Wrack - alles schien auseinanderzufallen." Diese Entwicklung nahm schon in Teenager-Jahren ihren Lauf. Aus dem introvertierten Mädchen einer Bildungsbürgerfamilie - ihre Mutter ist Kunst-Professorin am Londoner King's College - wurde zunächst eine Punkrock-Sängerin, die mit ihrer Gang die Straßen im Süden Londons unsicher machte. Florence liebte damals die Rockband Libertines und fing an, viel zu viel zu trinken - der neue Song "South London Forever" erzählt davon. "In den Anfängen von Florence + The Machine ging ich dann auf jede Party. Mir ging es damals nicht nur um die Musik, ich mochte auch den ganzen Lifestyle, den das mit sich brachte. Aber irgendwann verlor ich die Kontrolle, und alles versank im Chaos."

Ihre Seele fing irgendwann an, durch den selbstzerstörerischen Lebenswandel Schaden zu nehmen. "Vor drei Jahren musste ich auf die Bremse treten und dem ein Ende setzen. Dies ist die erste Platte, die ich gänzlich nüchtern geschrieben und aufgenommen habe", erklärt die Sängerin mit der sirenenhaften Stimme, die oft mit der von Kate Bush verglichen wird. "High As Hope" ist das vierte Album von Florence + The Machine, und die Erwartungen daran sind groß. Mit der letzten Platte "How Big, How Blue, How Beautiful" gelang den Briten erstmals auch in den USA der Sprung an die Chartspitze. Florence hatte sich für die damaligen Songs den Liebeskummer von der Seele geschrieben. "Diesmal gab es keinerlei Dramen in meinem Leben", beteuert sie. "Und auch keinen Hangover im Studio. Es hat richtig Spaß gemacht, die Platte zu schreiben. Ich habe die Freude an der Musik wiedergefunden."

Lange Zeit habe sie gedacht, dass nur Alkohol ihre Kreativität beflügeln könnte. "Aber das ist Quatsch. Ich bin mit den neuen Liedern meinem Kern und der Frage, wer ich eigentlich bin, viel näher gekommen", erklärt Florence und führt aus: "Dazu gehörte auch, mutig genug zu sein, mein Innerstes aufzudecken und meine Verletzlichkeit zu offenbaren. Ich muss nichts mehr verstecken." Florence ist entspannter geworden. Und das ist auch ein Prozess des Älterwerdens.

"Ich merke, dass ich mich nach Normalität sehne. Ich habe gelernt, auf mich aufzupassen. Eine Struktur zu haben, ist wichtig. Zeit für mich und meine Bücher zu haben, ist mir heilig. Das alles versuche ich zu schützen - trotz des verrückten Lebens, das ich führe." Darum geht es auch auf dem neuen Album. Das Stück "No Choir" etwa handelt davon, dass ein tolles Konzert oder der Erfolg einer Platte nur einen kurzen Rausch bedeuten. "Ich musste erst realisieren, dass es die kleinen Dinge sind, die dir den größten inneren Frieden und möglicherweise die größte Glückseligkeit geben. Aber eigentlich ist diese Erkenntnis natürlich viel zu langweilig, um darüber einen Song zu schreiben", meint Florence, die früher auf Hochzeiten und Beerdigungen sang.

Mit "Useless Magic" hat Florence Welch parallel zur Platte auch noch ihr erstes Buch in der Pipeline. Es ist eine Sammlung all ihrer Texte für die Band, verwoben mit Gedichten, Skizzen und Entwürfen aus ihrem Notizbuch. In den sozialen Netzwerken hat sie zudem ihren eigenen Buchklub. Die Seite "Between Two Books", die vor sieben Jahren von zwei Fans initiiert wurde, hat auf Instagram inzwischen mehr als 100.000 Follower. Dort empfehlen neben Florence längst auch Musiker-Kollegen wie Nick Cave, Grayson Perry oder Fiona Apple ihre Lieblingsschmöker. "Ich liebe es, weil es dabei mal nicht um mich oder meine Musik geht", erklärt Florence.

Am 14. Juli werden Florence + The Machine ihr einziges Deutschlandkonzert 2018 als Headliner beim Melt!-Festival in Sachsen-Anhalt spielen. Dass im Publikum dann wahrscheinlich auch wieder jede Menge junge Mädchen mit Blumen im Haar sein werden, die alle ein bisschen so aussehen wie sie selbst, freut Florence. "Das ist so süß! Bei mir kommt dann rasch das Mütterliche durch. Ich möchte sie am liebsten alle umarmen, beschützen und sicherstellen, dass sie danach wieder unversehrt nach Hause kommen." Letztendlich erinnert es die Stil-und Pop-Ikone auch an ihre eigene Jugend. "Als Teenager war ich so verloren. Ich kenne die Situation in ihrem Alter nur zu gut. Auf jeden Fall fühle ich mich mit den jungen Frauen, die mir heute folgen, eng verbunden."

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